Im November finden in die 13. Ostfriesischen Krimitage statt und laden zu Lesungen. Der Erfolg der Veranstaltungsreihe lässt keinen Zweifel: In Ostfriesland fühlen Krimis und Krimi-Autoren sich wohl. Aber warum eigentlich ist der Landstrich in dem Genre so beliebt? Der erfolgreiche Leeraner Krimi-Autor Peter Gerdes hat eine Antwort. Im Gespräch erklärt er auch, was eigentlich einen guten Regional-Krimi ausmacht.

Es gibt eine Menge Regionalkrimis und auch Sie sind in dem Genre erfolgreich. Wie kommt es, dass diese Krimis so beliebt sind?

GerdesDer Erfolg des Regionalkrimis liegt vor allem in der starken Identifikationsmöglichkeit. Die Leute finden sich darin wieder: entweder ihre Heimatregion oder – sehr viel häufiger noch – die Region, die sie lieben. Das ist eine Region, von der sie träumen, wo sie häufig Urlaub machen und später vielleicht mal hinziehen wollen

Es scheint so, dass Ostfriesland eine besondere Dichte an Regionalkrimis hervorgebracht hat. Da denke ich auch an Ihren Kollegen Klaus-Peter Wolf in Norden, dessen Krimis Bestsellerlisten anführen und verfilmt wurden. Gleich zwei Serien von TV-Filmen spielen in Ostfriesland. Woran liegt das?

GerdesEs gibt inzwischen überall Regionalkrimis. Bayern und das Ruhrgebiet waren vor Ostfriesland sehr beliebte Krimi-Regionen, aber Ostfriesland hat sich in den letzten zehn, fünfzehn Jahren sehr nach vorne geschoben. Die große Dichte kommt davon, dass die Region als solche sehr beliebt und die Identifikation mit ihr sehr stark ist. Viele Menschen haben Sehnsucht nach dieser Landschaft, der Küste, dem Wechsel von Ebbe und Flut. Das Gefühl wollen sie mit nach Hause nehmen, vielleicht auch verschenken, um andere teilhaben zu lassen. So hat man als Autor hier auch gewisse Chancen, ein interessiertes Publikum zu finden.

Es fällt auf, dass ostfriesische Krimigeschichten es zu bundesweitem Ruhm bringen. Sie haben deutschlandweit Erfolg und auch Herr Wolf führt ständig die Bestsellerlisten an.

GerdesDas stimmt. Klaus-Peter Wolf war ja schon bekannt, als er nach Ostfriesland kam. Er hatte schon Drehbücher und Jugendbücher geschrieben, ehe er sich für Ostfriesland entschieden hat, und er hatte die Kontakte. Er wollte Krimis aus Ostfriesland schreiben, obwohl man ihm beim Fischer-Verlag sagte, dass das nichts Großes wird. Aber er hatte Recht, wie wir alle wissen, es ist groß geworden. Bei den TV-Frieslandkrimis aus Leer sind meine Frau Heike und ich auch ein wenig beteiligt. Wir machen unter anderem alle zwei Jahre die ostfriesischen Krimitage, jetzt zum 13. Mal, und wir hatten den Leda-Verlag. Da haben wir Talente entdeckt, die bei uns rausgekommen sind – unter anderem Sandra Lüpkes, die bei uns einige erfolgreiche Romane rausgebracht hat. Sie ist dann weitergezogen zu Rowohlt und dtv, hat dann Fernsehkontakte entwickelt und schreibt mit an den Drehbüchern für die Frieslandreihe. Ich denke, sie hat dazu beigetragen, dass Leer der Ort ist, in dem die Reihe spielt.

Der neue Roman von Klaus-Peter Wolf spielt in der Weihnachtszeit in Norden/Norddeich.

NEUERSCHEINUNG Weihnachtskrimi von Klaus-Peter Wolf schafft Sprung in die Bestseller-Liste

Marina Folkerts
Norden

Sind Sie eigentlich bekannt oder sogar befreundet mit dem Herrn Wolf oder geht man sich als Mitbewerber aus dem Weg?

GerdesAuf keinen Fall! Wir sind sehr gut bekannt, sind gute Kollegen. Das heißt, wir besuchen uns nicht zum Tee, aber wir treffen uns auf Messen oder beim jährlichen Festival CRIMINALE und wir verstehen uns gut. Wir sind Buddies. Das ist in der Szene eigentlich der Normalfall. Dass wir an der Kasse im Buchladen Konkurrenten sind, bestimmt nicht unser Verhältnis. So ist es meistens, bis auf wenige Ausnahmen. Aber wir sind im SYNDIKAT mittlerweile 800 Mitglieder, da gibt es natürlich auch immer wieder jemanden, der dem anderen nicht aufs Fell schauen kann.

Was zeichnet eigentlich einen guten Regionalkrimi aus? Ist es mehr der Plot, also die Handlung, ist es die Sprache oder tatsächlich vor allem die Regionalität?

GerdesVon Begriff her heißt das, dass der Krimi von etwas handelt, das nur in der jeweiligen Region so geschehen könnte – und das glaubwürdig und verständlich. Ein guter Regionalkrimi muss alles haben, was ein guter Krimi hat – einen Spannungsbogen etwa und vernünftiges Personal, einen glaubwürdigen Konflikt, gute Sprache – und darüber hinaus noch das Regionale. Also, ich definiere das so: Es ist schwieriger einen guten Regionalkrimi zu schreiben, als einen x-beliebigen. Das wird mancher meiner Kollegen abstreiten, weil Regionalkrimi wie dritte Liga klingt. Aber wer einen Regionalkrimi verfasst, der nicht gut geschrieben ist und nicht spannend, nur 1000 Ortsnamen hat, der hat für mich kein gutes Buch geschrieben. Der Konflikt vor Ort: Das war vor 20 Jahren hier die Windkraft, um die sich manche Geschichte dreht. Zu dem Thema habe ich auch meinen ersten großen Erfolg geschrieben, „Ebbe und Blut“. Das Buch ging in mehreren Ausgaben über die Marke von 100 000 verkauften Exemplaren.

Was ist eigentlich wichtiger, wenn man einen eigenen Krimi oder einen eigenen Roman schreiben will? Braucht man vor allem großes Sprachtalent oder vor allem Gefühl für Spannungsbögen?

GerdesIch denke, man muss zunächst einmal spannende Geschichten erzählen wollen. Man muss es wollen, Themen in Geschichten zu verpacken und diese für ein Publikum zu schreiben. Man muss sich für Themen interessieren und eine gewisse Leser-Orientierung haben. Für mich war auch schon als Journalist Sprache immer wichtig und ich habe in Geschichten viel gefunden, was mir auch die Welt erklärt hat. So habe ich manche Romane gelesen, bei denen ich mich hinterher schlauer gefühlt habe als vorher. Dieses Interesse ist wichtiger, als ein großer Metaphoriker zu sein.

Wie fangen Sie denn einen Krimi an? Ist der Plot schon fertig und Sie machen nur noch das Fleisch drum herum oder entwickelt sich das beim Schreiben?

GerdesIch habe mehr eine Skizze. Das machen Autoren ganz unterschiedlich, manche wie der Jürgen Kehrer, der Erfinder von Wilsberg, wissen von Anfang an, wie es ausgeht und schreiben das nur noch auf. Andere, wie die Ingrid Noll, sagen: Ich weiß am Anfang noch nichts, ich kenne nur meine Figuren. Die setze ich in eine Situation und gucke mal, was die so machen.

Sie wissen beim ersten Satz schon, wer der Mörder ist?

GerdesMeistens schon, aber nicht immer. Das hat sich auch schon geändert. Ich habe im Verlauf des Schreibens die Zusammenhänge verändert und dann gewinnt so ein Text plötzlich Eigendynamik. Da entsteht dann eine innere Logik, die mir manchmal erst beim Schreiben bewusst wird: Ach, so ist das! Dann muss ich den Kurs ändern. Einmal hatte ich drei Verdächtige, an denen der Kommissar sich abarbeitete. Mal war der eine der Hauptverdächtige, mal der andere, da habe ich mich erst kurz vor Schluss entschieden, wer der Täter ist. Man muss ja eh falsche Spuren legen.

Axel Pries
Axel Pries Ostfriesland-Redaktion/Leer