Leer - Dass immer mehr Kunden in den Laden kommen ist für normale Geschäfte ein Wunsch, bei der Tafel in Leer sorgt der Andrang von Bedürftigen dieser Tage allerdings für Schwierigkeiten. „Die Zahlen der Menschen, die zu uns kommen, steigen immer weiter“, sagte Leiter Andreas Poppen im Gespräch mit unserer Redaktion. Schon im Frühjahr hatten seine Mitarbeiter und er einen Anstieg der wöchentlichen Kunden auf bis zu 300 Personen registriert, jetzt sind es nochmal 100 Menschen mehr geworden. „Stand letzte Woche haben wir 611 Kunden mit einem entsprechenden Bescheid, die zu uns kommen können“, so Poppen – so viel wie noch nie. Gleichzeitig bekommt die Einrichtung weniger Lebensmittel als vorher: „Wir haben rund 15 Prozent weniger Ware, weil die Supermärkte und Bäckereien mittlerweile anders kalkulieren“, erklärte der Tafel-Leiter. Das wirkt sich – genau wie steigende Unterhaltskosten – auf den Versorgungsrhythmus für jeden einzelnen Kunden aus.
Bei über 500 Kunden nur noch monatlicher Einkauf
Bereits im April hatte die Leeraner Tafel von der Möglichkeit eines wöchentlichen Einkaufs auf einen zweiwöchentlichen Takt für alle Kunden umgestellt, „um zu vermeiden, dass die Tüte für die Kunden kleiner wird“, so Poppen. Beim derzeitigen Ansturm müsse aber bereits eine zweite Reduzierung der Ausgabe auf einen Einkauf pro Person pro Monat erwogen werden: „Wenn wir auf über 550 Kunden pro Woche kommen, müssen wir wahrscheinlich wechseln.“ Für einzelne Betroffene sei das wahrscheinlich ein harter Einschnitt, am Ende aber noch besser, als wenn es gar nichts mehr gebe, sagte Poppen. Die Alternative wäre ein Aufnahmestopp, wie andere Tafeln es bereits gemacht haben – diesen Schritt möchte der Leiter aber vermeiden. Grund dafür ist der hohe Anteil der Ukraine-Flüchtlinge in der Kundschaft.
Der Unterhalt des Standorts an der Friesenstraße 66 in Leer wird für die Tafel künftig wahrscheinlich teurer, weil das Gebäude einen neuen Besitzer hat. Bild: Arne Haschen
Preis pro Tüte steigt auf 2,50 Euro an
„Anders als bei der Flüchtlingskrise in 2015, wo wir vom Ordnungsamt eine Angabe hatten, wie lange die Flüchtlinge als Kunden bei uns bleiben, ist das mit dem Ukraine-Krieg aktuell völlig offen“, erklärte Poppen. Ein Aufnahmestopp, ohne dass absehbar ist, wann die dieser Teil der Kundschaft wieder entfällt, sei problematischer als die Reduzierung der jeweils möglichen Einkäufe. Diese werden aufgrund der gestiegenen Energie- und Unterhaltskosten allerdings nochmal teurer, kündigte Poppen weiter an. „Ab August wird der Beitrag pro Person von zwei Euro auf 2,50 Euro steigen.“ Für einige Betroffene seien die 50 Cent Unterschied viel Geld, die Tafel müsse aber ihre Kosten decken. „Wir rechnen für dieses Jahr mit Betriebskosten von rund 70.000 Euro“, so Poppen – in Vorjahren waren es weniger. Das allein wird aber auch nicht reichen, weiß der Tafel-Leiter: „Vom Verkauf der Lebensmittel bleiben uns pro Jahr etwa 20.000 Euro, der Rest der Ausgaben muss durch Spenden gedeckt werden.“
Neuer Vermieter – womöglich höhere Miete
Was derzeit noch völlig offen ist, sind die künftigen Mietkosten der Einrichtung. Das Gebäude, in dem die Leeraner Tafel beheimatet ist, wurde von der Sparkasse an einen neuen Eigentümer verkauft – und der könnte eine höhere Miete verlangen. „Da ist aber noch nichts final, wir warten noch auf Information“, sagte Poppen. Viel Spielraum habe die Einrichtung allerdings nicht: Schon 20 Prozent mehr monatliche Kosten würden die Tafel in Schwierigkeiten bringen, räumte er ein. „Und den Standort möchten wir gern behalten, weil er zentral gelegen ist und vor dem Einzug 2018 auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten wurde.“
Immerhin: Leeraner sind spendenwillig
Auch wenn die Einrichtung zu über 90 Prozent von Spendengeldern abhängig ist, gibt sich Poppen jedoch zuversichtlich, dass das Haus jetzt nicht komplett auf dem Trockenen sitzen wird. „Wir haben dankenswerterweise einige Spender in Leer, die uns immer wieder unterstützen.“ Gerade seit Beginn der Korona-Pandemie habe die Einrichtung Zuwendungen erhalten, die bisher den fortlaufenden Betrieb ermöglichten – trotzdem würden weiter Spender gesucht. Wer der Einrichtung helfen möchte, findet Kontaktinfos unter www.diakonie-in-ostfriesland.de.
