Marx - „Die Abfälle sagen uns vieles.“ So machte Axel Prussat, Grabungstechniker der Ostfriesischen Landschaft, bei einem Ortstermin deutlich, dass oftmals das einst in Brunnen Entsorgte heute Aufschluss über das Leben vor Jahrhunderten geben kann. In Marx, wo bald der erste Abschnitt des Neubaugebiets Börgerhörn mit 40 Grundstücken erschlossen werden soll, ist genau dies der Fall.
Hier sind vier Wochen nach dem Start der archäologischen Grabungen auf einem Teil des 4,5 Hektar großen Geländes manche Bodenverfärbungen und Keramikfunde wie von Kugeltöpfen zutage gekommen. Die Erwartungen sind hoch, seit im vergangenen Jahr mit einem Bagger mehr als zehn Prospektionsschnitte gemacht wurden. Die hohe Funddichte veranlasste die leitende Archäologin Dr. Sonja König, hier intensivere Nachforschungen anzustellen.
Handwerkerplatz
Es handelt sich um kein klassisches Siedlungsgebiet. „Pfostenreihen deuten zwar auf ein bis drei Gebäude hin. Vor allem ist jedoch eine große Zahl an technischen Anlagen und Brunnen zu finden“, gab König einen ersten Einblick. Man habe Ablagerungen der Saale-Eiszeit dokumentiert.
In allen Suchschnitten seien größere Grubenkomplexe in dichter Streuung zueinander mit Einschlüssen von Holzkohlestücken und Anteilen verziegeltem Lehm entdeckt worden. „Diese weisen auf unterschiedliche Brennöfen und eine Schmiede hin, die landwirtschaftliche und handwerkliche Geräte hergestellt haben könnte“, so König.
Auffällig ist für die Fachleute die geringe Zahl der Keramikfundstücke, die im extremen Gegensatz zur beträchtlichen Befunddichte steht. „Die Keramik datiert in die Römische Kaiserzeit und das frühe Mittelalter, also ab dem Jahr 900 bis 1000.“
Aus diesen Informationen und der besonderen topografischen Lage auf einer Geländekuppe mit der Flurbezeichnung „Warfkamp“ schlussfolgert Dr. Sonja König, dass es sich um einen ehemaligen Handwerkerplatz handelt. „Möglicherweise ist der Platz in drei Phasen über einen längeren Zeitraum aufgesucht worden.“
Grabenanlage entdeckt
Amelie Mohrs, die studierte Grabtechnikerin und Landschaftsarchäologin ist, hat Drohnenbilder angefertigt, aus denen sich weitere Schlüsse ergeben. Aus der so lokalisierten rechteckig angelegten Grabenanlage schlussfolgert Dr. Sonja König, dass sich hier einmal ein Herrensitz oder Gutshof gleichsam einer Burg befunden haben könnte. Die Archäologin sieht aber auch Anzeichen für eine Wege- oder Passagenkontrollstelle. Keramik aus dem Rheinland deuten auf einen überregionalen Handel hin.
Grund für die Nutzung des Platzes könne das Lehmvorkommen gewesen sein. Das Material verwendeten die Vorfahren beim Häuserbau für den Bewurf der Flechtwände. „Entscheidend waren jedoch vor allem die kleinen verzweigten Wasserwege, die vornehmlich für den Transport genutzt wurden.“
Weil die Ernährungsgrundlage fehlte, seien die Menschen zwischendurch weitergezogen. „Genaueres können wir erst in einigen Wochen sagen“, betont König.
