Esens - Balthasar von Esens, der von 1522 bis 1540 das Harlingerland regierte und dem Ort die Stadtrechte verlieh, gehört bis heute zu den schillerndsten Persönlichkeiten der Küstenregion. „Zeit seines Lebens kämpfte er mit allen Mitteln für die Unabhängigkeit, den Wohlstand und die Macht seiner Heimat und ging damit als streitbare Figur in die Geschichte ein“, erklärt Titus Blecken. Der in Esens aufgewachsene Sohn des Allgemeinmediziners Dr. med. Wolfram Nagel hat in den vergangenen Jahren zu Balthasar ausführlich geforscht und stellt erste Ergebnisse anlässlich des Tags des offenen Denkmals am kommenden Sonntag, 11. September, im Museum „Leben am Meer“ vor.
„Heutzutage herrscht ein vorwiegend negatives Bild Balthasars vor“, weiß Blecken, der sich seit seinem Geschichtsstudium in Oldenburg im wissenschaftlichen Rahmen mit dieser Figur auseinandersetzt und heute in Lüneburg lebt. „500 Jahre Balthasar von Esens – wer war der Stadtvater wirklich?“ hat der Historiker seinen Part des Aktionstags überschrieben und deutet damit an, dass er hinterfragt, ob die zuweilen verächtliche Interpretation des mittelalterlichen Regenten gerechtfertigt ist. „Die Harlingerländer sollten die Bezeichnung Junker für ihren Balthasar besser vermeiden“, unterstreicht der Lüneburger mit Hinblick auf die noch nicht abgeschlossene Forschung zur Person.
Zeit geprägt von Krieg und Streit
Balthasar von Esens war von 1522 bis zu seinem Tod 1540 Regent des Harlingerlandes. „Er ist hier bis heute aufgrund der Reformation dieser Region unter seiner Führung und des Erwerbs der Stadtrechte für das damalige Zentrum Esens Teil des kollektiven Gedächtnisses in Ostfriesland“, bewertet Titus Blecken. Seine Jahre seien von Krieg und Streit geprägt gewesen, insbesondere mit dem direkten Nachbarn, der Grafschaft Ostfriesland unter der Herrschaft Edzards des Großen und dessen Nachfolger Enno II. Zum damaligen Jeverland und dessen Herrin Maria von Jever habe Balthasar eine enge Verbindung unterhalten. Sowohl die genannten Grafen als auch jene Regentin werden bis heute für ihre Verdienste in Ostfriesland geehrt.
Doch auch über die Grenzen der ostfriesischen Halbinsel hinaus macht sich Balthasar einen Namen. Der Historiker: „So hielt er enge Beziehungen zu den Oldenburger Grafen, zum Herzog von Geldern sowie zur Grafschaft Rietberg. Auch stand er im stetigen Austausch mit der Hansestadt Bremen, die in seinen letzten Jahren im Krieg mit ihm stand und ihn schließlich besiegte.“ Insbesondere dieser Krieg habe so hohe Wellen geschlagen, dass sich unter anderen sowohl der Schmalkaldische Bund als auch der Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation selbst einschalteten.
Balthasar von Esens, so der als Lehrer arbeitende Titus Blecken, lebte und regierte zu einer Zeit verschiedener Umbrüche, die auch für seine vermeintlich lokal begrenzte Herrschaft von hoher Bedeutung waren: die Reformation und ihre politischen Folgen sowie der Wandel hin zur humanistischen Renaissance.
Esenser Regent wird verehrt und diffamiert
„Auch der Machtverlust der Hanse und die Umstrukturierung politischer Verhältnisse in Stadt und Land wären hier zu nennen. Aufgrund verschiedener Umstände übernahm er eine nicht unbedeutende Rolle auf den großen Bühnen dieser Zeit, mal als „Spielball“ anderer Mächte, mal als handelnder Akteur.“ Direkte und indirekte Bezüge hätten zu den maßgeblichen Großen dieser Zeit bestanden, wie Martin Luther, Königin Maria von den Niederlanden und Philipp dem Großmütigen von Hessen.
Von den einen als Reformator, progressiver Regent und Freiheitskämpfer für die Unabhängigkeit seiner Heimat verehrt und von den anderen als Unruhestifter, Ritter und „Seeräuber“ des alten Schlags sowie treuloser Junker diffamiert, scheiden sich durch die Jahrhunderte hindurch bis heute die Geister der Geschichtsschreibung und -forschung an einer treffenden Beurteilung der Figur Balthasars.
Titus Blecken: „Die Bedeutung seiner Darstellung sowie die Rezeption dieser Person sind wichtig im Blick auf ihren Stellenwert im Rahmen des kollektiven Gedächtnisses in und außerhalb von Ostfriesland. Vor diesem Hintergrund und aufgrund des aktuellen Forschungsstands hierzu ist ein Sachurteil über die Person Balthasar von Esens nach modernen geschichtswissenschaftlichen Standards ein Desiderat der frühneuzeitlichen und lokalhistorischen Geschichtsforschung.“
Die Forschung zur Person Balthasars ist spärlich, bedauert der in Esens aufgewachsene Historiker Blecken. Meist sei der Regent nicht zentraler Gegenstand der Untersuchungen gewesen, sondern werde am Rande erwähnt. „Dort werden sein Handeln und Wirken allerdings sehr verkürzt und oft einseitig negativ und pauschalisierend interpretiert, ohne genaue Belege anzuführen.“ Dieses Bild übernehme weitgehend die Darstellung Balthasars, die den Großteil der ostfriesischen Chroniken dominiert. Auf diese Weise habe sich im kollektiven Gedächtnis „Balthasar der Unruhestifter und Pirat“ manifestiert.
„Das Hauptproblem ist, dass der Forschungsstand zur Person Balthasar von Esens einerseits nicht differenziert und andererseits nicht ausführlich genug ist. Die wenige Literatur, die sich mit dem Gegenstand auseinandersetzt, tut das auf der Basis von unzureichendem Quellenmaterial in Verbindung mit unwissenschaftlichen Interpretationen“, moniert Titus Blecken. Es fehle schlichtweg ein multiperspektivischer Ansatz und dafür der bisherigen Literatur auch an ausreichenden Informationen, um ein angemessenes Sachurteil über Balthasar fällen zu können.
Das Leben Balthasars beleuchten
Um diese Forschungslücke zu füllen, sieht der Referent zwei Notwendigkeiten: Zunächst bedarf es einer umfassenden Zeittafel, die auf Basis von Primär- und Sekundärliteratur sämtliche fassbare Ereignisse im Leben des Balthasar zusammenträgt, um sein Wirken hinreichend beleuchten zu können. „Diese Zeittafel erhebt einen Anspruch auf Vollständigkeit – also alle Informationen, die aus schriftlichen Quellen existieren und Auskunft über das Wirken Balthasars geben.“ Darüber hinaus seien alle Aussagen, die über Balthasar als Person in Primärquellen getroffen werden, zusammenzutragen und quellenkritisch zu analysieren. „Dieser Teil wird derzeit bearbeitet und ist noch nicht vollendet“, so Titus Blecken.
Erst auf Basis dieser beiden Notwendigkeiten könnten angemessene Interpretationen getätigt und Schlüsse gezogen werden, unterstreicht er. Dies führe schließlich zu einem multiperspektivischen Sachurteil und ermöglicht so eine Darstellung der Person Balthasars nach aktuellen geschichtswissenschaftlichen Maßstäben, so der Esenser. „Das Ziel des Vorhabens ist also eine Erweiterung beziehungsweise Lenkung des Blicks der Forschung über die Person Balthasar von Esens in Richtung Multiperspektivität und moderne Quellenkritik“. Erst auf dieser Basis seien neue Schlussfolgerungen und gegebenenfalls Annahmen möglich.
