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79-Jähriger vor Gericht Was auf Langeoog Sachbeschädigung ist, ist in Wilhelmshaven Kunst

Langeoog/Wilhelmshaven - Wie sollte mit Erinnerungskultur umgegangen werden? Diese Frage beschäftigt gerade die Gemeinde und Kirche auf Langeoog. Der Grund: Am Donnerstag muss sich ein 79-Jähriger Münchener vor dem Amtsgericht in Wittmund verantworten, weil er eine Interpunktion auf einem Nazi-Denkmal vorgenommen hat. Dabei ist die Tat von Günter Wimmer unumstritten eine Sachbeschädigung, interessant ist jedoch, dass eine sehr ähnliche Interpunktion auf der ostfriesischen Halbinsel Kunst ist – genauer gesagt in Wilhelmshaven.

Interpunktion ist in Wilhelmshaven Kunst

„Wer die Christus- und Garnisonkirche in Wilhelmshaven betritt, spürt sehr schnell, dass der Raum durch zahlreiche Gedenktafeln historisch aufgeladen ist. Die Erinnerungskultur an Kolonialzeit, Ersten und Zweiten Weltkrieg nimmt umfassenden Raum in der Kirche ein“, berichtet Pastor Bernhard Busemann. Im Gespräch sagt er, dass diese Denkmäler nicht zerstört werden dürften, da sie zeigen, wie und zu welchem Zweck in den vergangenen Jahrzehnten erinnern funktionierte. Man müsse sie jedoch „aus der stillen Kommentarlosigkeit aufwecken“ und sich im Sinne des demokratischen Auftrags mit ihnen auseinandersetzen. In Wilhelmshaven entschied man sich für eine künstlerisch-kreative Arbeit, als es darum ging, die Überschrift über dem Mahnmal im Nordschiff der Kirche einzuordnen.

Lesen Sie hier: 79-Jähriger Friedensaktivist in Wittmund vor Gericht

„Der Gemeindekirchenrat hat beschlossen, dass die Satzzeichen mit Klebefolien in das Spruchband eingefügt werden. So sollen die Betrachtenden angeregt werden, sich mit dem Gesamtkonzept des Mahnmales kritisch auseinanderzusetzen. ,Sie alle starben - Punkt’ – das ist gerade im Blick auf das Alter der jungen Soldaten, die im Gedenkbuch der Kriegsgräberfürsorge sorgsam aufgelistet sind, eine bittere und unumstößliche Tatsache.“ Die überarbeitete Version des Spruches wurde dann im Rahmen einer Ausstellungskooperation mit dem Marinemuseum 2017 installiert.

Busemanns Fazit nach fast sechs Jahren: „Für viele Menschen ist die Christus- und Garnisonkirche in Wilhelmshaven gerade aufgrund ihrer Widersprüchlichkeit – die sich schon im Namen widerspiegelt – zu einem sehr wertvollen Dialograum geworden.“

„Schmiererei“ wurde Teil der Kirchenpädagogik

Zu einem Dialog habe auch die Interpunktion auf Langeoog beigetragen, obwohl sie nicht offiziell angebracht wurde, sagt Heinz Behrends. Der Superintendent i.R. aus Göttingen ist seit einigen Jahren mehrere Wochen im Oktober Kurseelsorger und Vertretungspastor auf Langeoog. In dem Zusammenhang sind er und seine Frau – eine Kirchenpädagogin – auf der Insel und finden beide, dass die Interpunktion der richtige Weg sei, mit diesem schwierigen Erinnerungsstück umzugehen. „Die Idee finde ich genial, weil man durch denk Punkt das Leiden der Soldaten nicht diffamiert“, sagt Behrends. Zwar sei es klare Sachbeschädigung im juristischen Sinne, positiv zu bewerten sei jedoch, dass so die Diskussion auf Langeoog wieder in Gang gekommen ist. Seine Frau habe sich sogar kirchenpädagogisch damit auseinandergesetzt: „Über die Jahre gab es etwa 45 Führungen mit 1200 Teilnehmern in der Kirche. Sie ist bei Führungen auch immer am Stein vorbei gekommen und hat es als ein Beispiel der positiven Auseinandersetzung bezeichnet.“ Zudem habe die Kirchenpädagogin den Stein mit seinen roten Zusätzen genutzt, um sich mit Klassen der Inselschule mit der Erinnerungskultur auseinanderzusetzen.

Behrends: „Das ist auch richtig so. Auf Langeoog findet auf den Inselfriedhöfen und in den Kapellen ein starkes Gedenken an viele Opfer von Kriegen statt.“ Von daher, sei es gut, wie es gekommen ist. Ein unkommentierter Nazi-Stein dürfe daher nicht mit Langeoog verbunden werden.

Pia Miranda
Pia Miranda Redaktion Wittmund
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