Stedesdorf - Es überrascht, dass im Kulturkalender 2023 mit „Elf Herrlichkeiten in Ostfriesland“ ein historisches Kapitel aufgegriffen wird, das schon viele Jahrhunderte zurückliegt, darunter auch die Herrlichkeit Stedesdorf.
Und im beginnenden 21. Jahrhundert wird Siebet Attena – einem ihrer Besitzer – eine besondere Aufmerksamkeit zuteil, wird er doch in der Bildersammlung von Wikipedia als Lord of Harlingerland betitelt. Ja, er ist es wirklich, und in der Region wurde ihm mit dem Sarkophag in der Esenser St.-Magnus-Kirche schon vor langer Zeit ein prächtiges Denkmal gesetzt.
Häuptlinge regierten
Nach der Epoche der sogenannten „Friesischen Freiheit“, in der sich im 13./14. Jahrhundert häufig Vertreter aller friesischen Seelande trafen, um sich zu beraten und den Landfrieden zu sichern, traten bald neue Machthaber in den Vordergrund – die Häuptlinge. Es gab sie im ausklingenden Mittelalter nicht in allen Dörfern Ostfrieslands, aber sie verstanden es nicht nur, sich derbe zu streiten. Die fähigsten unter ihnen traten bald als Anführer größerer Bezirke auf. Staaten im Staat gewissermaßen, in denen die 1464 gebildete Grafschaft Ostfriesland unter dem Hause Cirksena sich nicht durchsetzen konnte: „Herrlichkeiten“ sahen sich als reichsunmittelbares Gebiet und behaupteten, unmittelbar dem Kaiser untergeben zu sein. Die Führungselite nahm sich das Recht, ihr Gebiet nach eigenem Gutdünken zu verwalten, Recht zu sprechen und in religiösen Fragen eigene Wege zu gehen.
Versucht man, die Herrlichkeit Stedesdorf geografisch zu beschreiben, muss man die Nordgrenze in Höhe der heutigen Straße von Esens nach Neuharlingersiel suchen. Die Ostgrenze verlief etwa von Margens über Boisenhausen und Reitsburg zwischen Warnsath und Ostdunum bis weit in die alten Heidfelder in der Gegend von Middels. Die Südgrenze war wohl am wenigsten konkret und hat sich quer durch die Ländereien bis in den Raum des heutigen Langefeld geschlagen, um dann nach Norden umzuschwenken und ihren Weg durch die schier endlosen Moorgebiete und Heidfelder wieder bis in den Raum Esens zu finden.
Größer als Esens
Stedesdorf soll bis in das 14. Jahrhundert hinein eine größere Bedeutung gehabt haben als Esens. In der Tat gehörte ein Ailwardus Mensena aus Stedesdorf zu den anerkannten Repräsentanten der Region, auch wenn er noch nicht den Häuptlingsrang besaß. Erster namentlich bekannter Häuptling von Stedesdorf war wohl Wibet (1414 erwähnt) mit seinem Stammsitz in unmittelbarer Nähe der heutigen Gemeindekirche. Als er 1430 seinen Sitz in Esens nahm, respektierte man ihn sogar als Landeshäuptling des Harlingerlandes. Sein Schwiegersohn Hero Omken übernahm die Stedesdorfer Besitzungen.
Siebet Attenas dynastische Laufbahn begann auf der Dornumer Osterburg. Er heiratete eine Tochter Hero Omkens und kam so in den Besitz Stedesdorfs (1447). Später überließen ihm die Cirksena Esens; kurz darauf vertrieb Siebet die Kankena aus Wittmund, sodass er als Häuptling von Esens, Stedesdorf und Wittmund galt (1455). Als er im November 1473 starb, folgten sein Sohn Hero Omken d. J. und danach sein Enkel Balthasar. Nach der Folge weiterer Generationen trat die Häuptlingsfamilie die Herrlichkeiten Esens, Stedesdorf und Wittmund an das ostfriesische Grafenhaus ab, sodass diese Gebiete fortan in Personalunion mit den jeweiligen Landesherren Ostfrieslands verbunden waren.
Friedrich der Große führte Titel
Eine komplizierte Angelegenheit, aber mit Familienpolitik wurde erreicht, dass alle regierenden Grafen und Fürsten Ostfrieslands fortan den zusätzlichen Titel „Herr von Esens, Stedesdorf und Wittmund“ führten durften. So taten es nach dem Aussterben der Cirksena (1744) auch die preußischen Könige im fernen Berlin, darunter Friedrich II. (der Große). In der dazwischen liegenden Ära (1815 bis 1866) war übrigens auch König Georg IV. von England und Hannover Chef des Harlingerlandes.
Über die Zahl der Bewohner der Herrlichkeit Stedesdorf im ausklingenden Mittelalter kann nur spekuliert werden. Immer wieder aufflackernde Krankheiten minimierten die Bevölkerung; die Harlebucht war weit ins Landesinnere eingedrungen.
