Leer/Emden - Auf Facebook ein Video von der Fußstreife, auf Twitter eine Meldung über einen Rohrbruch in Rhauderfehn und auf Instagram die Warnung vor einer neuen Betrugsmasche: Johannes Lind lässt seine Fans und Follower mit Bildern, Videos und Texten an seinem Dienstalltag teilhaben. Er ist einer von 20 Community Policer in Niedersachsen. So nennt das Land Polizisten, die in den sozialen Medien ein eigenes Profil haben. Mehr als 12 000 Menschen verfolgen im Internet die Arbeit des Leiters der Polizeiinspektion Leer/Emden.
Seit Dezember 2015 ist Johannes Lind auf Twitter. Er war der erste Polizist in Deutschland mit einem eigenen Account bei dem Kurznachrichtendienst. Die Kollegen seien zu Beginn skeptisch gewesen. „Wir können nicht so tun, als gebe es nur die analoge Welt“, argumentiert Johannes Lind. Die Hälfte des Lebens finde im Internet statt. Lind ist seitdem seinen Weg gegangen, er ließ sich nicht beirren. Auch nicht im Einsatz von Social Media. „Entweder wir gucken dort hin, oder weg“, sagt er. Die Polizei in Emden/Leer guckt lieber hin. Inzwischen sei die Skepsis gewichen. Neben Linds persönlichem Account gibt es seit September 2016 mit @Polizei_LER_EMD ein offizielles Twitter-Profi der Polizeiinspektion. Einige von Linds Kollegen haben nachgezogen, sind mit eigenen Profilen auf Facebook vertreten. Social Media ist aus der Polizeiarbeit nicht mehr wegzudenken, sagt Lind. „Es ist in jeder Dienstbesprechung Thema.“
Soziale Netzwerke sind für Lind keine Einbahnstraße
Für Johannes Lind sind die sozialen Netzwerke keine Einbahnstraße. „Wir möchten, dass sich die Bürger an uns wenden“, sagt er. Vielen Menschen falle es schwer, die Polizei anzurufen oder auf die Wache zu gehen. In den sozialen Netzwerken gebe es diese Hemmschwelle nicht. „Die Menschen schreiben mich an“, erzählt Johannes Lind. Der 60-Jährige möchte die Polizei und ihre Arbeit nahbarer machen. „Ein Polizeibeamter ist ein Mensch in Uniform. Er hat vor allem Empathie“, lautet seine Maxime. Und das zeigt sich in seinen Beiträgen. Authentizität ist für ihn wichtiger als Professionalität.
Das gilt besonders für Videos: Der Hintergrund ist nicht optimal, der Polizist guckt nicht in die Kamera: Das macht Johannes Lind nichts. „Ich möchte informieren“, sagt er. Darauf kommt es ihm an. Und so erreicht er mit einem auf dem Weg zum Zug aufgenommenen Clip auch mal 250 000 Menschen. Johannes Lind steht als Polizeichef in der Öffentlichkeit, taucht immer wieder in Zeitungen, Radio und Fernsehen auf. Seitdem er auch auf Twitter und Facebook unterwegs ist, sei er noch bekannter. Zumindest werde er öfter angesprochen. So wie auf einer Fähre nach Borkum. „Sie sind doch der Herr Lind“, heißt es dort von einer Frau. Woher sie ihn kenne, möchte der 60-Jährige wissen. „Es gab doch dieses Video mit Ihnen auf Facebook“, lautet die Antwort.
„Wenn ich das Gefühl habe, ich muss das sagen, dann mache ich das.“
Der Polizeidirektor entscheidet intuitiv, was er postet. „Wenn ich das Gefühl habe, ich muss das sagen, dann mache ich das.“ Alle Beiträge hätten einen dienstlichen Bezug. Videos, wie sich Johannes Lind die Zähne putzt, werde es nicht geben. Witz und eine Prise Selbstironie gehören für Johannes Lind dennoch dazu, „Humor ist total wichtig. Wir wollen uns als Menschen darstellen“. Die Polizei dürfe sich dabei aber nie zum Kasperle machen. „Viele Bürger vertrauen der Polizei. Sie würden die Nase rümpfen, wenn wir diese Grenzen überschreiten“, verdeutlicht Lind. Diese Grenzen sind klar definiert. Sie lauten Pietät, das Gesetz und die Rechte anderer.
Diese Einstellung kommt bei den Followern an. 90 Prozent der Reaktionen seien positiv. Kritik wischt der Polizeichef nicht einfach vom Smartphone-Display. Bei ihm bekommt jeder eine Antwort – auch nach Feierabend. Facebook, Twitter und Instagram kennen keinen Dienstschluss. Der Polizeichef blickt auch samstags um 23.30 Uhr noch einmal aufs Handy. Er guckt, was wichtig ist, wo die Kollegen helfen können, was warten kann. Nicht für jedes Problem gibt es direkt eine Lösung. Aber dann gibt Johannes Lind ein Versprechen: Gleich am Montagmorgen ruft er zurück. „Der direkte Draht ist das Wertvollste für mich.“ Alles lässt sich Lind aber nicht gefallen. Wer die Polizei beleidigt, ob in der realen oder der virtuellen Welt, bekommt eine Anzeige. „Das Internet ist kein rechtsfreier Raum.“
