Leer - Es knistert, als Reiner Brinkmann den Kluntje in der Tasse mit heißem Tee übergießt. Solange, bis die dunkle, rot-braune Flüssigkeit Zweidrittel der Teetasse ausfüllt und der Zuckerbrocken vollständig bedeckt ist. Leichter Wasserdampf steigt auf. Brinkmann greift zum Sahnekännchen und tunkt das kellenförmige Löffelchen beherzt hinein. Mit einer kreisenden Bewegung aus dem Handgelenk träufelt er die Sahne in den Tee.
„Gegen den Uhrzeigersinn. Das ist entscheidend. Warum? Na, weil sich dann die Zeit langsamer dreht.“ Die einzelnen Sahnetropfen steigen in Zeitlupe vom Teetassenboden zur Oberfläche auf. Das Bild, das sich dabei abzeichnet, sieht aus wie eine Wolke am Himmel. „Prost Tee“, sagt er, als er seine Tasse hebt und zum Trinken ansetzen möchte. Ohne vorher gerührt zu haben, nimmt er einen Schluck und stellt die Tasse zurück auf die Untertasse.
Reiner Brinkmann ist einer der Geschäftsführer der Reederei „Germania Schifffahrt“ in Leer, bekannt für den Emskreuzer „Warsteiner Admiral“ oder die Hafenrundfahrten. In seinem Leben hat er schon mit unzähligen Menschen zusammen Tee getrunken. Wohl gerade auch deshalb, weil das Schifffahrtsunternehmen in der Altstadt, direkt am Hafen, eine Teestube betreibt.
Neben ein paar treuen Stammgästen, wird das Lokal oft von Touristen besucht, denen Brinkmann die berühmte ostfriesische Teezeremonie vorführt. Dies sei eine seiner besonderen Aufgaben, die er sich auch nicht nehmen lassen möchte.
Gemütlichkeit auf Platt
Welche Rolle spielt Plattdeutsch? „Direkt hat unser Platt mit dem Tee nichts zu tun. Man kann auch auf Hochdeutsch zusammen Tee trinken. Beides hat in Ostfriesland eine lange Tradition. Aber unterhalten wir uns zum Tee auf Platt, herrscht eine ganz andere Atmosphäre am Tisch – viel gemütlicher, geselliger und auf direkter Augenhöhe zueinander“, so der Reeder. Sogar bei Geschäftsterminen oder Vorstellungsgesprächen wird immer Ostfriesentee gereicht. Wenn möglich, spricht Brinkmann mit seinen Gesprächspartnern immer Plattdeutsch.
Ehepaar aus Belgien klopfte an die Tür
Einmal, als die Stubentür schon längst geschlossen war, klopfte und schellte es an der Tür. Davor stand ein frisch verheiratetes Paar aus Belgien, das auf ihrer Hochzeitreise durch Leer gekommen war. Sie müssten Tee trinken. So, wie es die Ostfriesen machen. Das hätten ihnen ihre Freunde mit auf den Weg gegeben. Überrascht öffnete Familie Brinkmann, die damals noch über der Teestube gewohnt hat, die Eingangstür.
Sie baten das Brautpaar hinein. Als sich die jungen Leute erklärten, war zu spüren, dass ihnen die spätere Uhrzeit unangenehm war. „Wisst ihr denn, wie man Tee trinkt?“, fragte Reiner Brinkmann. „Naja, Teebeutel und Wasser aufgießen…“, antwortete das Paar. Brinkmanns konnten sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.
So zündeten sie die Kerze im Stöövke an und servierten eine Kanne Tee. Dazu Kluntje und Sahne. Bloß nicht Umrühren. Noch ein ganzes Weilchen saßen sie mit dem Paar zusammen am Tisch, das über die herzliche Gastfreundschaft der Ostfriesen nur staunen konnte.
„So sind Ostfriesen nun einmal. Nicht immer nur schroff und wortkarg, sondern vor allem herzlich“, weiß Reiner Brinkmann. Seinen Gästen in der Teestube zeigt er die traditionelle Teezeremonie immer auf die gleiche Weise: Bei der ersten Tasse führt er die Zubereitung vor und erzählt, wie Tee nach Ostfriesland kam.
Vom ostfriesischen Getränk zum Schnaps
Bei der zweiten Tasse dürfen die Gäste selbst ausprobieren. Natürlich passieren Fehler, über die gemeinsam gelacht werden kann. Ein jedes Ende widmet er der Anekdote, dass sämtliche Reste in den Teekannen zur nahegelegenen Spirituosen-Manufaktur „Wein Wolff“ gebracht werden, die daraus den sogenannten „Teesöpke“ (Teeschnaps) brennen. „Ja ja…, sagen die meisten und glauben es nicht“, erzählt Brinkmann mit einem Lachen: „Ob es nun stimmt oder nicht, lass ich offen. Das ist auch ein Talent der Ostfriesen.“
Natürlich steht hier noch ein Elefant im Raum. Von welchem Tee ist die Rede? Bünting, Thiele oder Onno Behrends? „Als Leeraner Unternehmen, bieten wir Tee aus Leer an. Die Bünting Grünpack-Mischung“, bestätigt Brinkmann. Das gleiche gelte für die Emder, die hauptsächlich Thiele-Tee und für die Norder, die Onno-Behrends-Tee trinken. Am Ende eine Frage des Geschmacks.
