Leer/Jemgum - Anfang August ist die traditionelle Zeit für Landwirtschafts-Weise, ein Zwischenfazit der Ernte zu ziehen und die Wetterkugel über Erträge im Spätsommer und Herbst zu befragen. Weil das – nicht zuletzt aufgrund von möglichen Wetterkapriolen – aber nur eingeschränkten nachrichtlichen Nährwert hat, haben wir uns mit dem Landvolk Ostfriesland (LHV) stattdessen über eine längerfristige Perspektive unterhalten: Wie entwickelt sich der Ackerbau im Kreis Leer und der Region allgemein? Wo geht die Reise angesichts schärferer Auflagen für den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln hin? Klaus Borde, Vorsitzender des LHV-Kreisverbands Leer, gibt Auskunft.
Verlagerung auf mehr Sommergetreide
„Bei uns wurde klassisch eher Wintergetreide angebaut, also vor allem Weizen und Gerste. Seit einigen Jahren ist das aber im Wandel, immer mehr Landwirte bauen auch Sommergetreide an“, so Borde. Die Erträge hingen zwar deutlich stärker vom Niederschlag ab als beim Wintergetreide, das Trockenphasen relativ gut verkraftet, es sei aber auch pflegeleichter und beispielsweise weniger empfindlich gegenüber Pilzbefall. „Das wird sich in den kommenden Jahrzehnten wahrscheinlich noch mehr verschieben“, so Borde mit Blick auf den Klimawandel. Dass Ostfriesland dadurch höhere Beiträge zur Broterzeugung leiste, sei aber unwahrscheinlich: „Das meiste, was hier angebaut wird, ist für den Eigenbedarf als Tierfutter, weil die Qualitäten als Mehl zu sehr schwanken.“ Es sei aber immer besser, möglichst viel Futter vor Ort zu erzeugen, als zu importieren, so der Vorsitzende – und das nicht nur, weil auch Kraftfutter durch den Ukraine-Krieg deutlich teurer geworden ist.
Klaus Borde ist Vorsitzender des Kreisverbands Leer beim Ostfriesischen Landvolk. Bild: Landvolk
Die Suche nach Soja-Ersatz
Borde: „Die hiesige Landwirtschaft trägt einen Teil dazu bei, dass wir viel Soja aus dem Ausland importieren.“ Der sogenannte „Kuchen“, der nach dem Entzug von Sojaöl bleibe, wird dann als Eiweißfuttermittel eingesetzt. Wie Borde betont, sei das aber nicht – wie gern vonseiten einiger Kritiker dargestellt – der einzige Grund für den Import, denn auch die Herstellung von Fleisch- und Milchersatzprodukten kommt nicht ohne Soja aus. Immer mehr Landwirte versuchen diese aber zu vermeiden, führt der Vorsitzende weiter aus, unter anderem mit Ackerbohnen, die sich als Futtermittel-Ersatz gut eignen. Grundsätzlich hätten einheimische Landwirte hier auch gute Karten und können flexibel auf geänderte Anforderungen reagieren, weil Ostfriesland eine fruchtbare „Gunstregion“ ist. Aber: „Uns geht leider immer mehr Fläche verloren.“
Kritik an Idee von Flächen-Stilllegung
Grund dafür sind verschärfte gesetzliche Vorgaben, die Landwirte zwingen, auf Äckern teils sehr breite Randstreifen freizulassen. Das betrifft unter anderem alle Flächen, die an ein Tief – ein sogenanntes Gewässer 2. Ordnung – angrenzen, hier darf erst ab fünf Metern Abstand gedüngt, beziehungsweise gespritzt werden. Dazu kommt jetzt aber noch die auf EU-Ebene diskutierte Stilllegung von jeweils vier Prozent der landwirtschaftlichen Flächen pro Jahr. „In Brüssel hat man anscheinend keine Ahnung, wie viel wir Landwirte in den letzten 20 Jahren für den Naturschutz getan haben“, kritisiert Borde. Die Idee, trotz der hohen naturschutzrechtlichen Standards in Deutschland – besonders in Ostfriesland, wo viele Äcker in Schutzgebieten liegen – ohne Not Flächen einfach nicht zu bewirtschaften, hält er für absurd. „Unser Job ist es, die Welt zu ernähren. Der Hunger, den wir mit dieser Idee erzeugen, trifft aber nicht uns, sondern die Dritte Welt, aus der wir Produkte billig kaufen.“ Einen ökologischen Wert hätten die stillgelegten Flächen auch nicht.
Stickstoff-Limit bei Gülle reines Politikum
Eine andere Baustelle für die nächste Generation von Landwirten sieht Borde auch beim Thema Düngung. „Die hohen Preise beim Mineraldünger haben nur vereinzelt dafür gesorgt, dass Felder bei uns unter Bedarf gedüngt wurden“, erklärte er – die aktuellen Auswirkungen des Ukraine-Kriegs hält er deshalb für überschaubar. Dass zur Deckung des Stickstoffbedarfs auf dem Acker aber überhaupt zwischen organischem Dünger, also Gülle, und Mineraldünger getrennt werde, sei ein reines Politikum. „Es gibt aus pflanzenbaulicher Sicht keinen Grund, warum wir das nicht allein mit organischem Dünger machen könnten.“ Dadurch wäre man von Importen unabhängiger und würde gleichzeitig örtliche wirtschaftliche Kreisläufe stärken.
