Ostfriesland - Als ich jung war, konnte ich mit dem Wort Heimat wenig anfangen. Es war – wie viele andere Worte – belastet durch die Nazizeit. Es war missbraucht worden und in seinem Namen wurde schreckliche Verbrechen begangen.
Meine Großeltern hatten in der schlimmen Zeit Juden versteckt. Ich lernte eine Überlebende als Kind noch kennen. Für mich hieß sie Tante Sophie. Später, ich war ein junger Mann und schrieb schon für Zeitungen, wollte ich ein Interview mit meinen Großeltern dazu machen. Sie lehnten vehement ab. Sie waren nicht stolz auf das, was sie getan hatten. Alles wurde verschwiegen. Sie fürchteten, die aufkeimende Demokratie könne wieder umkippen. Bis zu ihrem Tod hatten meine Großeltern Angst, verraten und bestraft zu werden.
In der Atmosphäre wuchs ich auf.
Heimat war ein Wort, das mich misstrauisch stimmte.
Später, als junger Autor, gehörte ich zu denen, die den Nazis nichts überlassen wollten. Weder die Deutungshoheit noch die Sprache. Nicht ein einziges Wort! Eine Gruppe kritischer Autoren begann, Sprache zu waschen, gegen den Strich zu bürsten, im besten Sinne wieder brauchbar, sprechbar zu machen. Bei einem Abend zum Thema Heimat in der Literarischen Werkstatt hatte ich Angst, von ewig Gestrigen niedergebrüllt zu werden. Stattdessen folgten einer hitzigen Debatte sehr nachdenkliche Gespräche.
Was Heimat wirklich bedeuten konnte, lernte ich erst im Kontakt mit Flüchtlingen kennen. Menschen, die sich unbehaust fühlten und aus dem, was sie kannten und liebten, vertrieben worden waren oder fliehen mussten. Sie erzählten mir Heimat als Sehnsuchtsort und Heimatlosigkeit als Albtraum.Der russische Schriftsteller Dostojewski schrieb: „Ohne Heimat zu sein, heißt leiden.“
Ja, geflüchtete Menschen erkennen sich in seinem Satz.
Die Sehnsucht nach Freiheit und Sicherheit ist für sie noch größer als die nach Heimat. Aber wenn das alles zusammen möglich wird, entsteht ein Glücksgefühl.
Erst seit ich in Ostfriesland lebe, habe ich das Gefühl, nicht irgendwo für eine vorübergehende Zeit meine Zelte aufgebaut zu haben, sondern – trotz endloser Tourneen – sesshaft geworden zu sein. Ich bin angekommen.
Natürlich möchte ich jetzt meinen Beitrag leisten, dass es dort, wo ich lebe, noch freundlicher und wohnlicher wird. Ich bin Schirmherr für den Bau eines Hospizes in Ostfriesland geworden. Am Anfang, vor 10 Jahren, hatten wir nicht einmal ein Grundstück. Jetzt steht der Neubau und die ersten Gäste können einziehen. Es ist schön geworden. Mit großen, hellen Zimmern, einem offenen Kamin, einer Bibliothek und einem einladenden Garten. Denn Heimat ist für mich auch ein Ort, an dem man in Würde bis zum letzten Atemzug leben kann.
