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Blick hinter die Kulissen So üben die Seenotretter in Neuharlingersiel

Klaus Händel

Neuharlingersiel - Leinen, Taue, Tampen. Hier ein Auge, dort eine Bucht schlagen. Das sieht nach wildem Durcheinander aus und klappt nicht immer auf Anhieb. Auch Seenotretter müssen üben. „Deshalb sind in diesen Tagen zwei Trainer, Sven Detlefsen und Thomas Mischke – unterstützt von Klaus Benz, Freiwilliger der Station Cuxhaven – mit dem 22-Meter-Trainingsschiff der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) bei uns in Neuharlingersiel“, sagt Vormann Heinz Steffens.

13 Teilnehmer

Zur Station gehören 17 Mitglieder. 13 nehmen in Gruppen am Training teil. Früher seien Seenotretter ausnahmslos vom Fach gewesen, waren Seefahrer in unterschiedlichen Funktionen oder Fischer. Doch das habe sich geändert. Unter den Freiwilligen seien inzwischen Retter aus unterschiedlichsten Berufen, von der Friseurin bis zum Notar. 1996 wurde das Trainingszentrum der DGzRS gegründet. Seit 2017 gibt es die Akademie. Im September 2021 wurde das Trainingsschiff „Carlo Schneider“ in Dienst gestellt, erzählt Trainer und Kapitän Sven Detlefsen (51).

Kennenlernen muss sein

Bevor die Trainingseinheit beginnt, wollen die Trainer wissen, mit wem sie es zu tun haben. Das Kennenlernen fällt unter Kommunikation und ist ein erstes wichtiges Thema einer achtstündigen Einheit, die auf mögliche Einsätze vorbereiten soll. Kennenlernen und Kommunikation schaffen Vertrauen. Im Ernstfall müssen sich Seenotretter „blind“ aufeinander verlassen können. Statt Lerninhalte frontal vorzutragen stellen die Trainer geschickt Fragen und bitten um Lösungen. Zum Beispiel: „Was versteht man unter Seemannschaft?“ Die Seenotretter der Station Neuharlingersiel entwickeln die Definition gemeinsam. Unter Seemannschaft versteht man die Gesamtheit aller seemännischen Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie das Wissen, die zur Handhabung eines Wasserfahrzeugs erforderlich sind.

Was das bedeutet, erfahren die Teilnehmer beim Thema Knotenkunde. Viele sehen kompliziert aus, sind aber ganz einfach, wenn man sie erst einmal verstanden hat und übt. Unterschieden wird hauptsächlich nach dem Einsatzzweck.

Leinen werfen

Weiter geht es mit der Leinenarbeit, der Praxis mit Wurfleine und Festmacher. Dazu geht es von Bord auf die Pier. Die Trainer platzieren einen Mini-Kreuzpoller und stellen sich in etwa drei Meter Entfernung mit Wurfleine und Festmacher auf. Was nach einer Übung für angehende Cowboys und -girls aussieht, hat einen ernsten Hintergrund: Beim Anlegen und Festmachen eines Schiffes im Hafen oder beim Herstellen einer Verbindung zwischen zwei Schiffen auf See, bei Wind und Wetter auch unter erschwerten Bedingungen muss das Werfen und Festmachen sitzen.

Wieder auf dem Schiff geht es um das Belegen von Pollern. Wie manövriert man eigentlich ein Schiff und wie funktioniert Schleppen? Das sind weitere Fragen der achtstündigen Trainingseinheit. Zum Manövrieren gehört das Ablegen unter erschwerten Bedingungen, zum Beispiel gegen starken auflandigen Wind. Zur Anschauung nutzt Detlefsen ein Modell: Shiphandling Simulator 2.0 (analog). Es darf gelacht werden. Doch schnell erkennen die Teilnehmer die Zusammenhänge mit den vorausgegangenen Übungen. Manche Dinge muss man in die Hand nehmen, um sie zu begreifen.

Manöver auf See

Höhepunkte des Trainings sind die Manöver auf See: 1. längsseits gehen, um zum Beispiel einen Arzt an Bord zu nehmen oder 2. um ein Schiff abzuschleppen. In einer aufwendigen und anspruchsvollen Übung wird „Carlo Schneider“ zum Havaristen, der vom Rettungsboot „Neuharlingersiel“ in den sicheren Hafen geschleppt werden muss.“

Nach dem Thema Schleppen folgt ein Debriefing. Alle freiwilligen Seenotretter der Station Neuharlingersiel haben etwas gelernt. „Man lernt eben nie aus“, sagt Bernd Ostermoor, Fischer und Zweiter Vormann der „Neuharlingersiel“. „Für jeden von uns ist etwas Neues dabei“, sagt Söhnke Edzards, Schlepperführer der Marine. Nach Wangerooge und Neuharlingersiel führt die Trainingsreise as nächstes nach Langeoog und Baltrum.

Von Barbara Wussow getauft

Die „Carlo Schneider“ ist ein hochmodernes Trainingsschiff der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS). Es wurde zur Aus- und Fortbildung von Seenotrettern entwickelt und gebaut. Das Schiff ist nach dem Schweizer Förderer Carl-Erich August Schneider (1924-2017) benannt.

Schauspielerin Barbara Wussow taufte das Trainingsschiff am 16. September 2021 im Neustädter Stadthafen. Das Schiff komplettiert die DGzRS-Trainingsflotte und ist Teil der Seenotretter-Akademie, die alle Maßnahmen bündelt, um die Seenotretter in allen Revieren zwischen Borkum und Ueckermünde umfassend auf ihre gefahrvollen Aufgaben vorzubereiten. Dazu bietet das Schiff alle Komponenten wie auf allen kleineren Einheiten unterhalb von 20 Metern.

Hauptdaten: Länge 22,20 Meter, Breite 6,16 m, Tiefgang 1,47 m, Verdrängung 90 t, Geschwindigkeit 11,0 kn, Reichweite 650 sm. Das Schiff verfügt über zwei Cummins 6-Zylinder-Reihenmotoren, zusammen 610 PS, Schiffswendegetriebe und Bugstrahler.

Kapitän und Maschinist

Kapitän Sven Detlefsen: „Ich war 19 Jahre lang Fischer. Vor 28 Jahren bin ich zur DGzRS gewechselt und dort bis 2019 als einer von zwei 2. Vormännern auf der ‚Nis Randers’ in Maasholm, eine Station an der Ostsee, gefahren.“ Es folgte die Bewerbung für die Akademie und schließlich das Ausbildungsschiff „Carlo Schneider“.

„Zunächst haben wir, das waren vier Personen, das Ausbildungsmaterial erstellt. Dann kamen Pandemie und Homeoffice. Doch seit dem Sommer 2021 gibt es die Ausbildungsreisen auf der Nord- und Ostsee“, sagt Detlefsen, seither einer von zwei Schiffsführern und Trainern des Trainingsschiffes. Alle 14 Tage erfolgt ein Wechsel mit einer anderen Crew.

Der zweite Mann ist Thomas Mischke (54). „Ich bin seit 25 Jahren als Freiwilliger bei den Seenotrettern, seit 18 Jahren fest angestellt und jetzt Maschinist und Rettungssanitäter. Nach eineinhalb Jahren auf der ,Eiswette’ wechselte ich auf die ,Nis Randers’ in Maasholm und 2019 zur Akademie.“ Zu seinen weiteren Funktionen gehören Lernfeldleiter Medizin, Unterstützer Maschinendienst und Team Behörden, Organisation, Sicherheitsaufgaben (BOS).

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