Landkreis Leer - Sie sind klein, etwa 25 Nanometer groß, sogar über den Wind übertragbar – und können innerhalb kürzester Zeit unzählige Tieren befallen: Die Viren der Maul- und Klauenseuche. Bei erwachsenen Tieren führt die äußerst schmerzhafte Erkrankung zwar nicht direkt zum Tod, doch sie leiden Qualen, können kaum mehr aufstehen, gehen oder fressen und werden so immer schwächer und können nicht lange überleben.
In einem Landkreis wie Leer, in dem allein in 1300 Betrieben Klauentiere gehalten werden, in rund 850 davon Rinder, könnte dies fatale Folgen haben. Innerhalb kürzester Zeit könnten ganze Viehbestände infiziert, unermessliches Leid ausgelöst, Existenzen vernichtet werden.
Erläuterten die Notwendigkeit der Übung: Landrat Matthias Groote (von links), Dr. Katharina Sammet und Kommandeur Oberstarzt Dr. Kai-Siegfried Schlolaut. Foto: Anuschka Kramer
Wirtschaftlicher Schaden
Und so verwunderte es auch nicht, dass Dr. Katharina Sammet, Leiterin des Veterinäramts im Landkreis Leer, anlässlich einer groß angelegten, zweitägigen Übung auf dem Evenburg-Kasernengelände im Kreise der Journalisten auch auf einen der schlimmsten Ausbrüche in jüngster Zeit in Europa verwies. 2001 erkrankten mehr als sechs Millionen Tiere in England. Der Schaden für die britische Wirtschaft belief sich auf rund 12,6 Milliarden Euro. So etwas, betonte die Veterinärin mit Nachdruck, dürfe hier nicht geschehen. Und so sei es notwendig, regelmäßig den Ernstfall zu proben, um für den Seuchenfall gut vorbereitet zu sein.
Training abgehalten
Die Maul- und Klauenseuche ist eine hochansteckende, akut verlaufende, fieberhafte Viruserkrankung. Sie kann alle Klauentiere wie Rinder, Schweine, Schafe, Ziegen, Rot-, Reh- und Damwild befallen. Bestätigt sich der Verdacht, werden die erkrankten Tiere getötet und die Kadaver beseitigt. Für den Menschen stellt sie keine gesundheitliche Gefahr dar.
Aktuelle und andauernde Ausbrüche der Maul- und Klauenseuche (MKS) in Drittländern stellen laut Angaben des Landes Niedersachsen ein ständiges Risiko der Einschleppung des Virus in die EU dar. Aufgrund umfangreicher Handels- und Reisekontakte mit diesen Ländern müsse auch weiterhin davon ausgegangen werden, dass die Gefahr einer Einschleppung in die Mitgliedstaaten der EU gegeben ist. Im Jahr 2011 kam es zu zwölf Ausbrüchen in Bulgarien. In der Türkei ist die MKS endemisch, jedes Jahr werden zahlreiche Fälle gemeldet. Auch in asiatischen und afrikanischen Ländern kommt es immer wieder zu Ausbrüchen.
Die Übertragung der Seuche folgt direkt von Tier zu Tier, aber auch indirekt über Menschen, Fahrzeuge, Milch, Knochen, Häute, Borsten, Fleisch und Fleischerzeugnisse. Der Mensch kann die Seuche durch nicht gereinigte und desinfizierte Kleidung, Schuhe oder Hände übertragen und weitertragen. Das MKS-Virus hat eine sehr hohe Widerstandskraft gegenüber der Außenwelt. Im Erdboden, in Abwässern oder Jauche sowie gefroren oder eingetrocknet (in Haaren, Kleidern, Schuhen, Heu, etc.) kann es über Monate bis Jahre überleben.
Jeder – das umfasste an den Trainingstagen Mitarbeiter der Kreisverwaltung, aber auch Einsatzkräfte von THW und Feuerwehr sowie weitere Tierärzte und nicht zuletzt Soldaten des Kommandos Schnelle Einsatzkräfte Sanitätsdienst „Ostfriesland“, auf deren Stützpunkt in Leer die Übungen überwiegend abgehalten wurden.
Bei der Viren-Bekämpfung unerlässlich: Schutzkleidung und Arbeitsmaterial – sowie Einsatzkräfte, die den Überblick über die Lagerbestände behalten. Foto: Anuschka Kramer
Hier fand das Training zu den Kommunikationswegen statt, aber auch die Dekontamination der Fahrzeuge. Im extra aufgebauten mobilen Logistikzentrum wurden Daten erfasst, Schutz- und Beobachtungszonen besprochen und festgelegt und nicht zuletzt Schutzkleidung für erneute Probenentnahmen auf Höfen ausgegeben.
Seuchenübung im mobilen Logistikzentrum der Bundeswehr: In einem Zelt wurden die auf den Höfen erhobenen Daten eingegeben. Foto: Anuschka Kramer
Übungsräume
Es gab einen Schwarz-Raum, wo die Kontamination trotz aller Vorkehrungen noch möglich sein könnte, und einen Weiß-Raum. Diesen durfte nur betreten, wer sich nach Besuch des Schwarz-Raums unter die – wenn auch aufgrund der Übung nur eingezeichnete – Dekontaminationsdusche begeben hatte.
Hand in Hand
Soldaten, Kräfte von Feuerwehr und THW, Verwaltung und die Tierärzte arbeiteten Hand in Hand. Mit dabei waren neben Dr. Katharina Sammet auch Dr. Susanne Wolf vom Amt für Veterinärwesen und Lebensmittelüberwachung, Landrat Matthias Groote (SPD), Kommandeur Oberstarzt Dr. Kai-Siegfried Schlolaut und Oberfeldveterinär Dr. Sabine Klatt sowie die jeweiligen Pressesprecher, um dem medialen Interesse Herr zu werden. Die Verantwortlichen zeigten sich froh, dass eine gute Kooperation im Ernstfall wohl Schlimmeres verhindern könnte.
„Das heute hier ist Ausdruck der zivil-militärischen Zusammenarbeit“, so der Kommandant. „Wir unterstützen das Veterinäramt durch den Raum, Personal und Material, um ihnen hier den Platz zu geben, das Zusammenspiel zu üben, weil wir im Katastrophenfall sehr schnell um Unterstützung gebeten werden könnten. Das tun wir gern.“
