Harlingerland - Dass die bislang gewohnte Ordnung aufgebrochen, grundsätzliche politische Strukturen verändert werden sollten – das schmeckte vielen Menschen im Harlingerland nicht gerade. Vor 50 Jahren wurde in Niedersachsen die gesetzlich verordnete Gemeindegebiets- und Verwaltungsreform durchgeführt, die viele kleine Ortschaften in größere Einheiten aufgehen ließ. Nach einer der weitreichendsten Strukturveränderungen in jüngerer Zeit entstanden 1972 die heutigen kommunalen Gebietszuschnitte.
Nach Erkenntnissen in den frühen 1960er Jahren, die ländlichen Gemeinden könnten nicht mehr alle erforderlichen zeitgemäßen Leistungen für die Bürger erbringen, setzten 1969 konkrete Bestrebungen der Landespolitik ein, größere kommunale Einheiten zu bilden. Doch vielerorts gab es Widerstand gegen diese geplanten Veränderungen, die Orte wollten lieber eigenständig bleiben. Wittmunds Oberkreisdirektor Heinrich Strauß und Kreisoberamtmann Werner Hinrichs reisten daher durch die Region, um die Zusammenschlüsse schmackhaft zu machen und die Vorteile im Verwaltungsbereich zu erläutern. Im Landkreis waren 63 Gemeinden betroffen.
Das Landesgesetz
Nachdem die Weber-Kommission die Reformvorschläge ausgearbeitet und Anhörungstermine abgehalten worden waren, verabschiedete der Landtag am 10. Mai 1972 das „Gesetz zur Neugliederung der Gemeinden im Raume Friesland-Wittmund“. Eine Vorgabe der Landesregierung war dabei, dass es nur maximal zehn Gemeinden sein durften, die freiwillig zusammen eine Samtgemeinde bilden konnten.
Wittmund
Für die Kreisstadt Wittmund und die 13 umliegenden Gemeinden – ein Gebiet, das von der Küste bis nach Leerhafe reicht – wurde jedoch letztlich das Modell der Einheitsgemeinde „verordnet“: Bis zu einem Stichtag war es den beteiligten Kommunen nicht gelungen, sich auf das Modell Samtgemeinde zu einigen.
Die Gemeinde Harlesiel, die 1968 die Ortschaften Carolinensiel, Berdum und Funnix hinzugenommen hatte, hatte sich gegen eine „Samtgemeinde Wittmund“ ausgesprochen, weil die kleinen Kommune wohl stark verschuldet war und eine Einheitsgemeinde in diesem Fall wirtschaftlicher schien. Der neue Wittmund-Verbund übernahm den Kassenstand – aber auch die Folgekosten und weitere Verpflichtungen seiner anderen Ortschaften.
Im gemeinsamen Stadtrat saßen fortan Vertreter aus Ardorf, Blersum, Burhafe, Buttforde, Harlesiel (inklusive Carolinensiel, Berdum, Funnix), Hovel, Leerhafe, Uttel, Willen und Wittmund (inklusive Asel und Eggelingen). Interims-Stadtdirektor Ernst Potthoff gab bald an Joachim Pissarsky ab; im Februar 1973 folgte der langjährig tätige Dr. Theodor Uebelhoer. Das Rathaus befand sich in der Friedenstraße. Bürgermeister blieb Dr. med. Ludwig Schulze, der 1974 von Bernhard Schoon aus Leerhafe abgelöst wurde.
Esens
Im Raum Esens war die Neuordnung nicht leichter, da es galt, 19 Gemeinden unter einen Hut zu bringen. Mit Verhandlungsgeschick gelang es aber, eine Samtgemeinde zu bilden, die seit 20. Juli 1972 offiziell existiert. Vorher – zum 1. Juli – hatte man Bensersiel und Sterbur mit der Stadt Esens vereint; Brill wurde Dunum zugeschlagen, Utgast, Fulkum und Damsum gehörten fortan zur Gemeinde Holtgast; Seriem, Ostbense und Altharlingersiel vereinte man zur Gemeinde Neuharlingersiel, Thunum, Osteraccum und Mamburg gingen in die Gemeinde Stedesdorf auf. Letztlich bildeten die Gemeinden Dunum, Holtgast, Neuharlingersiel, Stedesdorf, Moorweg, Werdum und Esens die Samtgemeinde Esens mit 13 592 Einwohnern.
Bernard Thüer, der seinen Dienst bereits 1971 als Nachfolger von Stadtdirektor Ewald Neemann angetreten hatte, wurde in den Rathaus-Räumen am Marktplatz erster Samtgemeindedirektor; für die Stadt fungierte er zugleich als ehrenamtlicher Stadtdirektor. Die ehrenamtlichen Posten bekleideten Stadtbürgermeister Werner Schmidt und Samtgemeindebürgermeister Johannes Eden.
Holtriem
Auch im Westen des Kreisgebiets gelang es vor 50 Jahren, eine Samtgemeinde zu bilden – eine Rechtsform, die den Mitgliedskommunen ein hohes Maß an politischer Selbstständigkeit ermöglicht und einen eigenen Etat zubilligt. Blomberg, Eversmeer, Nenndorf, Neuschoo, Ochtersum, Schweindorf, Utarp und Westerholt machten nun in vielen Belangen gemeinsame Sache; jeweils ein Bürgermeister steht dem Ortsrat vor.
Als Vorarbeit hatte man gemäß einer Landesempfehlung Ostochtersum und Westochtersum am 1. Juli 1972 zur Gemeinde Ochtersum zusammengeschlossen. Die Samtgemeinde Holtriem erhielt ihren Sitz in Westerholt, wenngleich der gewählte Samtgemeindedirektor Harm Poppen seine Geschäfte zunächst vom Schreibtisch in der Bäckerei Meier in der Dornumer Straße und danach von der ehemaligen Volksschule in Schweindorf aus führte. Das heutige Rathaus mit dem Verwaltungssitz der Samtgemeinde Holtriem wurde erst 1986 in Betrieb genommen.
Die früheren Gemeinden Roggenstede, Westeraccum, Westeraccumersiel und Westerbur, die bis 1972 zum Wittmunder Kreisgebiet gehört hatten, wurden im Zuge der Gebietsreform der Samtgemeinde Dornum und damit dem Landkreis Norden (später Aurich) zugeordnet.
Friedeburg
Im Zuge der Gebiets- und Verwaltungsreform schloss man im südlichen Kreisgebiet zwölf Gemeinden zur Einheitsgemeinde Friedeburg zusammen. Dabei hatten die Politiker zunächst mehrheitlich das Modell Samtgemeinde favorisiert. Allerdings verstrich die terminliche Vorgabe einer Einigung, so dass das Land die Einheitsgemeinde festschrieb.
Die Verzögerungen lagen vor allem an Bentstreek und zeitweise auch Marx, die damit geliebäugelt hatten, sich der Gemeinde Zetel beziehungsweise der Gemeinde Wiesmoor anzuschließen. Und: Besonders heftig hatten die Horster gegen die Zusammenlegung mit Friedeburg protestiert – auch sie wollte viel lieber nach Zetel.
Um die Vorgabe der Maximalzahl an Mitgliedsgemeinden einhalten zu können, hatte man im Vorgriff zum 1. Juli die Gemeinde Reepsholt gegründet, zu der nun auch Abickhafe, Hoheesche und Dose zählten. Mit dem 16. August 1972 trat schließlich die Verordnung in Kraft, nach der Bentstreek, Etzel, Friedeburg, Hesel, Horsten, Marx, Reepsholt, Wiesede und Wiesedermeer zur Einheitsgemeinde Friedeburg wurden. In jedem Ort gab es fortan jeweils einen Ortsvorsteher. 1981 änderte der Friedeburger Gemeinderat die Hauptsatzung derart, dass sich aus der bisherigen Gemeinde Reepsholt die beiden Ortschaften Reepsholt/ Hoheesche und Abickhafe/Dose ergaben.
Die Verwaltung richtete man zunächst in einem Raum im Haus von Regine und Wilhelm Remmers in der Hauptstraße ein und wechselte später in das südliche der beiden Amtshäuser, zuvor Landwirtschaftsschule. Hier lenkte nun Gemeindedirektor Alfred Hinrichs die Geschicke; mit ihm war sein späterer Nachfolger Hillrich Reents aus der Kreisverwaltung hierher gewechselt. Der Gemeinderat wählte Theodor Behrends zum Bürgermeister.
Der Kreis Wittmund musste im Zuge der Reform auch im südlichen Bereich Gebiete abtreten: Marcardsmoor und Wiesederfehn wurden der damaligen Gemeinde Wiesmoor im Landkreis Aurich zugeordnet; Gödens mit dem Hauptort Neustadtgödens gelangte in die jeverländische Gemeinde Sande (Landkreis Friesland). Eine Besonderheit im Südkreis bildete Zwischenbergen, das nach einer Volksbefragung teilweise der Gemeinde Wiesmoor und teilweise Strackholt (Gemeinde Großefehn) zugeschlagen wurde – ein Zustand, der sich bis heute gehalten hat.
Langeoog / Spiekeroog
Die zum Landkreis Wittmund gehörenden Inseln blieben von der Neugliederung völlig unberührt. Auf Langeoog waren der hauptberufliche Gemeindedirektor Albert Schmidt im Amt; die ehrenamtliche Bürgermeisterin Dr. Heli Leiß repräsentierte die Insel und saß dem Gemeinderat vor. Auf Spiekeroog wirkte bis 1972 Dr. Kurt Kessler als ehrenamtlicher Bürgermeister und ehrenamtlicher Gemeindedirektor; Hans Wiethorn löste ihn im Jahr der Gebietsreform ab.
Rückblickend dürfte sich die Gebietsreform mit der Zentralisierung der kommunalen Verwaltung positiv ausgewirkt haben, wenn man bedenkt, dass beispielsweise in Friedeburg bis 1972 Kindergarten, Realschule, Radwege, Entwässerungskanäle und Kläranlage völlig fehlten. Viele Defizite wurden beseitigt.
