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Musik-Geschichte an der Küste Esenser Teenager-Band „Easy Flint“ rockt ganz Ostfriesland

Esens - „Easy Flint“ – so nannte sich eine Beat-Band, die sich im Jahr 1970 in Esens gebildet hatte. Fünf etwa gleichaltrige Schüler und Auszubildende, die der Drang zur damaligen Beat-Musik verband, hatten sich regelmäßig in Beckers Milchbar am Marktplatz getroffen und von den neuen Rhythmen dieser Zeit geschwärmt.

Immerhin hatte es die technische Entwicklung Ende der Sechzigerjahre ermöglicht, mit Schallplattenspieler, Tonbandgerät und Radio Zugang zur aktuellen Musik zu bekommen. Und vor allem der „Beatclub“ im Fernsehen, das visuell eine noch größere Nähe zu Darbietungen und Stars schuf, motivierte auch die Esenser Jugendliche zum Nacheifern.

So formierte sich ein Quartett aus Peter Spichal (Bass), Herbert Rakel (Gitarre), Heinz Frieden (Schlagzeug) und Dieter Wirdemann (Gitarre). Einige Zeit später gesellte sich Hans Onno Röttgers (Keyboard) als Fünfter im Bunde hinzu.

So kamen die Musiker zum Musizieren

Peter Spichal hatte bei Volksschul- und Musiklehrer Hermann Völkers Gitarrenunterricht erhalten – für zehn DM die Stunde. Als es bei Bandgründung dann um die Funktionen der Mitglieder ging, trug man ihm die Bass-Rolle an. So erwarb er von einem Bekannten einen gebrauchten Fender-Bass und übte erst einmal mit einem Radio als Lautsprecher.

Herbert Rakel, der Sohn eines Esenser Schneidermeisters, erlernte gerade 15 Jahre alt ebenfalls bei Völkers das Gitarrenspiel und trainierte auf der Basis von Altklassik-Spielstücken seine Fertigkeiten. In der Region soll er der erste E-Gitarrist gewesen sein.

Hans Onno Röttgers aus Narp bei Utarp zog 1966 nach Esens, wo er aufgrund seiner Blindheit keine Regelschule besuchen konnte. Aber sein damaliger privat engagierter Volksschullehrer Christian Grupe brachte ihm das Klavierspiel bei. Daneben erhielt Röttgers bei der St.-Magnus-Organistin Amanda Stommel klassischen Orgel- und bei Emil Josefs klassischen Gitarrenunterricht.

Heinz Frieden freute sich, dass die evangelische St.-Magnus-Kirchengemeinde das Schlagzeug bezahlte, das er im Schaufenster des Musikgeschäfts Hajo Ahrends in Wittmund entdeckt hatte. Sich beim Trommeln ausprobiert hatte er zuvor mit Stricknadeln auf heimischen Sofakissen.

Das finanzielle Engagement der Kirche für „Easy Flint“ kam nicht von Ungefähr. Während die langhaarigen Teenies von den Offiziellen der Stadt Esens eher nicht wahrgenommen wurden, waren die Nachwuchsmusiker bei Gemeindepastor Siegfried Haut auf der Suche nach einem Probenraum auf offene Ohren gestoßen – und Unterstützung. Den Saal und die Bühne im Gemeindehaus am Burgbrückenweg (heute Siegfried-Herz-Lohne) nutzten zu dürfen, bot ideale Verhältnisse. Praktisch war, dass die Instrumente nach dem Musizieren im Bühnenkeller verstaut werden konnten.

Kinolautsprecher wird Musik-Verstärker

Die Teenager-Band besorgte sich die passenden, elektrisch verstärkten Instrumente selbst, was zur damaligen Zeit große Probleme bereitete. Denn die Schüler besaßen nicht das nötige Geld für das erwünschte Equipment. Doch irgendwie gelang es. Die Bassbox bestand bei „Easy Flint“ aus einem riesigen ehemaligen Kinolautsprecher aus dem Central-Kino. Dieser wurde noch mit Zusatzstrom betrieben. „Der Lautstärkedruck dieser Box brachte damals schon die Hosenbeine zum Flattern“, erinnert sich Herbert Rakel.

Weitere Boxen und Verstärker wurden kostengünstig durch die Zusammenarbeit mit anderen Jungmusikern beschafft. Und über einen Kredit der Eltern wurde der Kauf eines VOX AC 30-Verstärkers ermöglicht, im Musikalienhandel von Rico Fischmann in Oldenburg. Hans Onno Röttgers brachte neben der Orgel einen ersten 60-Watt-Verstärker mit in die Band.

Feuerstein regt zum Band-Namen an

Noch 1970 wurde der Name „Easy Flint“ geboren. Warum ein einfacher Feuerstein bei der Namensgebung für diese Musikgruppe Pate stand, weiß keiner der Mitglieder mehr. Man wollte wohl mit der im Plattdeutschen präsenten Bezeichnung „Flint“ einen Bezug zu den ostfriesischen Wurzeln herstellen, dabei neben der Schwere eines Flintsteines aber auch das „Easy-Living-Gefühl“ der damaligen Zeit integrieren.

Einfluss in die Bandarbeit hatte auch Helmut Koller, musikaffiner Mitarbeiter im kommunalen Sozialamt, der in seiner Jugendzeit Skiffle gespielt hatte und „Easy Flint“ förderte. Nach wöchentlicher fleißiger und naturgemäß sehr lauter Probenarbeit gab es einen Test-Auftritt – beim Kindergottesdienst im Gemeindehaus. „Dort gaben wir als 14-Jährige im Anschluss Autogramme – welch ein Erlebnis“, erinnert sich Heinz Frieden. Schließlich habe die Band bei mehreren Jugendtreffen im Gemeindehaus zum Tanzen einheizen dürfen. Als das Repertoire dann noch rockiger wurde, verlegte „Easy Flint“ die Einstudierungen unter Vermittlung Kollers in die Pausenhalle der Realschule.

Bald war die Esenser Band in manchen Ecken Ostfrieslands gefragt. Denn das Interesse an Livemusik war in den Siebzigern – die Progressiv-Rock-Musik war angesagt – ebenso groß wie in den Jahrzehnten zuvor. „Easy Flint“ mit ihrer Coverversion angesagte Beat- und Rocksongs, aber auch selbst geschriebenen Stücken erlebte das Publikum im Herbst 1972 in der „Birkengaststätte“ in Negenbargen und Anfang 1973 im Gasthof „Holtriem“ in Narp. Später schlossen sich Auftritte und Gastspiele in Tanzgaststätten in Leer, Bensersiel („Strandhalle“), Holtgast „Heuboden“), Neuharlingersiel, Tannenhausen („Grüne Tanne“), Schortens, Ostgroßefehn und Sandhorst an.

In den beiden letztgenannten Orten gewann die Band „Easy Flint“ übrigens jeweils den Jekami-Wettbewerb (Jeder kann mitmachen). Die Musiker hielten etwas auf sich. So musste auch ein Band-Plakat für die Auftritte her. Das wirkungsvolle Motiv – die fünf „Easy-Flint“-Musiker auf einer überdimensionalen Papptonne, die Heinz Frieden eigentlich als Schlagzeugsitz diente – stellte Fotograf Bernd Backenköhler in einer Fotomontage her. Gedruckt wurden die Plakate bei C. L. Mettcker & Söhne in Esens auf Leuchtpapier.

Die Instrumente und die technische Ausstattung wurden mit der Zeit qualitativ besser. Für einige Auftritte durften sich die fünf Musiker eine von Fritz Meier zur Verfügung gestellte Echolette-Gesangsanlage ausleihen.

Eigenkompositionen im Repertoire

Nach festgelegten Themen in unterschiedlichen Stilrichtungen improvisierten die „Easy-Flint“-Musiker Hans Onno Röttgers, Peter Spichal, Herbert Rakel, Heinz Frieden (gerufen „Snoopy“) und Dieter Wirdemann („Deidei“) auch auf Songs von Pink Floyd, Chicago und Steppenwolf. Ihre Coverversion des Songs „I’m a Man“ in der Chicago-Version wurde mit dem langen Schlagzeug-Solo zum Erfolgstitel der Esenser Band.

So stieg das Interesse der Musiker, neben Blues, Rock ‚n‘ Roll- und ersten Jazz-Versuchen auch Eigenkompositionen zu kreieren. Titel wie „Symphonie in Blau Dur“, „Our Prisoner“, „Running Through The Hell“ und „Hals über Kopf“ bildeten schließlich den Großteil der gespielten Stücke. Sie definierten die eigentliche musikalische Richtung der Gruppe. Viele Songs waren rein instrumental besetzt. Wenn Gesang erforderlich war, dann ging hauptsächlich Herbert Rakel an das Mikrofon, dann Dieter Wirdemann und gelegentlich Heinz Frieden.

Seinerzeit existierten konventionelle Tanzmusik und moderne Beat- und Rockmusik nebeneinander – erst ab etwa 1980 wurde das Geschäft der Livebands wegen des Aufkommen der Diskotheken immer schwieriger.

Das gemeinsame Musizieren endet

Nach und nach absolvierten die Musiker ihren Schulabschluss beziehungsweise ihre Gesellenprüfung. Die Band zerfiel, weil die Mitglieder andere berufliche und private Prioritäten setzen mussten. Im Frühjahr 1974 gaben „Easy Flint“ das letzte Konzert in Tannenhausen. Zum Schluss stand Gitarrist Helmut Bengen aus Blomberg noch mit den Musikern im Wittmunder Jugendzentrum auf der Bühne.

Weiter der Musik verschrieben

Einige der Mitstreiter widmeten sich auch nach der Band-Zeit noch dem Musizieren. Gitarrist Herbert Rakel (Jahrgang 1954), der nach der Schulzeit im Verlagshaus C. L. Mettcker & Söhne in Esens den Beruf des Schriftsetzers erlernt hatte und als erster die Bandmitgliedschaft beendete, vollzog in Bielefeld eine Weiterbildung zum staatlich geprüften Drucktechniker. 1985 ging er nach Oldenburg, wo er bis zu seinem Ruhestand in der Druckindustrie tätig war. Musikalisch machte er nach der Auflösung von „Easy Flint“ in kleineren Gruppierungen mit verschiedenen Musikstilen weiter. Er spielte in Oldenburg in seiner Freizeit in diversen Kneipen auf Blues-Sessions und macht noch heute gerne Musik. Nebenher pflegte er das Schreiben von Texten und kritischen Gedichten. Ein Gedichtband von ihm wurde im vergangenen Herbst veröffentlicht.

Schlagzeuger Heinz Frieden (Jahrgang 1955) ging 1974 nach Berlin, studierte Soziologie und spielte dort bis 1983 in verschiedenen Bands und Stilarten („Ikarus“, Jazz-Formation „Changes“). Parallel tingelte er als Gitarrist eines Gitarren-Gesangs-Duos durch Kleinkunst-Clubs.

1986 zog Frieden nach Coimbra, wo er die Sprache und Kultur Portugals studierte und im renommiertesten Chor des Landes, „Orfeon Académico de Coimbra“, mitsang. Während er kommerzielle Musik komponierte und produzierte (Radio-Jingles, Werbespots), spielte der Esenser bis 1996 in einer erfolgreichen Show-Band, danach im „Coimbra Jazz-Quartett“. In seinem 1996 gegründeten Musikverlag spezialisierte er sich auf Chor-und Orchestermusik und veröffentlichte bis zum Jahr 2000 die Arbeit von 250 Chören Portugals. Bis 2013 produzierte der Verlag fast 200 CDs mit Chören und Orchestern. Seit 2014 wieder in Deutschland, arbeitete Heinz Frieden für die KVHS in der Flüchtlingspolitik und schloss sich als Drummer der Band „Groove Elevator“ mit leicht verständlichem Jazz an.

Gitarrist Dieter „Deidei“ Wirdemann (1954–2021) erlernte den Beruf des Feinmechanikers in den Olympiawerken in Wilhelmshaven. Gemeinsam mit Heinz Frieden ging er 1974 nach Berlin, auch um der Bundeswehrpflicht zu entgehen. Gitarre spielte der Autodidakt jedoch nur noch für sich und nicht mehr öffentlich.

Bassist Peter Spichal (Jahrgang 1955) absolvierte in den Siebzigern den Bundeswehrdienst und ging nach Oldenburg. In der Oldenburgischen Landesbank wurde er zum Bankkaufmann ausgebildet, wechselte aber bald in die Elektronische Datenverarbeitung (EDV; heute IT), wurde Programmierer und war dann Jahre später bis zum Ruhestand Systemverwalter in diesem Bereich. Seinen Bass besitzt er bis heute, wurde seit damals aber nicht mehr musikalisch aktiv. Dafür ist Peter Spichal begeisterter Musikfan und Konzertgänger. Er besitzt eine beachtliche Sammlung von Original-Langspielplatten aus dem Rock- und Bluesbereich.

Als blinder Keyboarder Psychologe geworden

Nach der Zeit mit „Easy Flint“ gründete Keyboarder Hans Onno Röttgers (Jahrgang 1957) mit Wolfgang Tautz und dessen Vater Georg das „Nordsee-Trio“, das im „Lindenhof“ in Esens als Hauskapelle engagiert wurde. Danach wirkte er in der Cover-Musik-Band „Black Birds“, später „Sunrise“ mit. In Schule und Studium setzte Hans Onno Röttgers seine Blindheit in Stärke um, studierte in Marburg Psychologie, promovierte und arbeitete als Doktor der Psychologie an der Universitätsklink Gießen-Marburg.

Seit 1995 spielt Röttgers klassische Klarinette; 2004 brachte er sich das Saxophonspiel selbst bei und widmete sich der klassischen Jazz-Gitarre („Marburg Jazz-Connection“, „Six-on-Seven-Jazz-Band“). Dr. Hans Onno Röttgers arbeitet heute in Marburg und Kassel als psychologischer Psychotherapeut. Darüber hinaus ist er bundesweit als Supervisor, Dozent, Lehrtherapeut und systemischer Coach gefragt.

Esens - „Easy Flint“ – so nannte sich eine Beat-Band, die sich im Jahr 1970 in Esens gebildet hatte. Fünf etwa gleichaltrige Schüler und Auszubildende, die der Drang zur damaligen Beat-Musik verband, hatten sich regelmäßig in Beckers Milchbar am Marktplatz getroffen und von den neuen Rhythmen dieser Zeit geschwärmt.

Immerhin hatte es die technische Entwicklung Ende der Sechzigerjahre ermöglicht, mit Schallplattenspieler, Tonbandgerät und Radio Zugang zur aktuellen Musik zu bekommen. Und vor allem der „Beatclub“ im Fernsehen, das visuell eine noch größere Nähe zu Darbietungen und Stars schuf, motivierte auch die Esenser Jugendliche zum Nacheifern.

So formierte sich ein Quartett aus Peter Spichal (Bass), Herbert Rakel (Gitarre), Heinz Frieden (Schlagzeug) und Dieter Wirdemann (Gitarre). Einige Zeit später gesellte sich Hans Onno Röttgers (Keyboard) als Fünfter im Bunde hinzu.

So kamen die Musiker zum Musizieren

Peter Spichal hatte bei Volksschul- und Musiklehrer Hermann Völkers Gitarrenunterricht erhalten – für zehn DM die Stunde. Als es bei Bandgründung dann um die Funktionen der Mitglieder ging, trug man ihm die Bass-Rolle an. So erwarb er von einem Bekannten einen gebrauchten Fender-Bass und übte erst einmal mit einem Radio als Lautsprecher.

Herbert Rakel, der Sohn eines Esenser Schneidermeisters, erlernte gerade 15 Jahre alt ebenfalls bei Völkers das Gitarrenspiel und trainierte auf der Basis von Altklassik-Spielstücken seine Fertigkeiten. In der Region soll er der erste E-Gitarrist gewesen sein.

Hans Onno Röttgers aus Narp bei Utarp zog 1966 nach Esens, wo er aufgrund seiner Blindheit keine Regelschule besuchen konnte. Aber sein damaliger privat engagierter Volksschullehrer Christian Grupe brachte ihm das Klavierspiel bei. Daneben erhielt Röttgers bei der St.-Magnus-Organistin Amanda Stommel klassischen Orgel- und bei Emil Josefs klassischen Gitarrenunterricht.

Heinz Frieden freute sich, dass die evangelische St.-Magnus-Kirchengemeinde das Schlagzeug bezahlte, das er im Schaufenster des Musikgeschäfts Hajo Ahrends in Wittmund entdeckt hatte. Sich beim Trommeln ausprobiert hatte er zuvor mit Stricknadeln auf heimischen Sofakissen.

Das finanzielle Engagement der Kirche für „Easy Flint“ kam nicht von Ungefähr. Während die langhaarigen Teenies von den Offiziellen der Stadt Esens eher nicht wahrgenommen wurden, waren die Nachwuchsmusiker bei Gemeindepastor Siegfried Haut auf der Suche nach einem Probenraum auf offene Ohren gestoßen – und Unterstützung. Den Saal und die Bühne im Gemeindehaus am Burgbrückenweg (heute Siegfried-Herz-Lohne) nutzten zu dürfen, bot ideale Verhältnisse. Praktisch war, dass die Instrumente nach dem Musizieren im Bühnenkeller verstaut werden konnten.

Kinolautsprecher wird Musik-Verstärker

Die Teenager-Band besorgte sich die passenden, elektrisch verstärkten Instrumente selbst, was zur damaligen Zeit große Probleme bereitete. Denn die Schüler besaßen nicht das nötige Geld für das erwünschte Equipment. Doch irgendwie gelang es. Die Bassbox bestand bei „Easy Flint“ aus einem riesigen ehemaligen Kinolautsprecher aus dem Central-Kino. Dieser wurde noch mit Zusatzstrom betrieben. „Der Lautstärkedruck dieser Box brachte damals schon die Hosenbeine zum Flattern“, erinnert sich Herbert Rakel.

Weitere Boxen und Verstärker wurden kostengünstig durch die Zusammenarbeit mit anderen Jungmusikern beschafft. Und über einen Kredit der Eltern wurde der Kauf eines VOX AC 30-Verstärkers ermöglicht, im Musikalienhandel von Rico Fischmann in Oldenburg. Hans Onno Röttgers brachte neben der Orgel einen ersten 60-Watt-Verstärker mit in die Band.

Feuerstein regt zum Band-Namen an

Noch 1970 wurde der Name „Easy Flint“ geboren. Warum ein einfacher Feuerstein bei der Namensgebung für diese Musikgruppe Pate stand, weiß keiner der Mitglieder mehr. Man wollte wohl mit der im Plattdeutschen präsenten Bezeichnung „Flint“ einen Bezug zu den ostfriesischen Wurzeln herstellen, dabei neben der Schwere eines Flintsteines aber auch das „Easy-Living-Gefühl“ der damaligen Zeit integrieren.

Einfluss in die Bandarbeit hatte auch Helmut Koller, musikaffiner Mitarbeiter im kommunalen Sozialamt, der in seiner Jugendzeit Skiffle gespielt hatte und „Easy Flint“ förderte. Nach wöchentlicher fleißiger und naturgemäß sehr lauter Probenarbeit gab es einen Test-Auftritt – beim Kindergottesdienst im Gemeindehaus. „Dort gaben wir als 14-Jährige im Anschluss Autogramme – welch ein Erlebnis“, erinnert sich Heinz Frieden. Schließlich habe die Band bei mehreren Jugendtreffen im Gemeindehaus zum Tanzen einheizen dürfen. Als das Repertoire dann noch rockiger wurde, verlegte „Easy Flint“ die Einstudierungen unter Vermittlung Kollers in die Pausenhalle der Realschule.

Bald war die Esenser Band in manchen Ecken Ostfrieslands gefragt. Denn das Interesse an Livemusik war in den Siebzigern – die Progressiv-Rock-Musik war angesagt – ebenso groß wie in den Jahrzehnten zuvor. „Easy Flint“ mit ihrer Coverversion angesagte Beat- und Rocksongs, aber auch selbst geschriebenen Stücken erlebte das Publikum im Herbst 1972 in der „Birkengaststätte“ in Negenbargen und Anfang 1973 im Gasthof „Holtriem“ in Narp. Später schlossen sich Auftritte und Gastspiele in Tanzgaststätten in Leer, Bensersiel („Strandhalle“), Holtgast „Heuboden“), Neuharlingersiel, Tannenhausen („Grüne Tanne“), Schortens, Ostgroßefehn und Sandhorst an.

In den beiden letztgenannten Orten gewann die Band „Easy Flint“ übrigens jeweils den Jekami-Wettbewerb (Jeder kann mitmachen). Die Musiker hielten etwas auf sich. So musste auch ein Band-Plakat für die Auftritte her. Das wirkungsvolle Motiv – die fünf „Easy-Flint“-Musiker auf einer überdimensionalen Papptonne, die Heinz Frieden eigentlich als Schlagzeugsitz diente – stellte Fotograf Bernd Backenköhler in einer Fotomontage her. Gedruckt wurden die Plakate bei C. L. Mettcker & Söhne in Esens auf Leuchtpapier.

Die Instrumente und die technische Ausstattung wurden mit der Zeit qualitativ besser. Für einige Auftritte durften sich die fünf Musiker eine von Fritz Meier zur Verfügung gestellte Echolette-Gesangsanlage ausleihen.

Eigenkompositionen im Repertoire

Nach festgelegten Themen in unterschiedlichen Stilrichtungen improvisierten die „Easy-Flint“-Musiker Hans Onno Röttgers, Peter Spichal, Herbert Rakel, Heinz Frieden (gerufen „Snoopy“) und Dieter Wirdemann („Deidei“) auch auf Songs von Pink Floyd, Chicago und Steppenwolf. Ihre Coverversion des Songs „I’m a Man“ in der Chicago-Version wurde mit dem langen Schlagzeug-Solo zum Erfolgstitel der Esenser Band.

So stieg das Interesse der Musiker, neben Blues, Rock ‚n‘ Roll- und ersten Jazz-Versuchen auch Eigenkompositionen zu kreieren. Titel wie „Symphonie in Blau Dur“, „Our Prisoner“, „Running Through The Hell“ und „Hals über Kopf“ bildeten schließlich den Großteil der gespielten Stücke. Sie definierten die eigentliche musikalische Richtung der Gruppe. Viele Songs waren rein instrumental besetzt. Wenn Gesang erforderlich war, dann ging hauptsächlich Herbert Rakel an das Mikrofon, dann Dieter Wirdemann und gelegentlich Heinz Frieden.

Seinerzeit existierten konventionelle Tanzmusik und moderne Beat- und Rockmusik nebeneinander – erst ab etwa 1980 wurde das Geschäft der Livebands wegen des Aufkommen der Diskotheken immer schwieriger.

Das gemeinsame Musizieren endet

Nach und nach absolvierten die Musiker ihren Schulabschluss beziehungsweise ihre Gesellenprüfung. Die Band zerfiel, weil die Mitglieder andere berufliche und private Prioritäten setzen mussten. Im Frühjahr 1974 gaben „Easy Flint“ das letzte Konzert in Tannenhausen. Zum Schluss stand Gitarrist Helmut Bengen aus Blomberg noch mit den Musikern im Wittmunder Jugendzentrum auf der Bühne.

Weiter der Musik verschrieben

Einige der Mitstreiter widmeten sich auch nach der Band-Zeit noch dem Musizieren. Gitarrist Herbert Rakel (Jahrgang 1954), der nach der Schulzeit im Verlagshaus C. L. Mettcker & Söhne in Esens den Beruf des Schriftsetzers erlernt hatte und als erster die Bandmitgliedschaft beendete, vollzog in Bielefeld eine Weiterbildung zum staatlich geprüften Drucktechniker. 1985 ging er nach Oldenburg, wo er bis zu seinem Ruhestand in der Druckindustrie tätig war. Musikalisch machte er nach der Auflösung von „Easy Flint“ in kleineren Gruppierungen mit verschiedenen Musikstilen weiter. Er spielte in Oldenburg in seiner Freizeit in diversen Kneipen auf Blues-Sessions und macht noch heute gerne Musik. Nebenher pflegte er das Schreiben von Texten und kritischen Gedichten. Ein Gedichtband von ihm wurde im vergangenen Herbst veröffentlicht.

Schlagzeuger Heinz Frieden (Jahrgang 1955) ging 1974 nach Berlin, studierte Soziologie und spielte dort bis 1983 in verschiedenen Bands und Stilarten („Ikarus“, Jazz-Formation „Changes“). Parallel tingelte er als Gitarrist eines Gitarren-Gesangs-Duos durch Kleinkunst-Clubs.

1986 zog Frieden nach Coimbra, wo er die Sprache und Kultur Portugals studierte und im renommiertesten Chor des Landes, „Orfeon Académico de Coimbra“, mitsang. Während er kommerzielle Musik komponierte und produzierte (Radio-Jingles, Werbespots), spielte der Esenser bis 1996 in einer erfolgreichen Show-Band, danach im „Coimbra Jazz-Quartett“. In seinem 1996 gegründeten Musikverlag spezialisierte er sich auf Chor-und Orchestermusik und veröffentlichte bis zum Jahr 2000 die Arbeit von 250 Chören Portugals. Bis 2013 produzierte der Verlag fast 200 CDs mit Chören und Orchestern. Seit 2014 wieder in Deutschland, arbeitete Heinz Frieden für die KVHS in der Flüchtlingspolitik und schloss sich als Drummer der Band „Groove Elevator“ mit leicht verständlichem Jazz an.

Gitarrist Dieter „Deidei“ Wirdemann (1954–2021) erlernte den Beruf des Feinmechanikers in den Olympiawerken in Wilhelmshaven. Gemeinsam mit Heinz Frieden ging er 1974 nach Berlin, auch um der Bundeswehrpflicht zu entgehen. Gitarre spielte der Autodidakt jedoch nur noch für sich und nicht mehr öffentlich.

Bassist Peter Spichal (Jahrgang 1955) absolvierte in den Siebzigern den Bundeswehrdienst und ging nach Oldenburg. In der Oldenburgischen Landesbank wurde er zum Bankkaufmann ausgebildet, wechselte aber bald in die Elektronische Datenverarbeitung (EDV; heute IT), wurde Programmierer und war dann Jahre später bis zum Ruhestand Systemverwalter in diesem Bereich. Seinen Bass besitzt er bis heute, wurde seit damals aber nicht mehr musikalisch aktiv. Dafür ist Peter Spichal begeisterter Musikfan und Konzertgänger. Er besitzt eine beachtliche Sammlung von Original-Langspielplatten aus dem Rock- und Bluesbereich.

Als blinder Keyboarder Psychologe geworden

Nach der Zeit mit „Easy Flint“ gründete Keyboarder Hans Onno Röttgers (Jahrgang 1957) mit Wolfgang Tautz und dessen Vater Georg das „Nordsee-Trio“, das im „Lindenhof“ in Esens als Hauskapelle engagiert wurde. Danach wirkte er in der Cover-Musik-Band „Black Birds“, später „Sunrise“ mit. In Schule und Studium setzte Hans Onno Röttgers seine Blindheit in Stärke um, studierte in Marburg Psychologie, promovierte und arbeitete als Doktor der Psychologie an der Universitätsklink Gießen-Marburg.

Seit 1995 spielt Röttgers klassische Klarinette; 2004 brachte er sich das Saxophonspiel selbst bei und widmete sich der klassischen Jazz-Gitarre („Marburg Jazz-Connection“, „Six-on-Seven-Jazz-Band“). Dr. Hans Onno Röttgers arbeitet heute in Marburg und Kassel als psychologischer Psychotherapeut. Darüber hinaus ist er bundesweit als Supervisor, Dozent, Lehrtherapeut und systemischer Coach gefragt.

Detlef Kiesé
Detlef Kiesé Redaktion Wittmund
Detlef Kiesé
Detlef Kiesé Redaktion Wittmund
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