Leer - Der Landkreis Leer hatte bereits angekündigt, dem Naturschutzbund (Nabu) Niedersachsen bei ihren Weideprojekten in Nüttermoor und Coldam durch eine entsprechende Anordnung bis zum 30. September die Haltung von Rindern und Pferden zu verbieten. Jetzt ziehen die Verantwortlichen des Nabu selbst die Konsequenzen und teilten am Mittwoch während einer Pressekonferenz mit, sich aus den Projekten zurückziehen zu wollen. Als Grund nannte der Nabu-Landesvorsitzende Dr. Holger Buschmann in einem Pressegespräch die wachsenden Anfeindungen gegen das Nabu-Beweidungsprojekt. „Ein Schloss am Eingangstor wurde aufgeflext. Es gab Drohnenflüge über das Gelände, die die Tiere verschrecken.“ Gegen Anordnungen, die der Landkreis Leer gegen den Nabu verhängt hat, soll gerichtlich vorgegangen werden, kündigte Buschmann an. Und es sollen Videokameras installiert werden. „Wir haben Angst, dass uns jemand was aufs Gelände bringt.“
Ohne Rücksprache vor vollendete Tatsachen gestellt
Ohne Rücksprache habe der Landkreis Leer beispielsweise über die Presse erklärt, das Weideprojekt werde bis Jahresende aufgegeben. Ein Zwangsgeld von 50.000 Euro sei angedroht. „Ich bin unfassbar sauer darüber“, sagte Buschmann. Das habe ein „Abschlachten“ der Tiere zur Folge und mit dem Tierwohl nicht vereinbar. „Das ist Tierquälerei. Da machen wir nicht mit. Das soll der Landkreis selber machen“, sagte der Nabu-Vorsitzende.
Die Kommunikation sei im Argen: Ein Gespräch mit Landrat Matthias Groote sei ergebnislos verlaufen. E-Mails an die Kreisbehörde - etwa über die geforderten Maßnahmen - blieben ohne Antwort.
Der Nabu räumt Fehler ein
Der Nabu-Landesvorsitzende räumte Fehler beim Nabu ein, hält aber die Vorgehensweise der Kreisbehörde und des Veterinäramtes für nicht nicht fair. Man haben die Anordnungen ernst genommen und befolgt, aber das sei aus logistischen Gründen oder unter Einhaltung des Tierwohls nicht möglich gewesen. „Das hat uns viel Geld gekostet. Wir werden den Landkreis in Regress nehmen“, sagte Buschmann, der sich von den Behörden einen anderen Umgang gewünscht hätte.
Im Mai mussten Jungtiere getötet werden
Nachdem im Mai junge Heckrinder nach schweren Verletzungen getötet werden mussten und Konik-Fohlen regelrecht verendet waren, stehen die Projekte in Thedingaer Vorwerk und Coldam seit Wochen in der Kritik. Das Ultimatum des Landkreises Leer, das eine Räumung bis Ende September vorsieht, kann jedoch nicht eingehalten werden, teilte Buschmann während des Pressegesprächs mit. Das habe logistische Gründe und sei dem Tierwohl geschuldet, hieß es. „Der Rückzug und Räumung der Flächen dauert eineinhalb Jahre“, sagte der Landesvorsitzende. Der Nabu sei stets um „gewissenhafte Aufarbeitung, interne Aufarbeitung und transparente Darstellung“ bemüht gewesen.
Die Weiderinder werden geschlachtet
Die Weiderinder werden geschlachtet oder auf andere Höfe verteilt. Die Pferde werden ebenfalls woanders untergebracht und sollen unter anderem an private Höfe verkauft werden. „Es sind sehr begehrte Tiere“, sagte Buschmann. Weideprojekte am Uhlsmeer im Landkreis Aurich und auch im Hessepark im Rheiderland seien davon aktuell noch nicht betroffen. Dort gab es keine Vorfälle, aber der Nabu sei „nur Zaungast“, sagte Buschmann. Das Projekt läuft 2024 aus, wenn der Pachtvertrag nicht verlängert werde. „Wir wollen es nicht aufgeben“, so Buschmann, aber aktuell gebe es auch noch einen Streit zwischen dem Eigentümer der Flächen und der Stadt Leer, der zuvor beigelegt werden müsse.
Auf drei Flächen lässt Nabu im Kreisgebiet Leer Heckrinder und Koniks weiden, nämlich im Thedigaer Vorwerk (Stadtgebiet Leer), Coldam und im Hessepark (Rheiderland). Die Herden in Leer umfassen gut 50 Heckrinder und 22 Wildpferde in Thedingaer Vorwerk, 17 Rinder und 15 Pferde in Coldam und acht im Hesse-Park. Die Gesellschaft für Landschaftspflege und Naturerlebnis Ostfriesland (Luno) ist mit der Betreuung beauftragt, die eigenständig handelt. Drei Jungrinder und zwei Pferde sind tot. Das hat Fragen und Konsequenzen nach sich gezogen.
Vorwurf Drei junge Heckrinder von den Weideflächen in Nüttermoor müssen aufgrund der Schwere der Verletzungen eingeschläfert werden, eines am 11. Mai, das zweite am 22. Mai, das dritte später im Woldenhof. Die Veterinärin hält die Versorgung der Tiere für absolut unzureichend. Eine für die Herde vorgeschriebene Blutuntersuchung zur Seuchenvorsorge findet 2022 nicht statt.
Das sagt der Nabu Die Personaldecke war im Mai dünn, ein Tierbetreuer unerwartet gestorben, ein weiterer krank. Beide wurden ersetzt. Aber die neuen Leute sind für die Weidetiere fremde Bezugspersonen. Fehler wurden gemacht. Die Gründe sind noch nicht geklärt. Eine vorgeschriebene Blutuntersuchung bei den Tieren blieb 2022 aus - ein Fehler. Aber die Untersuchung habe keine Auswirkung auf das Tierwohl. Es gab zu dem Zeitpunkt drei schwache Tiere in der 50-köpfigen Herde, eines hat überlebt, ist topfit. Ein erstes Jungtier wurde im Rahmen einer Blutuntersuchung in der Herde niedergetrampelt und verletzt auf einem Heubett auf dem Versorgungsplatz abgelegt, damit die Mutterkuh es noch abholen kann.Mysteriös: Es fand sich am nächsten Morgen an einem anderen Ort plötzlich im Schlamm liegend wieder. Dann tauchte noch ein mysteriöses Handy-Video auf. Ein Unbekannter hatte das Tier im Schlamm gefilmt. Das Jungtier wird am nächsten Tag von seinen Leiden erlöst. Das zweite tote Rind zog sich eine Beinverletzung auf der Weide zu und wurde erlöst. Ein drittes, nicht gut genährtes Jungrind kam auf den Woldenhof und musste eingeschläfert werden. Es ist noch zur Untersuchung in der Tierpathologie des LAVES (Niedersächsisches Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit). Das Ergebnis steht noch aus.
Vorwurf Ein 820 Tonnen messender Misthaufen - bestehend aus Futter-, Mist-, Schotter- und Silofolienresten - lagert auf dem Versorgungsplatz der Weidetiere in Nüttermoor. Er ist zwar abgedeckt, aber Leckwasser tritt aus. Er wird erst einen Monat nach der erfolgten Anordnung entsorgt, kritisiert der Landkreis Leer..
Das sagt der Nabu Die Menge ist anderthalb mal so hoch wie es sonst üblich ist. Er wird eigentlich im Dezember entsorgt. In den Jahren davor wurde der Mist von Bauern abgenommen. Weitere Möglichkeiten seien die Verwertung für Biogasanlagen oder eine Kompostierung. Jetzt sei der Mist vom Landkreis als Sondermüll eingestuft, den keiner haben will. Inzwischen wurde der Misthaufen für 104.000 Euro entsorgt.
Vorwurf Die Tierdichte auf den Weideflächen steigt seit Jahren. Ein Fehler und so nicht vereinbart, die Dichte wird reduziert.
Das sagt der Nabu Das stimmt und ist ebenfalls nicht in Sinne des Nabu, weil mehr gefüttert werden muss. Der Tierarzt muss öfter kommen. Warum die Herde wächst, wird noch geklärt. Bullen werden nach einer angemessenen Zeit eigentlich regelmäßig mit dem Weideschuss erlegt und geschlachtet. Der Grund für das Versäumnis ist unbekannt.
Vorwurf Anfang Mai werden zwei tote Conik-Pferde entdeckt.
Das sagt der Nabu Die Umstände beider Fohlen sind bislang nicht vollständig geklärt. Sie sind nach NABU-Informationen in einem Graben stecken geblieben, in denen sich die Pferde normalerweise nicht aufhalten – sie wurden unmittelbar fachgerecht der Tierentsorgung zugeführt. Möglicherweise wurden sie durch Drohnen erschreckt. Das sei schon vorgekommen.

