Navigation überspringen
nordwest-zeitung
Abo-Angebote ePaper Newsletter App Prospekte Jobs Immo Trauer Shop

Reporter vor Ort Wie läuft eine Essensausgabe bei der Tafel in Wittmund ab?

Wittmund - Ich will ganz offen mit Ihnen sein – ja, ich schaue derzeit auf mein Geld. Richtig existenzielle Sorgen, dass ich morgen nichts mehr auf dem Teller habe, muss ich mir aber nicht machen. Ich habe Glück, das weiß ich. Vielen Menschen in Deutschland geht es schlechter als mir. Und immer mehr Menschen sind darauf angewiesen, dass sie Unterstützung erfahren, sei es durch Institutionen wie die Tafel, Hilfen durch das Jobcenter oder Ähnliches. Für mich waren es bislang Themen, über die ich berichte. Am eigenen Leib erfahren, habe ich sie nicht – bis zu diesem Montag. Denn die Tafel in Wittmund hat es erlaubt, dass ich bei einer Essensausgabe mithelfen durfte. Eines sei vorab gesagt: Die Erfahrung war gut, intensiv und nachhaltig bewegend.

Vor der Verteilung wird gesammelt und sortiert

Der Tag beginnt für mich in der Redaktion. Den Vormittag habe ich noch Themen mit den Kollegen geplant, während die Sammler und Fahrer der Tafel schon seit den frühen Morgenstunden unterwegs sind, um von Supermärkten, Nahrungsmittelläden und Bäckern Ware abzuholen, die in der Regel nicht mehr verkauft werden. „Aus dem ganzen Einzugsgebiet des Landkreises wird gesammelt, solange es nicht die Tafeln in Esens und Friedeburg betrifft“, erklärt mir Klaus Kuhweide, der Vereinsvorsitzende der Wittmunder Tafel, als ich gegen 14 Uhr mit ihm im Gebäude der Tafel in der Bremer Straße 13 sitze.

Währenddessen findet im Nebenraum schon reges Treiben statt: Das eingegangene Essen wird sortiert und ordentlich gestapelt. Bevor die Ausgabe startet, schaue ich auf die Tische voller Lebensmittel: ein Dutzend Sorten Käse, frische Milch, Kisten mit Gemüse und Obst, sogar zwei Dutzend Sorten Wurst und unzählige Kekspackungen sowie Puddings, Fisch, den ich mir derzeit nicht leiste, Drinks, Kaffee und Fertigsalate, bio, nicht bio, laktosefrei, vegan. Dazu ist ein ganzes Regal mit verschiedenen Sorten Brot gefüllt. Man kann es nicht anders sagen: Es ist unbeschreiblich viel Essen. „All das wäre sonst in der Tonne gelandet“, betont Teamleiterin Irmtraud Osenroth. „Und das geht heute weg?“, frage ich ungläubig. Ein erfahrenes Tafelmitglied lächelt und sagt: „Ganz sicher.“

Der Zettel entscheidet, wie viel jeder bekommt

Um 15 Uhr geht es los. Das Team hat sich auf seine Posten begeben: Rosi Beckmann sitzt an diesem Tag am PC, Monika Hülsemeyer ist am Brotregal und die anderen kümmern sich jeweils um einen reinkommenden Kunden. Ich werde Angelika Aring-Heeren zugeteilt, die mir alles erklärt: „Die Kunden kommen rein und geben dir einen Zettel. Darauf steht dann, für wie viele Menschen er oder sie Essen mitnimmt. 1E/0K bedeutet ein Erwachsener, keine Kinder. 2E/3K heißt dann zwei Erwachsene, drei Kinder. Verstanden?“ Ich verstehe. „Und noch ganz wichtig“, schiebt Angelika hinterher: „Nur du gibst den Kunden die Ware. Sie dürfen sie sich nicht einfach vom Tisch nehmen. Sie fragen, und du entscheidest dann, wie viel und so. Süßigkeiten, Kakao oder Fruchtzwerge nur für Menschen mit Kindern. Ok?“ Ok.

Und dann kommt unser erster Kunde herein. Sein Zettel sagt: 1E/0K. Gemüse will die Person keines, nur eine Banane und eine Orange. Sie zeigt auf den Joghurt mit den Smarties. „Nein, das nur für Kinder“, bleibt Angelika hart. „Aber man bleibt ja immer Kind“, erwidert 1E/0K, beide lachen. So geht es weiter an den Tischen entlang, zum Käse, zur Wurst und dann zu Monika am Brotregal. Am Ende bedankt sich 1E/oK herzlich und verlässt die Tafel mit zwei vollen Tüten.

Jedes Lebensmittel ist ein Geschenk

Es folgen weitere Kunden, deutsche, Osteuropäer und Menschen aus dem arabischen Raum. Mal alt, mal jung, mal schwer zu schätzen. Oft sind die Menschen unendlich dankbar, lassen jedes Lebensmittel wie ein wertvolles Geschenk in ihren Beutel gleiten, mal verschwindet es schnell in einer tiefen Tasche, während der Finger der anderen Hand schon auf das nächste Gut zeigt. Und auf einmal sagt Angelika: „Du schaffst das auch alleine, oder?“ Klar, meine ich und empfange meinen eigenen ersten Kunden.

Schicksal in Nummern und Zahlen

1E/2K lese ich auf dem Zettel. Und ich soll jetzt dafür verantwortlich sein, wie viel Essen dieser Mensch mit den zwei Kindern für die kommenden Tage hat? Ist es zu viel, haben die anderen in der Schlange draußen eventuell nichts mehr, gebe ich zu wenig, bleibt Essen übrig. Was für ein Schicksal liegt hinter 1E/2K, dass die Person zur Wittmunder Tafel kommt?, frage ich mich, sage aber: „Was hätten Sie denn gerne?“ Und so ziehen 1E/2K und ich von Tisch zu Tisch bis wir beim Brot ankommen. „Danke“, sagt 1E/2K. „Vielen Dank.“ Die Worte klingen ehrlich und ich freue mich über jedes Teil, das 1E/2K in den vollen Tüten hat. In diesem Moment kommen mir Irmtrauds Worte, die sie mir mitgegeben hatte, in den Sinn: „Nach einem solchen Tag bin ich schon kaputt, aber einfach nur froh und dankbar, dass ich hinter dem Tisch stehen darf und nicht davor.“

Was dazu noch wichtig ist

Jeder Mensch, derm für Essen zur Tafel kommt, muss nachweisen, dass er oder sie bedürftig ist. Dies kann durch eine Bestätigung des Jobcenters oder eines anderen Amtes erfolgen.

Wenn dies geschehen ist, wird ein Kundenausweis erstellt. Dieser muss bei jedem Besuch mitgebracht werden.

Die ehrenamtlichen Mitglieder der Tafel bezeichnen die Menschen, die zur Tafel kommen als „Kunden“. Der Grund ist folgender: „Die Menschen sollen nicht durch ihre Bedürftigkeit in eine Ecke gestellt werden“, erklärt Klaus Kuhweide, der Vorsitzende der Tafel Wittmund, die Bezeichnung Kunde.

Den Kundentaler muss jeder Empfänger bezahlen. Dabei handelt es sich um einen kleinen Betrag, den jeder, der kommt, zu entrichten hat.

Laut Kuhweide werden mit dem Geld laufende Kosten bezahlt. Zudem soll es zeigen, dass das Essen nicht umsonst ist.

Der Zulauf auf die Tafeln wird immer größer – auch in Wittmund. Waren es vor Pandemie und Krieg in der Regel 40 Kunden pro Ausgabe, sind es nun etwa 60.

Das Durchschnittsalter der Tafelmitglieder ist etwa 75 Jahre. „Das liegt daran, dass wir unsere Essensausgaben immer montags und donnerstags haben. Die meisten Menschen arbeiten in dieser Zeit noch“, so Kuhweide. Dennoch wird betont, dass jeder zum Mithelfen willkommen ist – auch wenn es nur ein Mal ist.

Spenden nimmt die Tafel immer entgegen. Am besten sind Dosen, Nudeln und alle Lebensmittel, die sich lange halten.

Mit einer Aktion am Samstag, 3. Dezember, sollen ebenfalls Spenden gesammelt werden. Im E-Center in Wittmund können bei „Kauf ein Teil mehr“ die Lebensmittel bei den Ehrenamtlichen abgegeben werden.

Eine Spende durch den Pfandbon ist jederzeit im E-Center möglich.

Pia Miranda
Pia Miranda Redaktion Wittmund
Themen
Artikelempfehlungen der Redaktion
Die Mitglieder vom BSV Kickers Emden stimmen am Donnerstagabend für die Ausgliederung der ersten Herren in eine GmbH.

POSITIVES VOTUM Mitglieder geben Grünes Licht für die Kickers-Emden-GmbH – Rießelmann spricht von „Happy End“

Lars Möller
Emden
Stellten die Ausweitung des Konzeptes „Wilhelmshaven sicher“ auf den Busverkehr der Stadtwerke-Verkehrsgesellschaft vor: (v.li.) Frank Rademacher (Geschäftsführer Stadtwerke-Verkehrsgesellschaft Wilhelmshaven), Polizeidirektor Heiko von Deetzen, Projektleiter und Polizeihauptkomissar Tim Bachem und Oberbürgermeister Carsten Feist.

POLIZEIPRÄSENZ IM BUSVERKEHR Hausrecht der Polizei stärkt ab sofort Sicherheit in Bussen

Lutz Rector
Wilhelmshaven
Kommentar
Klimaaktivisten der Gruppe „Fridays for Future“ in Saarbrücken werfen Bundeskanzler Scholz vor, bei seinem Besuch in der vom Hochwasser betroffenen Region und in seiner Ansprache „die Klimakrise fahrlässig ausgeblendet“ zu haben.

UMWELTPOLITIK Durch mehr Klimaschutz gibt’s nichts zu verlieren

Jana Wolf Büro Berlin
Eine junge Lehrerin schreibt Mathematikaufgaben an eine Schultafel. Niedersachsen will 390 Schulen im Land nach Sozialindex stärker fördern.

NEUES PROGRAMM FÜR 390 SCHULEN Wie Niedersachsen mehr Bildungsgerechtigkeit herstellen will

Stefan Idel Büro Hannover
Hannover
Lara und Philipp Schumacher wollen gemeinsam mit ihren drei Kindern ein neues Leben auf Mallorca beginnen. Dafür bereiten sie seit Jahren alles vor – und der letzte, mehrmonatige Aufenthalt vor der Auswanderung begann mit einem herben Rückschlag.

BETROGEN UND ENTTÄUSCHT Emder Familie kämpft nach Betrug auf Mallorca um ihren Traum

Aike Sebastian Ruhr
Emden