Holtriem - Ostfriesland hatte vor den Jahrzehnten um 1600 schon bessere Tage gesehen: Die Glanzpunkte Emdens als schiffreichster Hafen Europas waren längst verblasst, die Landstände führen harte Auseinandersetzungen mit dem Landesherrn, die erst nach 1611 mit dem Osterhusischen Akkord ausgeräumt werden konnten, und schließlich drang in der ersten Phase des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) die aggressive Söldnergruppe Mansfeld ins Land ein.
Landschaft
Wichtige Informationen wie es damals in dem Landstrich, der später als Holtriem bezeichnet wurde, ausgesehen habe, verdanken wir dem Kartenwerk–Gelehrten Ubbo Emmius. Er veröffentlichte 1616 eine genaue geographische Beschreibung Ostfrieslands, in lateinischer Schrift. Er schreibt über das Harlingerland, dass die Gegend an der Küste einen fruchtbaren Boden habe und für Ackerland und Grünlandwirtschaft geeignet sei. Die Geest sei weitgehend unfruchtbar. Ein Nord-Süd-Schnitt der naturräumlichen Verhältnisse Holtriems gewissermaßen.
Dann skizziert Emmius einzelne Dörfer: „Hinter Coldinne bietet sich zuerst im äußersten Winkel des Harlinger Landes zwischen Heideflächen Nenndorf dar, ein armes Dörflein, und sofort folgt Westerholt, dessen Kirche vom Dorf nach Süden hin in geringer Entfernung zurücktritt. Dann liegen in nordöstlicher Richtung hinter Westerholt verächtliche Dörfer, nämlich Schweindorf, Utarp, Narp und das doppelte Ochtersum.“
Er erwähnt auch eine Entwässerungsrinne, die nicht weit von Utarp entspringt und nach kurven- und biegungsreichem Lauf in das Watt mündet. Das Siel gehöre zu zwei Dörfern und trenne die Harlinger von den Dornumern. Gemeint war damit Dornumer-/Westeraccumersiel.
Die Emmius-Karte im Detail.
Versorgung
Auf der ostfriesischen Halbinsel gab es viele abgelegene Landstriche – wie Holtriem, in dem die wenigen Menschen große Mühe hatten, Jahr für Jahr den Bedarf ihrer Familie an Nahrung und Kleidung zu decken und für ein Obdach zu sorgen. Es kann nur darüber spekuliert werden, wie stark die Bevölkerung in den Kirchspielen Westerholt und Ochtersum damals war – vielleicht werden es 500 bis 700 Menschen gewesen sein, als 1622 der Dreißigjährige Krieg Ostfriesland ergriff. Die Krieg führenden Parteien in den nicht enden wollenden Auseinandersetzungen verfügten oftmals nicht über ein ständiges Heer, sondern warben für ihre jeweiligen Ziele Söldner an. Die niederländischen Generalstaaten hatten zum Beispiel Mansfeld mit seiner Soldateska „engagiert“. Nachdem sie ihre Aufgabe erfolgreich beendet hatte, schickte man sie nach Ostfriesland ins Winterquartier.
Söldnertruppe
Im November 1622, kurz vor Martini, drang Mansfeld mit einigen tausend Bewaffneten in das wehrlose Land ein, internierte den Landesherrn Graf Enno III. auf der Burg in Esens und bemächtigte sich der anderen Festungen. Für die Bevölkerung war der Einzug des Söldnerheeres mit seinem riesigen Tross eine ungeheure Belastung, denn überall wurde Geld eingetrieben, geplündert, gequält und gemordet. Im Lande flackerte die Pest auf und forderte weitere ungezählte Opfer. Im Januar 1624 einigten sich Mansfeld und die Generalstaaten, dass seine Söldner gegen Zahlung von 300.000 Gulden das Land nach und nach wieder verlassen sollten. Sie liefen allerdings schon von sich aus in großer Zahl wieder davon, weil sie sich nicht mehr aus dem Lande ernähren konnten.
