Jever - Es ist 20.30 Uhr. Gerade habe ich den Ohrstöpfsel eingesetzt und meinen von Jacki gebauten Detektor auf die Frequenz 935 Kiloherz eingestellt. „Bum, bum, bum, bum – hier ist der Soldatensender 935 – bum, bum, bum, bum“, klingt es unter Störgeräuschen im Ohr. Ich befinde mich im Zimmer 33 in der Niedersächsischen Heimschule in Helmstedt, nahe der Zonengrenze zur damaligen DDR.
Auch zwei von meinen vier Zimmergenossen haben ihren Detektor eingestellt. Es ertönen viele seltsame Nachrichten über unsere Bundeswehr und auch merkwürdige Durchsagen wie zum Beispiel „Rebhuhn ruft Schneehuhn – Das Nest ist fertig“ oder „Achtung Förster, der Hamster bohnert, das Wachs ist alle“. Dazwischen ertönt flotte Musik. Unsere Detektoren sind der Ersatz für Radios, die wir nur am Wochenende aus den verschlossenen Schränken entnehmen dürfen, und abendliche Ausgänge sind beschränkt.
Wichtiger als der Soldatensender ist uns ab 21 Uhr allerdings der Freiheitssender 904, den wir auf der Frequenz 904 Kiloherz gut mit den leicht zu versteckenden Detektoren hören können. Er meldet sich mit den Anfangstönen der jetzigen Europa-Hymne und der Ansage „Hier ist der Freiheitssender 904, der einzige Sender in der Bundesrepublik, der nicht unter Regierungskontrolle steht.“
„Hallo, aufstehen!“, höre ich plötzlich. Mein Gott, ich habe ja geträumt. Aber genauso war es vor 62 Jahren. Natürlich wussten wir, dass der Sender log. Denn beide Sender befanden sich in der DDR in Burg bei Magdeburg. Aber die Musik, auf die es uns ankam, war modern und entsprach voll unserem Geschmack. Außer der tollen Westmusik hörten wir nebenbei auch viel Musik aus der DDR, so dass ich noch heute viele Pionier-, FDJ-, Arbeiter- und Kampflieder der DDR kenne. Und auch die Lieder der Dreigroschenoper von Bert Brecht sind mir sehr im Gedächtnis geblieben.
Das Radio und das Radiohören gehören in den Alltag der Menschen im Harlingerland. Deshalb interessiert uns Ihre Geschichte über Erlebnisse, die Sie mit diesem Medium verbinden. Wo haben Sie Ihren Lieblingssender gehört? Welche Sendungen und Musikstücke haben Sie geprägt? Wann und wo nutzen Sie heute das Radio?
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Natürlich brachte der Freiheitssender zwischendurch ebenfalls verschwörerische Ansagen, wie das der Soldatensender tat. Das wirkte auf uns eher ablehnend. So musste Jackie einen Sender bauen, der Sendungen auf der Frequenz 904 ermöglichte. Damit sendeten wir gleichzeitig mit dem Freiheitssender auf dessen Frequenz und widersprachen den häufig hetzenden Meldungen. Wir bezeichneten sie als Lügen, die sie tatsächlich waren, und betonten immer wieder, dass 904 kein Sender der Bundesrepublik sei. Das durfte natürlich nur unregelmäßig für kurze Zeiten sein, denn Schwarzsenden ist verboten. Unsere Schulleitung hätte es natürlich ebenfalls mit Strafen geahndet.
Geblieben sind Erinnerungen an schöne Musik und viele Kenntnisse über ein verlogenes politisches System.
