Anfang
Oldenburg/Wittmund - Ende 1997 war Schluss in Wittmund. Knapp 13 Jahre nach meinem Start als Jungredakteur für Dornum und Holtriem in der Redaktion des Anzeiger für Harlingerland verließ ich das Unternehmen als Verlagsleiter. Eine neue Herausforderung als Geschäftsführer des Märkischen Zeitungsverlages in Lüdenscheid hatte mich neugierig gemacht auf die „große weite Welt“.
Anfang 2022 – also knapp ein Vierteljahrhundert später – bin ich nun wieder regelmäßig in den Räumen Am Markt 18 in Wittmund zu finden – als Geschäftsführer der Nordwest-Zeitung und der OF Verlagsgesellschaft, einer 100-prozentigen-Tochter der NWZ und der neuen Gesellschaft für den Anzeiger.
Kleines Redaktions-Team
Doch der Reihe nach: 1985 begann ich meine Tätigkeit als eines der „Individuen“ in der Redaktion. Jeder (Kolleginnen hatten wir noch nicht) bearbeitete „sein Gebiet“ mit Leidenschaft und Akribie. Abstimmungen und gemeinschaftliche Entwicklungen gab es kaum. EUJ war mit Zigarre in „seinem Esens“ unterwegs, Werner Janßen kümmerte sich mit seiner feuilletonistischen Ader um Friedeburg, Thomas Böhme pflegte seine Netzwerke und Themen in der Kreisstadt, Wolfgang Malzahn tummelte sich beim Landkreis und in Wiesmoor, Helmut Burmann machte den Sport.
Und Harold Grönke als neuer Jungredakteur machte sich auf die Jagd nach jedem noch so kleinen Thema in Dornum und Holtriem. Ohne den damaligen Neubau des Rathauses in Westerholt und die recht bunten, kommunalpolitischen Akteure in Dornum wäre ich dabei thematisch „untergegangen“.
Der „Anzeiger für Harlingerland“ war damals eine Mittagszeitung. Wir Redakteure teilten uns mechanische Schreibmaschinen und Telefone mit Wählscheiben. Und unsere Schriftsetzer hatten immer „Frühstück“, wenn wir schnell ein Manuskript in dem damaligen komplizierten Satzsystem gesetzt haben wollten. Unsere Arbeitsweise war damals schon topmodern und agil: Wir sausten zu Terminen und arbeiteten oft auf der eigenen (und besseren) Schreibmaschine zuhause – heute heißt das „Homeoffice“.
Irgendwann meinte Verlegerin Elisabeth Allmers, dass ich die Redaktion auch leiten könnte. In meinem jugendlichen Leichtsinn sagte ich zu. Aus der Mittags- wurde eine Morgenzeitung, und die Landwirte schimpften: „Was soll ich mit einer Zeitung, wenn ich melken muss?“ Das eher individuelle und zufallsgesteuerte Zeitungsproduzieren wurde mit Planungsprozessen etwas kalkulierbarer. Die lokalen Nachrichten wanderten auf die vorderen Seiten. Die Auflage stieg. Denn das Harlingerland entwickelte sich Ende der 1980er- und in den 1990er-Jahren sehr positiv. Die Zahl der Haushalte stieg, die Nachfrage nach der Zeitung auch.
Neue Techniken
Mechanische Schreibmaschinen wichen Computern, unsere Texte schrieben wir nun auf Diskette und konnten diese selbst in den Fotosatz-Rechner einlesen. Das war eine Revolution. Danach entstand auf Windows 3.0 und Winword 1.0 das erste vernetzte Redaktionssystem. Nun konnte man auf dem Bildschirm die Buchstaben so sehen, wie sie nachher auch in der Zeitung gedruckt wurden – wieder eine kleine Revolution. Kollegenverlage taten die Eigenentwicklung als Spinnerei ab, doch dieses Redaktionssystem hielt sich erstaunlich lange am Leben.
Bildschirmtext (BTX) aus den 1970ern hatte sich als Rohrkrepierer erwiesen, obwohl ich über das System einen Gebrauchtwagen kaufte und damit im Harlingerland als Exot bestaunt wurde. Aber aus Amerika hörte man etwas von AOL (America Online) und anderen Netzwerkdiensten, in die man sich per Modem einwählen konnte – die Vorboten des heute allgegenwärtigen Internets mit dem World Wide Web.
Auch hier machte die Zeitung erste Gehversuche. Und wir waren durchaus ebenbürtig mit der großen Nordwest-Zeitung in dem großen Oldenburg, die mit namhaften Unternehmensberatern und in Kooperation mit der EWE den Weg in die elektronisch-digitale Welt suchte. In Wittmund war das alles hausgemacht – mit zwei bis drei unerschrockenen Mitstreitern bastelten wir Internet-Server, Bild-Digitalisierung, Ganzseiten-Umbruch und sogar ein eigens Buchhaltungssystem. Schlechter als die NWZ in Oldenburg waren wir auch nicht. Mittlerweile nervte ich nicht mehr allein die Redaktion, sondern als Verlagsleiter den gesamten Laden und sogar extern den Wirtschaftsförderkreis.
Neue Räume für Zukunft
Aber nicht nur in der EDV wurde gebaut, auch die Gebäude in Wittmund und Esens mussten dran glauben. Beide waren so marode, dass die Standfestigkeit gefährdet war. Das Stammhaus in Wittmund wurde saniert, das wachsende Unternehmen auf den „Freesenpark“ ausgedehnt. In Esens habe ich nur den dramatischen Befund (alle wichtigen Balken waren weggerottet) noch begleitet, die Sanierungsherausforderungen haben Robert Allmers und Helmut Loerts-Sabin dann von mir „geerbt“ und erfolgreich gemeistert.
25 Jahre später – im Januar 2022 – bin ich das erste Mal wieder in der Esenser Geschäftsstelle des Harlinger – nun als Geschäftsführer des Anzeiger für Harlingerland und der Nordwest-Zeitung in dem damals so übermächtig groß wirkenden Oldenburg. Die Sanierung ist gelungen, das sieht man immer noch. Gemeinsam mit Robert Allmers als Verleger vom Jeverschen Wochenblatt und Wilhelmshavener Zeitung wollen wir das Unternehmen auch im Harlingerland beherzt in die Zukunft führen. Internet und Digitalisierung der Arbeit werden immer wichtiger, komplexe Themen wie Datenschutz und der Wechsel auf eine noch schnellere Druckmaschine in Oldenburg machen größere Zusammenschlüsse notwendig.
Die Corona-Pandemie und nun der Ukraine-Krieg beschleunigen die Veränderungen atemberaubend. Kosten und Löhne steigen, der Einzelhandel mit seinen für Zeitungen wichtigen Anzeigen wird durch die Amazons dieser Welt stark gebeutelt. Und seit einigen Tagen ist die Versorgung mit Zeitungsdruckpapier sogar fraglich – sofern sich die Kriegssituation samt Energieknappheit weiter verschärft.
Aber aufgeben gilt nicht. Wir haben gemeinsam die Morgenzeitung ins Harlingerland gebracht und erfolgreich gemacht, den Zeitungsbetrieb digitalisiert und das Unternehmen auch baulich in eine moderne Zeit geführt. Nun wird im April in Esens die Geschäftsstelle wieder öffnen, aber einen Schwerpunkt für regionale Waren und den Nordwest-Shop bekommen. Und wir werden daran arbeiten, dass neben den gedruckten die digitalen Nachrichten und Zeitungsangebote für das Harlingerland ebenso selbstverständlich werden wie seinerzeit die Morgenzeitung. Das Unvorstellbare ist schneller Alltag, als wir es uns heute vorstellen können.
