Neuharlingersiel/ Esens / Westerholt - Was Dörthe Utesch aus Neuharlingersiel über die Feiertage erlebt hat, möchte sie nie wieder durchstehen: Ihre Söhne Theo und Max lagen beide mit Fieber im Bett, Utesch selbst war krank – und in keiner Apotheke gab es Fiebersäfte, Antibiotika oder Zäpfchen.
„Am 23. Dezember ging das los, genau die Zeit, in der man eigentlich nicht krank werden darf“, erzählt Dörthe Utesch. Ihr fünfjähriger Sohn Theo lag bereits krank auf dem Sofa, dann kam beim dreijährigen Max das Fieber dazu. Ein Blick in die Hausapotheke: genug Fieberzäpfchen bis kurz vor dem Jahreswechsel und Fiebersaft mit Ibuprofen. Das Problem: „Der Saft hat bei Max nicht gewirkt.“
Fieber stieg bis 41 Grad
Während Theo langsam wieder fitter wurde, blieb bei Max das Fieber hoch. „Bis zu 41 Grad haben wir gemessen“, erzählt die 45-jährige Mutter. Sie und ihr Mann telefonierten von Apotheke zu Apotheke – aber mehr Zäpfchen waren nicht zu bekommen. Nicht einmal neue Liefertermine konnten die Apothekerinnen und Apotheker ihr geben. Irgendwann stellte Utesch ihr Problem in ihren Whatsapp-Status. „Von unser Nachbarin haben wir ein paar Zäpfchen bekommen“, berichtet die Neuharlingersielerin. Lange gereicht habe aber auch das nicht.
„Man ist dann wirklich verzweifelt. Ich habe hier gesessen und geweint.“ Die Kinder hätten an ihr gehangen und fast apathisch gewirkt. „Für Mittel wie Wadenwickel waren sie aber viel zu unruhig.“ Stattdessen achtete Utesch vor allem darauf, dass Max und Theo genug zu trinken hatten und ließ die Kinder vorsichtig inhalieren. „So wird man ein Virus ja aber nicht los“, sagt die Mutter.
Tägliche Anrufe beim Kinderarzt
Ab dem 2. Januar rief sie täglich bei ihrem Kinderarzt an, am 4. hatte sie ohnehin einen Termin, nahm beide Kinder mit. Die Diagnose: Mittelohrentzündung, Theo rechts, Max auf beiden Seiten. „Dann ging das Drama mit dem Antibiotikum los.“ Denn auch das war in den Apotheken Mangelware. Letztlich hatten die Eltern Glück und bekamen Antibiotikum in 500-Milligramm-Dosen – das ist eine Erwachsenendosierung. Sie mussten also selbst herunterrechnen, wie viel ihre Kinder davon bekommen durften.
Theo und Max sind inzwischen wieder gesund. Aber Dörthe Utesch will nach diesem Erlebnis besser vorbereitet sein. Wenn sie jetzt an Medikamente herankommt, werde sie ihre Hausapotheke aufstocken. Denn: „Es war die Hölle, das wünsche ich niemandem.“
Aufstocken wird schwierig
Das mit dem Aufstocken dürfte allerdings schwierig werden, denn der Medikamentenmangel besteht weiterhin. Das bestätigt Jan Sjuts, dem die Bären-Apotheke in Esens gehört. „Es gibt nach wie vor Engpässe. Immer wieder bekommen wir kleine Lieferungen.“ Auch in seine Apotheke kommen verzweifelte Eltern, die keine Säfte oder Zäpfchen für ihre Kinder finden. „Dann muss man erfinderisch werden und mit dem Arzt sprechen.“ Selbst Fiebersäfte herzustellen sei für die Apotheke schwierig, weil dafür die Ausgangsstoffe fehlen. Oder – wie Almuth Sommer, Inhaberin der Apotheke Holtriem, erklärt – es müsse das Rezept des Arztes angepasst werden, damit die Inhaltsstoffe passen. „Außerdem ist es sehr teurer, die Säfte selbst zu machen“, erklärt die Apothekerin.
Kein Ende in Sicht
Eine Entspannung der Lage ist nicht in Sicht. „Wir bekommen manchmal Lieferungen, aber das sind dann fünf Packungen Fiebersaft. Die sind schnell weg oder waren schon vorbestellt“, sagt Sommer. Viele Eltern müsse sie wieder wegschicken.
Sjuts sieht jetzt die Krankenkassen in der Pflicht. „Sie müssen mehr für die Medikamente zahlen, damit die Pharmaunternehmen ihre Produktion wieder nach Europa und Deutschland verlegen.“
