Wittmund/Jever - Manchmal fällt es Andreas Jacobs schwer, das nötige Verständnis für das Verhalten von Eltern aufzubringen. Sie fahren ihre Kinder, so erzählt der Polizeichef des Wittmunder Kommissariats, bis vor die Schultür, damit ihnen ja nichts passiert. Jacobs: „Und dann lassen sie sie mit ihrem Smartphone alleine und haben nicht den Hauch einer Ahnung, was die Kleinen damit anstellen.“
Bedrohung und Betrug
In einem öffentlichen Vortrag vor der Blücher-Loge in Jever sprach der Leiter des Wittmunder Kommissariats über „Soziale Medien aus polizeilicher Sicht – Fluch oder Segen?“. Dabei listete der 50-Jährige, der selbst zwei mittlerweile erwachsene Kinder hat und die Probleme der Mediennutzung von Jugendlichen aus eigener Erfahrung kennt, die vielfältigen Möglichkeiten der Internet-Kriminalität auf – von Bedrohung über Beleidigung bis hin zum Betrug.“
Mit einem Blumenstrauß bedankten sich Gerd Thellmann (links) und Detlef Klamandt von der Blücher-Loge bei Andreas Jacobs für den hochinteressanten Vortrag. Bild: Wolfgang Malzahn
Ein besonderes Augenmerk legte er dabei auf das Thema Pornografie: „Erschreckend, wie das zugenommen hat. Vor allem Kinderpornografie ist ein ganz großes Thema.“ Viele Jugendliche würden über ihre Smartphones kinderpornografische Inhalte teilen. Dabei fehle den Jugendlichen sehr oft jegliches Unrechtsbewusstsein. Jacobs: „Die gehen völlig unbedarft damit um.“ Durch die massenhafte Verbreitung von Pornografie gehe bei den Jugendlichen jegliches gesundes Verhältnis zur Sexualität verloren. Und wenn Eltern dann damit konfrontiert werden würden, dass ihre Kinder sich strafbar gemacht haben, dann würden die zumeist aus allen Wolken fallen, weil sie sich so etwas von ihren Kindern gar nicht vorstellen können.
Bilder bleiben im Internet
Der Wittmunder Polizeichef berichtete, dass erst kürzlich ein 12-jähriges Mädchen auf der Wache in Wittmund erschienen sei und seinen „Fall“ schilderte: Sie habe per WhatsApp die Drohung bekommen, dass sie „Ärger bekommen“ und „fertiggemacht“ werden würde, wenn sie keine Nacktbilder von sich versendet. Aus Angst habe sie dann tatsächlich Fotos von sich gemacht und verschickt.
Schließlich habe sie sich jedoch ihrer Mutter anvertraut, und gemeinsam sei man zur Polizei gegangen. Doch wie oft die Fotos der 12-Jährigen mittlerweile schon geteilt worden sind und für alle Ewigkeit im Netz bleiben, lasse sich kaum verifizieren.
204 Minuten am Handy – täglich
Jacobs zitierte die sogenannte JIM-Studie aus dem Jahr 2022, wonach jeder Jugendliche täglich 204 Minuten lang intensiv sein Smartphone nutzt: „Ich glaube aber, das ist noch viel mehr.“ Umfragen des Präventionsrats Harlingerland zusammen mit dem NIGE in Esens hätten ähnliche Erkenntnisse erbracht.
Ergebnis müsse sein, dass die Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen gestärkt werden muss – und zwar massiv. Dabei dürfe man sich nicht nur auf die Schulen verlassen. Andreas Jacobs: „Das muss Zuhause anfangen. Jeder muss sich der Verantwortung bewusst sein, wenn er seinem achtjährigen Kind ein Smartphone in die Hand drückt.“
Dabei gehe es keinesfalls darum, Kinder und Jugendliche von modernen technischen Entwicklungen auszuschließen. Der Polizeichef: „Aber man darf sie damit nicht alleine lassen.“
