Esens/Hartward - Die Familie stand vor Entsetzen vor ihrem Bauernhaus in Hartward. „Von unserem Grundstück aus war die große Rauchwolke über Esens zu sehen, und meine Eltern schätzten sie in Richtung des Friedhofs ein“, erinnert sich Gertrud Meents an den späten Vormittag des Montags, 27. September 1943 – den Tag der Bombardierung der Stadt durch amerikanische Bomber.
Ganz schnell habe danach die Runde gemacht, dass in Esens zwei Kilometer weiter südöstlich ihres Hofes zahlreiche Menschen gestorben und viele Gebäude zerstört worden waren.
In den „Kartoffelferien“
Gertrud, eine der beiden Töchter unter fünf Kindern von Kreisjägermeister Ese Esen und dessen Ehefrau Emma, geb. Becker aus Seriem, war in diesem Frühjahr elf Jahre alt geworden. Nachdem sie die ersten vier Jahre die Dorfschule in Hartward besucht hatte, war sie im Jahr zuvor an die Esenser Volksschule gewechselt. Unterrichtet wurde in dem Gebäude bei der Kirche, das heute das Gemeindezentrum der evangelisch-lutherischen St.-Magnus-Gemeinde beherbergt.
„Am Samstag zuvor hatten wir ,Kartoffelferien’ bekommen und waren deshalb nicht im Unterricht“, berichtet Gertrud Meents. In den Herbstferien hätten sich die Kinder seinerzeit immer wieder mit dem Sammeln der Erdfrüchte vom Feld beschäftigen müssen.
Im Herbst 1943 befand sich Deutschland mitten im Krieg. Vater Ese hatte jedoch gerade Urlaub, sodass er an diesem Tag nicht bei der Flakabwehr, sondern zuhause auf dem landwirtschaftlichen Betrieb in Hartward-Ost war. Weil er bereits seit 1936 einen Autoführerschein und Fahrpraxis besaß, war er bei der Wehrmacht als Fahrer eingesetzt worden, der die Offiziere von Front zu Front zu befördern hatte.
Zwangsarbeiter auf Hof
Außerdem hatte man für diesen Tag, 27. September 1943, gerade eine Dreschmaschine geordert, um das Korn aus dem Getreide mittels Treckerantrieb gewinnen zu können. Wie auf anderen Bauernhöfen beschäftigte auch Ese Esen eine Zahl von Zwangsarbeitern – Kriegsgefangene, die am Abend nach verrichteter Arbeit wieder zur Baracke in Ostbense mussten, wo sie unter Verschluss schliefen. „Ich erinnere mich noch gut an einen Mann und eine Frau aus der Ukraine sowie einen Franzosen, die bei uns selbstverständlich mit am Tisch saßen und mitbeköstigt wurden“, berichtet Gertrud Meents.
Bomberverband im Blick
„Jemand rief schon kurz zuvor, dass die Flieger kommen“, erinnert sich Gertrud Meents an die Zeit einige Minuten vor 11 Uhr an dem besagten 27. September. Auch wenn der Himmel stellenweise verhangen gewesen sei, so habe man doch den amerikanischen Bomberverband von Süden her auf das Stadtzentrum zukommen sehen. „Es muss Westwind gewesen sein, weil die Wolken dann nach Osten abdrifteten.“ 165 Tote, darunter 108 Kinder und Jugendliche sowie 383 teils nicht mehr bewohnbare Gebäude waren das Resultat der Bombardierung, die das Nazi-Deutschland heraufbeschworen hatte.
Bald hatte Gertrud Meents Gewissheit, dass auch manche Freundinnen und Schulkameraden ums Leben gekommen waren. „Die beiden ersten Jahrgänge der Volksschule hatten keine Herbstferien, weil sie ja wenige Wochen zuvor erst eingeschult worden waren“, schildert sie weiter. Somit hätten sie Unterricht gehabt und seien nach der Alarmierung in den schutzbietenden Keller des Waisenhauses gegangen, der jedoch einen direkten Treffer erlitt. „Meine Schulkameraden starben dort im Keller.“
Am Sarg gebetet
„Ich weiß noch, dass ich an einem auf dem Esenser Marktplatz aufgestellten Sarg gestanden und gebetet habe“, erinnert sich Gertrud Meents an ihre Teilnahme an der Trauerfeier wenige Tage danach. Der Sarg sei mit einer Hakenkreuz-Fahne bedeckt gewesen; die Tränen seien ihr gekommen. Für sie sei der durch die Deutschen provozierte Angriff seinerzeit unverständlich gewesen. „Das war eine ganz schlimme Zeit.“
In Esens besuchte Gertrud Meents weiter die Mittelschule und machte danach eine Lehre im landwirtschaftlichen Bereich. Zuhause bevölkerten zum Kriegsende Mitglieder der Hollandarmee den Ort und den Hof, auf dem sie in den Stallboxen der Kühe nächtigten. Und dann nahm die Familie wie viele andere auch Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten auf und versorgte sie mit Lebensmitteln. Nach staatlicher Unterstützung, so Gertrud Meents, habe damals keiner gefragt.
Kohlenhandel mitgeleitet
Später lernte sie Joachim Meents, den Sohn von Kohlenhandlungsgründer Hermann Meents an der Bahnhofstraße, kennen und heiratete ihn 1956. Im wachsenden Betrieb arbeitete sie bald mit und zog zwei Söhne groß. Aber immer wieder gerieten auch in dieser Zeit der 27. September 1943 und ihre Eindrücke von dem schlimmen Tag in ihr Gedächtnis.
Immerhin wurde bald auf dem Esenser Friedhof – im Bereich des großen Gemeinschaftsgrabes auf der Westseite (Anton-Esen-Straße) – eine Gedenkstätte mit zahlreichen Sandsteinkreuzen errichtet, auf dem die Namen der gestorbenen Kinder stehen – und eben auch die ihrer getöteten Mitschülerinnen. Bei Besuchen des Ehrenmals auf dem Friedhof habe sie auch in späteren Jahren – angesichts der erlebten Dramatik – ihre Tränen oftmals nicht zurückhalten können.
Am 27. September 1943 überflog gegen 11.15 Uhr ein amerikanischer Bomberverband, der eigentlich Emden angreifen wollte, das Stadtgebiet Esens und klinkte seine Bombenlast im Teppichwurf aus.
165 Menschen, darunter 57 Erwachsene und 108 Kinder und Jugendliche (23 Landjahrmädchen, 76 Schüler der Jahrgänge 1936/37, 9 noch nicht schulpflichtige Kinder), kamen ums Leben. 57 weitere Personen wurden verwundet, 490 obdachlos. Die Bomben beschädigten 383 Gebäude.
Allein im Keller des Landjahrheims (heutiger Standort: Haus der Begegnung) sind 62 Schulkinder der Jahrgänge 1936/37 durch Bomben getötet worden. Weitere Kinder dieser Jahrgänge fanden an diesem Tag in ihren Elternhäusern oder anderswo den Tod. Oder sie sind erst später an ihren Wunden gestorben.
In anderen Städten Ostfrieslands warfen die Amerikaner an diesem Tag ebenfalls Bomben ab. So wurden in Emden elf Menschen getötet (elf Verwundete), in Aurich 13 (18), im Landkreis Aurich zwei (zehn) und im Landkreis Norden zwei (zehn).
