Friedeburg - Vor 15 Jahren erkrankte ein junges Mädchen aus Wittmund an Leukämie. „Sie hieß Fenja und brauchte dringend einen Stammzellenspender, um gesund zu werden“, erinnert sich Henning Hansjürgens aus Friedeburg/Hesel. Ohne zu zögern, ließ sich der heute 38-jährige Familienvater während einer Typisierungsaktion der DKMS (ehemals Deutsche Knochenmarkspenderdatei) an der Grundschule Wiesede als Stammzellenspender registrieren. „Ich war leider nicht der passende Spender für sie“, sagt er.
Die Wahrscheinlichkeit, dass ein registrierter Spender tatsächlich spendet, liegt bei nur etwa einem Prozent. Von mehr als elf Millionen weltweit registrierten DKMS-Spendern haben bisher rund 100 000 gespendet. Auf DKMS Deutschland heruntergebrochen: Mehr als sieben Millionen registrierte Spender und rund 82 000 zweite Lebenschancen. Es ist also extrem selten, dass man Stammzellenspender wird.
Stammzellen für eine Frau aus Amerika
Doch im Jahr 2020, im November, erreichte Henning Hansjürgens ein Brief von der DKMS. Er sei ein 100 Prozent passender Spender, stand dort. Nach einigen Tests beim Hausarzt, fuhr er im Februar 2021 für eine Voruntersuchung nach Köln. Alles war in Ordnung. Er war für eine Stammzellenspende über das Blut vorgesehen. Diese Art der Stammzellenspende wird bei 90 Prozent der Spender durchgeführt, bei nur zehn Prozent wird eine Knochenmarkspende aus dem Beckenkamm entnommen.
Damit der Transfer der Stammzellen erfolgen konnte, „musste ich mir eine Woche ein Mittel spritzen. So erhöhten sich die Stammzellen in meinem Blut“, erklärt Hansjürgens. Am 24. Februar war es dann so weit. Er fuhr wieder nach Köln – zur Stammzellenspende. „Ich musste fünf Stunden ruhig sitzen. Nur auf Toilette konnte man kurz gehen – aber nur, wenn es sein muss“, scherzt er. Die Stammzellen wurden aus dem Blut gefiltert.
Ihm habe es nicht viel ausgemacht. „Ich fühlte mich danach nur ein wenig geschwächt. Für mich war die Spende selbstverständlich. Ich sag mal so, wenn eins meiner Kinder betroffen wäre, dann hoffe ich, auch jemanden für sie zu haben“, sagt Hansjürgens, der eine Tochter Kea (1) und einen Sohn Len (3) hat. Seine „bessere Hälfte“ Kristina Beckemeyer und Mutter seiner Kinder hingegen findet ein solch selbstloses Verhalten nicht selbstverständlich. Sie hat ihn daher als Menschen des Jahres vorgeschlagen. „Henning ist gesund und stark, ich habe mir aber während der Spende trotzdem Sorgen um ihn gemacht und“, sagt Kristina Beckemeyer.
Henning Hansjürgens hat alles gut überstanden. Eine Nacht blieb er nach der Übertragung in Köln. Mit seiner Spende hat er einer um 45-jährigen Amerikanerin ein zweites Leben geschenkt. Nach zwei Jahren kann er Kontakt zu ihr aufnehmen.
Nachbarin aus Notsituation geholfen
Doch nicht nur der Amerikanerin half er, auch seine Nachbarin rettete er aus einer Notsituation. „Kurz vor Weihnachten, am 20. Dezember 2021, ist unsere jetzige Nachbarin, am späten Nachmittag, im Garten gestürzt und konnte nicht mehr aufstehen. Henning und sein Kumpel, Jan Gerdes, haben sie um Hilfe rufen hören. Wohl gemerkt, wir leben auf dem Land und wohnten zu der Zeit noch nicht hier“, sagt Beckemeyer. Es war ein Glücksfall. Sie leben in Hesel (Friedeburg), einem kleinen Ort mit rund 450 Einwohnern. Ihr Haus und das der Nachbarin stehen abgeschieden.
„Wir waren abends auf der Baustelle. Mein Freund und ich haben die Hilferufe gehört. Unsere Nachbarin lag an der Straße“, sagt Hansjürgens. Sie war gestürzt und konnte nicht mehr aufstehen, weil sie sich das Schlüsselbein gebrochen hatte.
„Zum Glück haben die Männer sie gefunden. Nachts hätte sie wahrscheinlich niemand entdeckt. Zu dieser Zeit waren es minus sechs Grad“, sagt Beckemeyer. Sie riefen den Sohn der Nachbarin an und alarmierten den Krankenwagen, legten ihr wärmende Decken um und blieben bis zum Eintreffen des Krankenwagens bei ihr. Nach einer Operation am Schlüsselbein und einem kurzen Aufenthalt im Pflegeheim ist die Nachbarin wieder in ihrem Haus und vollkommen fit.
