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Schockanruf in der Region Die Betrüger spielen mit der Angst um das Kind

Ostfriesland - Phishing-E-Mails, Whatsapp-Betrug oder der Enkeltrick – jeden Tag hören wir in der Redaktion von diesen Betrugsversuchen. Mehrmals in der Woche erhalten wir Tipps von der Polizei, wie man sich in diesen Fällen Verhalten soll. Doch eigentlich schien das alles für mich immer noch ein bisschen weiter weg. Bis zu dieser Woche.

Wie jeden Tag saß ich in der Redaktion an meinem Schreibtisch, als mich plötzlich mein Vater auf meinem Handy anrief. Ungewöhnlich, dachte ich mir. Meine Eltern wissen, dass ich bei der Arbeit bin und normalerweise rufen sie mich erst nach dem Feierabend an. Ich nahm das Gespräch an und hörte meinen Vater, der beunruhigt und aufgeregt klang. „Ich bin so froh, dass du rangehst“, sagte er. Ich fragte sofort, was passiert sei und er begann zu erzählen: Er hätte einen Anruf erhalten, in dem eine junge Frau sagte „Papa, ich hatte einen Unfall.“ Dabei sei eine Frau ums Leben gekommen und ich säße jetzt bei der Polizei und bräuchte seine Hilfe.

Unfall vor einem Jahr

Einigen mag diese Masche vielleicht schon bekannt vorkommen, doch für meinen Vater schien das in diesem Moment so real. Er weiß, dass ich beruflich viel mit dem Auto unterwegs bin. Erst vor etwas mehr als einem Jahr hatte ich ihn mit genau diesen Worten angerufen, als ich einen Auffahrunfall auf der B210 hatte – zum Glück nur mit einem Blechschaden.

Doch die Angst, mir sei so etwas Schreckliches passiert habe ihn gelähmt und ließ ihn nicht mehr rational denken, erzählt er mir jetzt wo der Betrug aufgeflogen ist. Die junge Frau am Telefon habe mit einer weinerlichen Stimme gesprochen, dass er nicht sicher sagen konnte, ob ich es bin – oder nicht. Kurz darauf sei dann eine andere Person am Telefon gewesen. Eine Frau, die ihm erklärte, dass seine Tochter nur gehen könne, wenn er eine Kaution bezahlt. Dass es in Deutschland extrem unüblich ist, gegen eine Kaution freigelassen zu werden, ist ihm im Nachhinein wieder bewusst geworden. Doch die Sorge um sein Kind habe ihn in diesem Moment keinen klaren Gedanken fassen lassen. Mein Vater, Michael Hibbeler, ist 66 Jahre alt und körperlich und geistig fit fit. Als Vizepräsident seines Sportclubs ist er sehr engagiert. Außerdem war er jahrelang in der IT-Branche tätig. Auf Spam-Mails oder Anrufe von angeblichen Computerexperten fällt er nicht rein, macht sich für gewöhnlich noch einen Spaß daraus, die Betrüger selbst an der Nase herumzuführen, bis die frustriert auflegen.

Bei diesem Anruf war es jedoch anders. Dieser Schock direkt zu Beginn des Anrufs und die Parallelen zu unserem Leben ließen ihn nicht sofort an der Glaubwürdigkeit zweifeln. Und die Betrüger waren geschickt: Damit er weder mich noch die Polizei anrufen kann, blockierten sie nicht nur die Leitung des Festnetzanschlusses, sondern riefen zeitgleich auch auf seinem Handy an. 35 000 Euro forderten sie als angebliche Kaution, damit ich freikommen kann. Das Geld würde er aber gleich am nächsten Tag wieder bekommen. Mein Vater, der mich schon in einer kleinen Zelle sah, war sofort bereit, das Geld zu bezahlen, schlug eine Überweisung vor.

Doch die Betrüger wollten es in bar, eine Überweisung sei nicht möglich. Die angebliche Staatsanwältin und der falsche Polizeikommissar forderten ihn auf seine Jacke anzuziehen und sich auf den Weg zur Bank zu machen. Das ließ meinen Vater zweifeln. Er wollte noch einmal mit mir sprechen. Als die falsche Tochter zurück am Telefon war, fragte er sie nach meinem Autokennzeichen. Es gab keine Antwort. Mehrmals wiederholte er die Frage. In diesem Moment musste den Betrügern klar geworden sein, dass sie gescheiterten waren, und sie legten auf.

Professionelles Vorgehen

Kurz darauf erhielt ich dann den Anruf von meinem Vater in der Redaktion. Auch am nächsten Tag beschäftigte ihn das Erlebte immer noch. Die Angst, die er in dem Moment hatte, und die Gewissheit, dass er fast auf diesen Betrug reingefallen wäre, ließen ihn nicht so schnell wieder los. Und mir wurde bewusst, wie professionell diese Betrüger vorgehen und das durch die Emotionalität der Geschichte fast jeder darauf reinfallen kann. Die Betrüger spielen mit der Angst der Menschen und versuchen sie in eine Art Schockzustand versetzen – und das funktioniert nicht nur bei älteren Menschen, sondern bei fast jedem.

Das rät die Polizei

Seien Sie misstrauisch, wenn sich Anrufer am Telefon nicht selbst mit Namen melden. Fordern Sie Anrufer dazu auf, ihren Namen selbst zu nennen.

Geben Sie keine Details zu Ihren familiären und finanziellen Verhältnissen preis.

Übergeben Sie niemals Geld oder Wertsachen wie Schmuck an unbekannte Personen.

Sind Sie bereits Opfer geworden, zeigen Sie die Tat unbedingt bei der Polizei an. Dies kann der Polizei helfen, Zusammenhänge zu erkennen und die Täter zu überführen.

Lassen Sie Ihren Vornamen im Telefonbuch abkürzen. So können die Täter Sie nicht mehr ausfindig machen

Kim-Christin Hibbeler
Kim-Christin Hibbeler Redaktion Wittmund
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