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Pogromnacht vor 85 Jahren Esenser SA-Leute steckten die Synagoge in Brand

Der Esenser Maler Johann Janssen fertigte nach Beschreibungen alter Bärenstädter ein Bild der Burgstraße mit der Synagoge, die 1938 niedergebrannt wurde.

Der Esenser Maler Johann Janssen fertigte nach Beschreibungen alter Bärenstädter ein Bild der Burgstraße mit der Synagoge, die 1938 niedergebrannt wurde.

Detlef Kiesé

Esens - Vor 85 Jahren lief deutschlandweit an allen Orten, an denen Juden wohnten, das schreckliche Pogrom ab, das später den irreführenden, weil verharmlosenden Namen „Reichskristallnacht“ erhalten hat. Vielmehr schlug das nationalsozialistische Regime ein neues Kapitel in seinem Ansinnen auf, die jüdischen Mitmenschen aus dem Land zu vertreiben und zu ermorden.

Auch in Esens, wo sich direkt an der Burgstraße die Synagoge und dahinter das jüdische Gemeindehaus mit Mikwe und Lehrerwohnung befanden, war dies nicht anders. Eindrücke der Pogromnacht mit vielen Details schildert der Esenser Chronist Gerd Rokahr in seinem Buch „Die Juden in Esens“, für das er mehr als 20 Augenzeugen befragt hat. Einzelheiten zu den Vorkommnissen in dieser Nacht sind aber auch der Akte über den Prozess zu entnehmen, in dem im September 1949 nationalsozialistische Angeklagte verurteilt wurden.

Befehl aus Emden

Am 9. November 1938 fand auch in Esens ein Umzug zum Gedenken an den Marsch auf die Feldherrnhalle in München am 9. November 1923 statt. Außerdem wurde an diesem Tag die „Ehrenhalle“ im Parteihaus der NSDAP am Herdetor (später „Haus Ziemke“) eingeweiht. In den frühen Morgenstunden des 10. November erhielt der Esenser SA-Obersturmführer, Mittelschullehrer Hermann Hanss, von der ihm übergeordneten SA-Standarte Emden telefonisch den Befehl zur Initiative.

Beim Hotel „Zum Schwarzen Bären“ vor dem Drostentor trafen sich 30 bis 40 Esenser SA-Männer und marschierten zur Synagoge. Man machte sich mit Äxten, Forken und ähnliche Werkzeugen an die Zertrümmerung der Inneneinrichtung. Feuer brach aus, und die SA-Männer verbrannten unter großem Geschrei zertrümmertes Inventar, Thorarollen, Gebetbücher und rituelle Gegenstände. Esenser Feuerwehrleute verhinderten ein Übergreifen der Flammen auf die Nachbarhäuser – ohne die Täter abzuhalten.

Juden gedemütigt

SA-Trupps drangen außerdem in die Wohnungen und Häuser der Juden ein, stahlen Wertgegenstände, überfielen die Bewohner und trieben sie durch die Straßen. Unter den Augen zahlreicher Esenser brachten SA-Mannschaften die mehr als 30 Juden auf den Hof zwischen dem Rathaus (heute: Ratsgaststätte) und der Stadtscheune und riegelten die Pforte zum Marktplatz ab, sodass Außenstehende die demütigenden Behandlungen durch die Nazis nicht mitverfolgen konnten.

Bis zum Mittag des 10. November entließ man die jüdischen Frauen und Kinder wieder, nur die Männer mussten noch hinter dem Stadthaus bleiben. SA-Männer räumten an diesem Morgen den Manufakturwarenladen „Geschwister Weinthal“ am Herdetor aus und schafften sämtliche Textilien in das schräg gegenüberliegende Parteihaus der NSDAP.

Friedhof geschändet

Pogromnacht

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, der sogenannten „Reichskristallnacht“, wurden in Deutschland 91 jüdische Mitbürger ermordet. 26 000 weitere in Konzentrationslager verschleppt, 171 Synagogen niedergebrannt und in zahllosen Gewaltaktionen 7500 jüdische Geschäfte zerstört.

Die nationalsozialistische Propaganda stellte den über das ganze Reich ausgedehnten Pogrom als spontanen Sühneakt des deutschen Volkes für die Ermordung eines Angehörigen der deutschen Botschaft in Paris durch einen polnischen Juden dar. Für den in dieser Nacht entstandenen Schaden in Höhe von mehreren Millionen Reichsmark mussten die Juden selbst aufkommen. Zusätzlich wurde ihnen eine Sühneleistung von mehr als einer Milliarde Reichsmark abverlangt.

Die Nacht vom 10. auf den 11. November verbrachten die jüdischen Männer im Stroh der bewachten Stadtscheune und wurden am Morgen mit der Bahn nach Oldenburg gebracht. Die SA führte die Esenser zum Gefängnis und schickte sie tagsdrauf mit dem Zug in Richtung Konzen­trationslager Sachsenhausen (nördlich von Berlin). Erst nach Wochen und Monaten kehrten sie nach Esens zurück – zum Teil auch deshalb, weil sie zuvor eine Auswanderungsverpflichtung unterschrieben hatten.

Unmittelbar im Zusammenhang mit dem Geschehen in der Pogromnacht steht die Schändung des jüdischen Friedhofs am Mühlenweg im Winter 1938/39. Das Grundstück wurde verwüstet, viele Grabsteine zerschlagen.

Während der folgenden Jahre deportierten und ermordeten die Natio­nalsozialisten mindestens 46 Juden aus Esens; 56 konnten sich ins Ausland (vornehmlich USA, Argentinien, heutiges Israel) retten.

Täter verurteilt

Der Prozess gegen die Hauptbeteiligten an den Ereignissen der Esenser „Kristallnacht“ fand im September 1949 im Gasthof „Zum Schwarzen Bären“ gegenüber des Amtsgerichts statt. Neun Täter wurden wegen des Verbrechens gegen die Menschlichkeit, begangen in Tateinheit mit gemeinschaftlicher Zerstörung von Bauwerken, Diebstahl und gemeinschaftlicher schwerer Freiheitsberaubung angeklagt. Sieben von ihnen erhielten Gefängnisstrafen zwischen zwei Monaten und einem Jahr. Die eigentlichen Brandstifter in der Pogromnacht konnte das Gericht nicht ermitteln.

Von der ehemali­gen Synagoge, die jahrzehntelang als Garage genutzt wurde, sind noch große Teile der originalen Außenmauer vorhanden. Sie steht direkt vor dem August-Gottschalk-Haus, bei dem am morgigen Donnerstag, 9. November, um 17 Uhr eine Gedenkveranstaltung des ökumenischen Arbeitskreises Juden und Christen stattfindet.

Detlef Kiesé
Detlef Kiesé Redaktion Wittmund
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