Thunum/Kreis Wittmund - Dass Wladimir Sosluk ein russischer Kriegsgefangener war, ist Renate Harms eigentlich gar nicht so wichtig. Dass ihm in Thunum schreiendes Unrecht geschah, schon eher: „Der arme Kerl“, wie sie ihn nennt, „musste sein eigenes Grab ausheben und wurde dann erschossen. Ganz wenige Tage vor Kriegsende.“ Nur, weil er einen kleinen Streit gehabt hatte, mit dem Bauern, bei dem er Zwangsarbeit leisten musste.
Die Geschichte kennt eigentlich jeder in Thunum. Renate Harms, die selbst erst fünf Jahre nach dem Mord an dem jungen Russen das Licht der Welt erblickte, ist aber eine Frau, die die Erinnerung wirklich wach hält. „Denkt daran, was dem passiert ist“, rät sie jungen Leuten schon mal. Was auch heißt: „Was auch immer geschieht, lasst nicht mehr zu, dass die Welt so unmenschlich wird.“
40 Jahre Ehrenamt
Seit 1980 hat Renate Harms die ehrenamtliche Pflege des Grabs von ihrem älteren Bruder übernommen. Wie übrigens auch die Grabstellen einiger Thunumer, die nicht von Angehörigen gepflegt werden können. Die Erinnerung an Menschen wach zu halten, hat sie sich zur Pflicht gemacht. Und wenn das schwierig ist, so schwierig es für die Angehörigen des 1945 in Thunum erschossenen Wladimir Sosluk wohl wäre, dann hilft sie eben. „Wir können ja auch nicht immer zu Vaters Grab“, erklärt sie ihre Gedanken in der Familie. Es geht um den in Wittlich (Eifel) begrabenen Schwiegervater.
Respekt erweisen
Die Gräber, die sie in Thunum pflegt, sind das, was sie wirklich tun kann: Erinnern, Respekt erweisen, in Gedanken verbunden bleiben. Für Renate Harms ist das nur eine andere Seite gelebter Mitmenschlichkeit. Die 1950 in Ostbense geborene Thunumerin hat diese Mitmenschlichkeit in ihrem ganzen Leben aber auch Lebenden gegenüber erwiesen. In der eigenen Familie, aber auch Nachbarn gegenüber. „In Thunum sucht jemand eine Ersatzoma“, war ihr einmal zu Ohren gekommen. Ein Signal, das Renate Harms nun überhaupt nicht ignorieren konnte. Es wurde der Auftakt zu einer langfristigen Verbundenheit; die neue „Enkeltochter“ wuchs als eine von drei jungen Frauen heran, deren Weg in die Zukunft sie mitgestalten konnte und die ihr wie nach vor große Freude bereiten.
Trauer nicht fremd
Natürlich manchmal auch Sorgen. Mit Krankheit und Tod hat sie sich immer wieder auseinandersetzen müssen. Eine Schwiegertochter verlor sie durch Corona; ihr Ehemann Heinrich, mit dem sie jahrelang das Küsteramt in Thunum mit sehr viel Herzblut versehen hatte, verstarb 2018. Immer wieder wurde die Familie von Unfällen, Krebs und anderen schweren Krankheiten geschlagen. Auch sie selbst musste sich vor Kurzem einer komplizierten Rücken-Operation unterziehen.
