Esens - Der Wohnungsbau spielte zur Zeit der Weimarer Republik auch in der Stadt Esens eine wichtige Rolle. Besonders engagiert in dieser Sache war vor genau 100 Jahren der umtriebige Bürovorsteher Peter Paulsen, der sich für die Realisierung mit der Gagfah in Berlin in Verbindung setzte und an der Bensersieler schließlich drei baugleiche Doppelhäuser errichten ließ.
Gagfah ist die Abkürzung für die Wohnungsbaugesellschaft, einst gemeinnützige Aktien-Gesellschaft für Angestellten-Heimstätten, die Wohngebäude errichtete und zugleich die Finanzierung für die Bauherrn übernahm. Paulsen (1880–1963), der seit 1911 bei Rechtsanwalt Dr. jur. Johannes Folkerts am Süderwall arbeitete und 1945/46 Esenser Bürgermeister und Stadtdirektor werden sollte, kannte sich in finanziellen Angelegenheiten aus. Denn von 1920 bis 1924 führte er an der Bahnhofstraße nebenamtlich die „Annahmestelle“ der Kreissparkasse Wittmund.
Planungen für den Bau
So entstanden nach manchem Schriftverkehr auf einem zuvor freien Landstück nördlich der Landschaftsgärtnerei Friedrich Preidecker drei zweigeschossige Doppelhäuser mit gleicher Architektur, deren Grundstücke bis zum späteren Sportplatz reichten. Die Gagfah-Zweigliederlassung Westdeutschland mit Sitz in Essen, die ebenfalls den Bau des Zollhauses beim Friedhof Jüchertor ermöglichte, war für dieses Bauprojekt zuständig.
Peter Paulsen sollte mit den Esenser Bauinteressenten verhandeln und die Namen der Bewerber benennen. Im Schriftverkehr im September 1928 schilderte die Wohnungsgesellschaft Gagfah, dass man gezwungen war, höhere Baukosten anzusetzen als im Kostenvoranschlag. Die neuen Preise: Typ G: 17.400 Reichsmark (RM), Typ F: 15.800 RM; Typ E: 15.000 RM. Die Zinsen seien aber inklusive. So hatten die neuen Eigentümer bis zum Bezug ihrer Wohnung zwischen 2000 und 3200 RM an Eigenkapital zu zahlen.
Zinsvertrag geschlossen
Zwischen Paulsen und der Gagfah wurde ein Haus-Zinssteuervertrag geschlossen. Hierfür war ein Mitarbeiter Schneider im August 1929 nach Wittmund gereist, um im Kreisausschuss vorzusprechen. Die Unterlagen waren aber nicht vollständig. Gagfah bat danach Peter Paulsen, den Vertrag und die Schuldurkunde im Beisein von Wittmunds Kreisausschusssekretär Hermann Toben im Auftrag zu unterzeichnen. Die Gagfah hatte 21.000 RM als Darlehen (Hauszinssteuerhypothek) vom Kreis Wittmund erhalten, und mit der Summe die sechs Grundstücke mit den Haushälften belastet. Dem Kreis wurde ein Ankaufsrecht eingeräumt.
Die Reichsversicherungsanstalt für Angestellte (Berlin-Wilmersdorf) gewährte der Gagfah in Berlin gegen einzelhypothekarische Belastung Pfandgrundstücke im Wert von 14.350 Gramm Feingold (im Duplikat 7180 Gramm Feingold). Das Darlehen wurde mit 7 Prozent jährlich verzinst und war mit einem halben Prozent des Darlehens zu tilgen. Das Darlehen konnte frühestens ab dem 30. September 1933 von einer der Seiten zur Rückzahlung nach neun Monaten aufgekündigt werden. Die betreffende Urkunde unterzeichneten am 20. September 1929 Gagfah-Vorstandsmitglied Direktor Dr. jur. Hermann Steggewentz und Prokurist Kaufmann Erich Wendland vor dem Richter Amtsgerichtsrat Luther (Amtsgericht Berlin-Lichterfelde).
Die ersten Bewohner
Die Fertigstellung der Neubauten war um den 1. Oktober 1929. Die Parzellen wurden in das Grundbuch von Esens eingetragen: (Band XVII Blatt 72). Es gab folgende Einzelhypotheken: 164/12: Peter Paulsen (Nr. 7, später Christoph Paulsen, Steffen Eschen); 165/12: Johannes de Vries (Nr. 9, später Eduard Tjarks, Mariechen Grensemann); 166/12: Dirk Gronewold (Nr. 11, später Wolfgang Timm, Matthias Janssen); 167/12: Groenefeld (Nr. 13, später Karl Bertram, Frerich Homeyer, Johann Eschen); 168/12: Folkert Eden (Nr. 15, später Hermann Janssen); 169/12: Reinhard Andreesen (Nr. 17, später Schoolmann, Geisler, Gesch).
