Esens - Ein Buch über Ostfrieslands Residenzstädte ohne Esens? Das geht gar nicht. Deshalb hat der Esenser Chronist und Autor Gerd Rokahr nach kurzer Bedenkzeit auch zugesagt, als Dr. Paul Weßels, der Leiter der Landschaftsbibliothek in Aurich, bei ihm anklopfte. Für Aurich, Emden und Leer sowie Residenzen in der unmittelbaren Nachbarschaft (Jever und Neustadtgödens) waren bereits Bearbeiter gefunden; nur eben die frühere „Hauptstadt“ des Harlingerlandes fehlte noch.
Die Niedersächsische Akademie der Wissenschaften mit Sitz in Göttingen ist gerade damit beschäftigt, ein vierbändiges Werk herauszugeben. So beschäftigte sich der erste Band, im Jahr 2018 veröffentlicht, mit den Residenzstädten des Nordostens des Alten Reiches in der Zeit von 1300 bis 1800. Im Zentrum des Vorhabens steht die Erforschung der etwa 900 spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Residenzstädte, die ein wichtiges Element der europäischen Urbanisierungsprozesse, der Verklammerung städtischer und adlig-höfischer Lebensformen und vormoderner Staatlichkeit bildeten.
Einflüsse des Hofes
Das soeben herausgegebene zweite Handbuch zur „Residenzenforschung“ hingegen beschäftigt sich mit dem Nordwesten. Den 612 Seiten starken Band gab Prof. Harm von Seggern (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel) heraus. „Allein in diesem Band sind 130 Orte beschrieben“, macht Gerd Rokahr deutlich.
Das Buch beinhaltet ein umfassendes analytisches Verzeichnis der Residenzstädte des Alten Reichs, die in ausführlichen Artikeln im Stil eines Dictionnaire raisonné – ein systematisches Wörterbuch – vorgestellt werden. Es gehe dabei um die Frage, ob und inwieweit Städte durch die Anwesenheit eines fürstlichen beziehungsweise adligen Hofs verändert wurden und ob es Rückwirkungen auf den Hof gegeben hat, wie auf dem Klappentext der Neuerscheinung nachzulesen ist. Demnach enthält dieser zweite Teilband Aufsätze, in denen die mal stärkere, mal schwächere höfische Prägung der Städte dargestellt wird.
Gerd Rokahr wurde 1942 in Hannover geboren und verbrachte seine Kindheit und Jugend in Esens. Nach einer Lehre als Schaufenstergestalter studierte er Malerei und Graphik an der Staatlichen Kunstschule in Bremen. Von 1971 bis 2001 war Rokahr an der Realschule in Esens als Kunsterzieher tätig. Heute lebt und arbeitet er dort als Graphiker sowie regionalgeschichtlicher Autor.
Der Katalog der Landschaftsbibliothek in Aurich zeigt unter dem Stichwort „Gerd Rokahr“ 81 Publikationen an, unter anderem seine Bücher „Die Juden in Esens“ (1987), „Der Bombenangriff auf Esens am 27. September 1943“ (2003), „Eine Chronik der Stadt Esens“ (2010), „Esens – ein Lesebuch“ (2017), „Propagandaflugblätter des Zweiten Weltkrieges in Ostfriesland und an fernen Fronten“ (2020), „Sara Oppenheimer. Lebensumstände und Repertoire einer jüdischen Opern- und Konzertsängerin aus Esens“ (2021).
Werke von Gerd Rokahr, Ölbilder, Zeichnungen und Druckgraphiken, wurden bislang in mehr als 170 Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland gezeigt.
Regenten auf der Burg
Der Esenser Chronist Gerd Rokahr freut sich, dass neben den großen und bekannten Residenzstädten wie Bonn, Heidelberg, Koblenz und Brüssel insbesondere kleinere Orte wie Bückeburg, Diez, Hoya und Virneburg sowie eben auch seine Heimatstadt in ihrer Bedeutung als Sitz eines Hofes hervorgehoben werden. Das Projekt wird im Rahmen des Akademienprogramms von der Bundesrepublik Deutschland und vom Land Schleswig-Holstein gefördert.
Esens war der Hauptort des Harlingerlandes. Um 1426/27 errichtete Wibet von Stedesdorf hier eine selbstständige Herrschaft, deren Kennzeichen die von ihm erbaute Esenser Burg war, auf der nacheinander Sibo Attena, Hero Omken und Junker Balthasar residierten.
Nach dem Tod Balthasars war Esens zweite Residenz der Grafen von Rietberg, zuletzt der Grafen und Fürsten von Ostfriesland.
