Harlingerland - Wichtige Kulturschrittmacher wie Bronze und Eisen erreichten das Küstengebiet bekanntlich erst Jahrhunderte später als den mittel- und südeuropäischen Raum. Zudem waren die Landschaften an der Nordsee besonders lange schriftlose Kulturen, und der Wandel von einer reinen Sprechkultur zur Schreibkultur war ein viele Generationen hindurch andauernder Prozess.
Mit der sogenannten Rechenkunst wird es nicht anders gewesen sein. Denn erst ab dem 12. Jahrhundert brachten die gelehrten Europäer dem aus Asien kommenden Zahlensystem Interesse entgegen. In Deutschland wurde die Arbeit mit den indisch-arabischen Ziffern im 16. Jahrhundert durch die auch für die einfachen Menschen geschriebenen Rechenbücher des Adam Ries(e) bekannt. Sicherlich sind auch einige Exemplare davon in den Nordwesten gelangt. Geldwirtschaft hatte die Tauschwirtschaft abgelöst; Ostfrieslands Schiffer, Händler und Kaufleute mussten nun rechnen können, um mit dem Gewirr unterschiedlicher Längen- und Flächenmaße aber vor allem mit den vielen unterschiedlichen Münzen zurecht zu kommen.
Es war schwierig, Regeln der Rechenkunst zu vermitteln, zumal die meisten Schulgehilfen und Schulmeister in den dörflichen Schulen sie auch nicht beherrschten. So interessierte sich der Generalsuperintendent Walther aus Aurich, der 1629 die Kirchen- und Schulgemeinde Leerhafe visitierte, wohl nur für die Vermögensverhältnisse. Er notierte, dass der Küster neben Landdotationen für jedes Kind einen jährlichen Barbetrag von einem halben Thaler erhielt. Er hielt wohl Schule.
Schulgeld erforderlich
Die Schulen damaliger Zeit hatten kirchlichen Charakter und stellten Lesen, Schreiben, Buchstabieren und den Inhalt christlicher Bücher in den Mittelpunkt. Die Eltern schickten ihre Kinder nur, wenn sie bei der Haus- und Feldarbeit entbehrlich waren und sie auch sonst einiges mit dem Bildungswesen im Sinne hatten. Schließlich musste für jedes Kind Schulgeld gezahlt werden. Das dürfte vielen Familien nicht leicht gefallen sein, so dass sie das höhere Schulgeld für den Rechenunterricht möglichst einsparen wollten. Verständlich bei der oftmals großen Kinderzahl, so dass das Rechnen besonders in kleinen Schulen kein ständiger Unterrichtsgegenstand war.
An den Kenntnissen und Fertigkeiten der Lehrer gab es so manches auszusetzen. Noch 1759 räumte zum Beispiel ein Lehrer aus der benachbarten Wesermarsch freimütig ein, „…dass er nicht rechnen könne“. So blieb das Kopfrechnen, das Niederschreiben von Zahlen oder die Anwendung von Hilfsmitteln wie Rechenbrettern lange im diffusen Bereich und wurde nicht vermittelt. In aller Regel war die Unterweisung durch geschulte Rechenmeister notwendig, die es an den sogenannten Lateinschulen oder im Privatunterricht hin und wieder gab. Sie standen in hohem Ansehen, und ihre Leistungen waren durchaus bedeutend.
Fabricius rechnet in Esens
Es ist Menso Folkerts und seinen Mitautoren zu verdanken, viele Rechenmeister der frühen Neuzeit aufgespürt und in den Schriften des Adam-Ries-Bundes veröffentlicht zu haben. Auch in Ostfriesland ist er fündig geworden. Da ist zum Beispiel David Fabricius (1564– 1617) aus Esens, der wohl in den Lateinschulen in Norden und Braunschweig sowie in Helmstedt mit den damals hochmodernen Wissenschaften wie Mathematik und Astronomie in Berührung kam. 1584 nahm er in Resterhafe eine Predigerstelle an und stellte astronomische und meteorologische Beobachtungen an.
1602 gab er aufgrund politischer Wirren die Pfarrstelle in Resterhafe auf und lebte für einige Zeit als Privatmann in Esens. Dort wird er sich möglicherweise auch als Rechenmeister betätigt haben, bis er einige Jahre später wieder eine Pfarrstelle in Osteel erhielt. Ein vom Bezirkslehrerverein herausgegebenes Buch über Ostfrieslands Volksschullehrer weist in einer Aufzählung großer Rechenmeister ausdrücklich auf David Fabricius hin.
Wittmunder Rechenbuch
Das „Wittmunder Rechen-Buch“, das Henricus von Angelbeke (1626–1715) im Jahr 1661 erstmals drucken ließ, wurde lange Zeit eingesetzt. Sein ältester Sohn Johann von Angelbeke, Organist, Schul- und Rechenmeister, kümmerte sich um einen berichtigten Nachdruck als „Neu – vermehrtes Wittmunder Rechen-Buch“, das 1696 herausgegeben wurde. Somit konnte es vielen Menschen in der Region ermöglicht werden, sich mit den indisch-arabischen Ziffern auseinander zu setzen.
Der Heimatverein Wittmund hatte das Glück, in Zusammenarbeit mit der Sparkasse Leer-Wittmund 2011 ein Exemplar dieses umfangreichen Lehrbuches (368 Seiten) zu erwerben. Henricus von Angelbeke nahm nicht nur Aufgaben als Schreib- und Rechenmeister an der Lateinschule (ab etwa 1650), sondern auch als Küster und Organist sowie zeitweise „Hochfürstlicher ostfriesischer Bürgermeister“ des kleinen Ortes an der Harle wahr.
Amtmann Schleiff
Der von 1709 bis 1745 in Wittmund tätige Amtmann Christian Eberhard Schleiff hatte den Auftrag, den späteren Fürsten Georg Albrecht (1690– 1734) ab dem Alter von acht Jahren in Lesen, Schreiben, Rechnen, Latein, Französisch und Religion zu unterrichten, bevor er ab 1704 auswärtige Schulen besuchte. Der Unterricht fiel also noch in die Zeit, als Schleiff in Aurich lebte und eine Anstellung als Regierungsrat in der fürstlichen Regierung fand. Auf jeden Fall hat das Amt Wittmund aber einen Verwaltungschef erhalten, der des Rechnens kundig war.
Rechenmeister Fastenau
1738 wird ein Rechenmeister in Esens genannt und 1804 gemeldet, dass neben Rektor Gerdes und Kantor Harms als dritter Lehrer Rechenmeister Fastenau tätig war. 1827 wurde für den Rechenmeister eine neue, mit dem Schulgebäude verbundene Wohnung gebaut. Wenige Jahre später mussten in der Wohnung des Rechenmeisters für dessen Schüler Schulstuben eingerichtet werden.
Jost Ihnen in Eggelingen
Das erste Rechenbuch des 18. Jahrhunderts wurde von dem Kantor und Rechenmeister Jost Ihnen herausgegeben, der zunächst in der Nebenschule Toquard bei Eggelingen tätig war und anschließend eine Anstellung in Aurich fand. Die Toquarder hielten sich seit altersher einen Privatlehrer. Dies bescheinigte ihnen der Funnixer Pastor Angelbeck, der hinzufügte, dass Just Ihnen „zu der Zeit, da er Schulmeister zu Toquard war, nach Wittmund kam und sich von meinem Vater in der Rechenkunst unterrichten ließ.“
Ihnen wertete also seine Qualifikation auf, um eine besser dotierte Stelle zu erlangen, die er schließlich in der damals fürstlichen Residenzstadt Aurich fand. Im Kirchspiel Eggelingen hat er seine ersten Spuren hinterlassen und sich sicherlich auch die Vermittlung der Rechenkunst neben seinen Einkünften gut bezahlen lassen.
Kantor und Arithmeticer Jost Ihnen nennt sein Werk umständlich „Arithmetischer Gedächtnis-Spiegel: worin Die Rechen-Kunst, im Gemeinen- und Kurtz-Rechnen, Buchhalten, künstlichen Rechnungen, Regula Coss oder Algebra. Und ein Appendix von allerhand zu der Mathematischen Wissenschaft dienenden Quaestionibus, auch sonsten im Handel und Wandel nötigen Sachen angewiesen“. Gedruckt wurde es 1725 in Oldenburg. In Aurich hingegen geriet er immer wieder in Auseinandersetzungen mit den Nebenschulen des Ortes, die ihn in seinen Einnahmen schädigten.
Es fehlten ihm nicht nur die Schüler, denn das Schulgeld wurde unterschiedlich festgesetzt. In einer Schulordnung stand, dass das Schulgeld für einen Schüler, der buchstabiert und liest, wöchentlich 7 Pfennig, der schreibt 10 Pfennig und der rechnet 12 Pfennig (ein Groschen) beträgt. Ergänzend dazu hieß es, dass das höhere Schulgeld für das Rechnen nur von solchen zu fordern sei, die im Rechnen auf der Schiefertafel Unterricht erhielten.
Mathe als Liebhaberei
Das Preußische Generallandschulreglement von 1763, das auch das innere Leben der Schulen neu ordnete, befasste sich so gut wie gar nicht mit dem Rechnen. Gleichwohl machten etliche Schulmeister die Mathematik zu ihrer besonderen Liebhaberei, wenn es denn ihrem Können und ihrer Neigung entsprach.
Die Leistungen der Schüler wurden übrigens danach beurteilt, wie viele Rechenbücher sie durchgearbeitet hatten. In manchen Exemplaren findet man im Titel den Begriff „selbstlehrend“, um ihre Verbreitung und damit den Verkauf zu fördern. Große Unterstützung bei der Obrigkeit fanden sie dabei offensichtlich nicht, denn 1779 äußerte sich der Preußenkönig Friedrich II. dahingehend: „Für die jungen Leute ist es auf dem platten Lande genug, wenn sie ein bisschen Lesen und Schreiben lernen. Wissen sie aber zuviel, so laufen sie in die Städte und wollen Sekretärs und so was werden. Deshalb muß man auf dem platten Land den Unterricht der jungen Leute so einrichten, dass sie das Notwendige, was zu ihrem Wissen nötig ist, lernen, aber auch in der Art, dass die Leute nicht aus den Dörfern weglaufen, sondern hübsch dableiben.“
Folkert Krey in Buttforde
Eine herausragende Stellung als harlingerländischer Rechenmeister nimmt ohne Zweifel Folkert Krey (1692–1775) aus Buttforde ein, wo er mehr als ein halbes Jahrhundert als Dorfschulmeister und Organist der St.-Marien-Kirche wirkte. Er veröffentlichte 1738 ein angeblich in niederdeutscher Sprache geschriebenes Schulbuch, das etwa ein Jahrhundert überdauerte. Nach den napoleonischen Kriegen erschien 1816 die vierte Auflage. 1839 wurde die von dem Blersumer Lehrer Johann Tönjes Hoffmann betreute 15. Auflage herausgegeben. Und sie fand weiterhin Abnehmer in vielen Schulen in Ostfriesland und dem Jeverland. Hoffmann arbeitete von 1836 bis 1849 in Blersum, und einer seiner Vorgänger nannte sich kurioserweise Christoph Adam Ries (1800/1801). Im Harlingerland kannte man zur damaligen Zeit nicht die Bekräftigung einer richtigen Berechnung mit „Das macht nach Adam Riese“. Vielmehr hieß es: „Na Folkert Krey sien Rekenbook“.
Es ist schwierig, ein vollständiges Rechenbuch von Folkert Krey aufzuspüren. Die Schulmuseen in Folmhusen und Zetel meldeten „Fehlanzeige“, ebenfalls das Adam-Ries-Museum in Thüringen und das Mariengymnasium in Jever. Einzig das Archiv des Schlossmuseums in Jever verfügt über die Schrift „Arithmetice initialis oder: ein kurzes Rechen Büchlein denen Rechnens-Anfängern zum Besten zusammen getragen (...) von einem Freund dieser Kunst“. Dieses Exemplar wurde 1806, also nach dem Tod Kreys in Bremen gedruckt und endet schon mit Seite 110, ist also leider nicht vollständig. Ursprünglich gehörte es dem Jeverländischen Verein für Altertumskunde und enthält auf dem Titelblatt die Notiz „Folkert Krey Buttforde“.
Jabbo Oltmanns
Nicht vergessen sei der Wittmunder Kaufmannssohn Jabbo Oltmanns (1783–1833), den die Fachwelt einen begabten Mathematiker und Freund Alexander von Humboldts nennt. „Es ist ein unaussprechliches Glück für mich, Herrn Oltmanns hier gefunden zu haben. Er ist ein wunderbarer junger Mann, der sich ganz selbst gebildet hat, voll Talent, Bescheidenheit und unbegreiflicher Ausdauer. (...) Menschen, die die Wissenschaft ihrer selbst willen lieben, sind selten“, heißt es in einem Brief des weltbekannten Naturforschers Humboldt.
Über die frühen Jahre Jabbo Oltmanns’ ist wenig bekannt, in Berlin machte er jedoch Karriere. Er wurde 1810 Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften und erhielt einen Ruf an die Friedrich-Wilhelms-Universität. Die Professorenstelle konnte er jedoch nicht antreten, weil die damalige französische Regierung ihn als Verwalter einer Domäne in Ostfriesland berief.
Nach Ende der Franzosenherrschaft (1813) war er nun ohne feste Anstellung, nahm aber möglicherweise schnell eine Beschäftigung als Mathematiker an einer der hiesigen Lateinschulen auf. 1824 endlich wurde er zum Ordinarius für das Fach der angewandten Mathematik an der Berliner Fakultät ernannt. Leider versank er in seinem letzten Lebensabschnitt im Alkoholismus und starb schon früh.
