Esens - Von zu Hause ausziehen, vielleicht in eine WG, eine Berufsausbildung machen, irgendwann dann die eigenen vier Wände. So stellen sich viele Heranwachsende ihren Weg vor. Und diesen Traum haben auch Menschen mit geistigen Behinderungen oder Mehrfachbehinderungen. Nur lässt sich der sehr viel schwieriger erfüllen. Laut Brigitte Mikesky, Vorsitzende des Esenser Vereins Lebensanker, suchen allein in Esens rund 300 geistig Behinderte eine Wohnung – doch Wohnraum ist rar. Der Lebensanker bietet Unterstützung und Betreuung für geistig Behinderte, Mehrfachbehinderte und ihre Angehörigen in Esens.
Kaum wiederzuerkennen
„Dabei sehen wir, wie unsere zu Betreuenden aufblühen, wenn sie in ihre eigene Wohnung ziehen“, erzählt Mikesky. Einige seien nach einem halben Jahr kaum wiederzuerkennen. Selbstständigkeit, Verantwortung, Freiheit, Privatsphäre – all das steckt hinter den eigenen vier Wänden. Die größte Herausforderung beim Umzug ist, eine eigene Struktur, einen Tagesablauf zu finden. „Aber die haben einen richtigen Motivationsschub“, sagt Brigitte Mikesky.
Für die Eltern oder Geschwister, die sich zuvor um einen geistig Behinderten gekümmert haben, kann der Umzug in die eigene Wohnung eine Erleichterung sein – auch wenn es gerade Müttern immer schwerfällt, wie Brigitte Mikesky sagt. Für die Betroffenen selbst sei das unterschiedlich. „Wer schon vorher die Angebote des Vereins nutzt, rutscht da langsam rein, dann ist dieser Schritt nicht mehr ganz so groß.“
Anbindung und Gruppenangebote sind wichtig
Die Betreuten des Vereins Lebenshilfe sind oft in den Werkstätten für Behinderte beschäftigt und haben wenig Kontakte zu anderen – es sei denn, sie nehmen die Gruppenangebote des Vereins wahr. Dafür müssen sie aber in Esens wohnen, und zwar im Stadtgebiet. „Wer nicht lesen und schreiben kann, kann auch keinen Busfahrplan lesen“, erklärt die Vereinsvorsitzende. Sie bräuchten zudem einen Supermarkt in der Nähe und die Möglichkeit, Geld abzuheben.
Das Problem ist vor allem ein gesellschaftliches, ist Mikesky sicher. Denn zu oft würden diejenigen, mit denen die Gesellschaft nichts anzufangen weiß, in Pflege- und Altenheime gesteckt. „Da haben sie nichts zu suchen.“ Dazu komme, dass nicht alle Einrichtungen in der Lage sind, diese Menschen angemessen zu betreuen. Dabei seien geistig Behinderte oder Mehrfachbehinderte, die in den Werkstätten beschäftigt sind und Sozialhilfe bekommen, wunderbare Mieter, weil die Zahlung der Miete sicher ist. Das sei aber vielen Vermietern gar nicht bewusst – sie fürchteten sich davor, ihre Wohnung anzubieten. Hier hilft zum Beispiel auch der Verein Lebensanker.
Wohnraum muss bezahlbar sein
Das zweite Problem: Der Wohnraum muss auch bezahlbar sein. „Das sind Geringverdiener“, erklärt Brigitte Mikesky. Das ändere aber nichts daran, dass auch diese Menschen ein Recht auf ein weitestgehend eigenständiges Leben haben. So bleibe vielen Familien mit behinderten Kindern oder Geschwistern nur das Heim oder das eigene Haus. Das bedeutet aber auch, dass sie die Betreuung übernehmen, wenig Zeit für sich haben – und der oder die Betroffene wenig Selbstständigkeit entwickeln kann.
Aber noch werde zu wenig darüber gesprochen. „Vielen Esensern ist nicht einmal bewusst, dass es unseren Verein gibt“, erzählt Brigitte Mikesky. So wüssten noch zu wenige betroffene Familien, dass sie dort Hilfe bekommen – in der Betreuung, bei rechtlichen Fragen, bei der Suche nach Unterstützung.
Wunsch für das neue Jahr
Der Verein Lebensanker wünscht sich für das neue Jahr ein Umdenken – dass mehr Wohnraum geschaffen wird für Menschen mit geistigen Behinderungen. Sie sollen als Teil der Gesellschaft verstanden werden, der genauso ein Recht darauf hat, selbstständig und frei zu sein – und zwar mitten drin, zwischen allen anderen. „Beeinträchtigte Menschen sind eine Bereicherung in jedweder Hinsicht“, sagt Brigitte Mikesky. Mit ihnen könne jeder lernen, Probleme anzufassen und sich auf die eigene Gebrechlichkeit einzustellen.
