Esens/Oldenburg - Sie wurde zur Professorin für Erziehungswissenschaften ernannt, installierte an der Universität die Gender-Studies und engagierte sich im Vorstand von Pro familia Niedersachsen: In Oldenburg, wo sie auch dem Stadtrat angehörte, machte die gebürtige Esenserin Heike Fleßner Karriere. Dort kennt man sie als streitbare Kämpferin für Kinderrechte und die Jugendhilfe.
Angesichts ihrer Vita fiel die Wahl auch auf die 2021 verstorbene Lehrerin und Studienleiterin, als es in der Hunte-Stadt darum ging, zehn Frauenpersönlichkeiten für ein großes Wandbild auszuwählen. Die Oldenburgerin Altje Hasche hatte nämlich bemerkt, dass auf dem riesigen Wandbild an der Autobahnbrücke in der Ammerländer Heerstraße ausschließlich Männer abgebildet sind: Etwa Carl von Ossietzky, Julius Mosen, die EWE-Baskets, Johann Bünting und Horst Janßen. Das Brückenkunstwerk war 2012 auf Initiative des Einkaufscenters Famila in Wechloy entstanden.
Umsetzung in 2023
So initiierte Altje Hasche eine Projektgruppe unter Leitung des örtlichen Präventionsrates. Sie kümmert sich jetzt um ein weibliches Gegengewicht, ein Graffiti-Banner mit Frauenbildern auf der gegenüberliegenden Brückenseite. Aus 16 nominierten, besonderen Frauen, die das Leben und die Gesellschaft in Oldenburg mitprägten, entschied sich eine Jury unter Moderation von Melanie Blinzler, Geschäftsführerin des Präventionsrates Oldenburg (PRO), nach eineinhalb Jahren Vorarbeit für zehn bedeutende Frauenpersönlichkeiten. Das Wandbild soll in diesem Jahr realisiert werden. Mit einer Künstlerinnengruppe aus dem Raum Oldenburg hat die Arbeitsgruppe bereits Gespräche geführt. „Von Stil und Umsetzung hängt ab, wie teuer es wird“, sagt Blinzler.
Elternhaus prägt sie
Es mag an ihrem behüteten wie prägenden Elternhaus gelegen haben, dass Heike Fleßner (1944–2021) ein besonders sozial engagierter Mensch wurde. Weggefährten beschrieben die viel gefragte Ratgeberin als Person voller Energie, Zugewandtheit und Verlässlichkeit. Im sozialen Bereich, insbesondere in der zeitgemäßen Weiterentwicklung der Kindererziehung, machte sie sich einen guten Namen. Und sie machte sich zeitlebens stark für die Frauenrechte.
Heike Fleßner wurde als zweite von drei Töchtern des Esenser Bankkaufmanns August Fleßner geboren, 1924 bis 1961 Leiter der örtlichen Geschäftsstelle der Kreissparkasse Wittmund. Fleßner war eine sehr gute Schülerin; ihr liberal eingestelltes Elternhaus ermöglichte es ihr, am Gymnasium Ulricianum in Aurich das Abitur zu machen.
Bis zur Professur
Für ein Jahr als Au-pair ging die junge Frau nach Paris, studierte nebenbei Französisch bei der Alliance Française. Im Anschluss begann Heike Fleßner ein Lehramtsstudium an der Pädagogischen Hochschule (PH) Oldenburg und arbeitete von 1966 bis 1971 als Hauptschullehrerin in Neerstedt. Während dieser Zeit wurde sie als wissenschaftliche Assistentin an die PH geholt. Um als Hochschullehrerin arbeiten zu können, studierte Fleßner noch Sozialpädagogik und unterrichtete fortan an der Oldenburger Hochschule, die 1973 zur Universität wurde.
1980 promovierte die Esenserin mit der historischen Untersuchung über die Entwicklung öffentlicher Kleinkinderziehung auf dem Lande. Engagiert setzte sie sich als Ratsfrau zwischen 1985 und 1991 für die Deutsche kommunistische Partei im Oldenburger Stadtrat ein; in den letzten beiden Jahren in der Fleßner/Müller-Fraktion. Schwerpunkte ihrer Ratsarbeit lagen auf dem Gebiet der Stadtentwicklungsplanung und Jugendhilfepolitik.
Als es in Oldenburg nur eine einzige Krippe gab, wurde sie 1980 Mitgründerin des „Vereins zur Förderung öffentlicher Kleinkinderziehung“. An diese Tätigkeit im heutigen „Verein für Kinder“ knüpfte auch ihre wissenschaftliche Tätigkeit an. Als Betroffene eines Berufsverbotsverfahrens (1981) wegen ihrer DKP-Mitgliedschaft trat sie energisch für die Verteidigung der demokratischen Grundrechte ein.
Heiße Fleßners Habilitation im Jahr 1994 befasste sich mit dem Thema „Mütterlichkeit als Beruf: Historischer Befund oder aktuelles Strukturmerkmal sozialer Arbeit?“. 1996 wurde sie zur außerplanmäßigen Professorin ernannt. So war die Ostfriesin maßgeblich am Aufbau des Forschungsschwerpunkts Frauen- und Geschlechterforschung an der Carl-von-Ossietzky-Universität beteiligt und zählte zu den Gründungsmitgliedern des Zentrums für Frauengeschichte. Und sie war Mitbegründerin der Gender-Studiengänge an der Uni. Ihr Fachurteil war stets gefragt; bei den Studierenden war sie hoch geschätzt.
Als Hochschullehrerin
Bis zu ihrer Pensionierung 2009 arbeitete Prof. Dr. Heike Fleßner als Hochschullehrerin für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Sozialpädagogik. Neun Jahre hatte die Professorin zudem das Amt der Direktorin des universitären Zentrums für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung (ZFG) inne.
Fleßner wurde 2014 zur Vorsitzenden des Landesverbandes Niedersachsen der „pro familia – Deutsche Gesellschaft für Familienplanung, Sexualpädagogik und Sexualberatung“ gewählt. Ihr Interesse lag hier vor allem in der zeitgemäßen Weiterentwicklung der Kinderbetreuung. Zudem war sie Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Zentrums für Frauen- und Geschlechterstudien.

