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Vortrag über NS-Zeit Jüdische Organisationen warnten vor der Insel Langeoog

Werner Jürgens
Das Heft aus der NS-Zeit zeigt Jungen, die in der Hitlerjugend sind. Es wurde zu Propagandazwecken genutzt.

Das Heft aus der NS-Zeit zeigt Jungen, die in der Hitlerjugend sind. Es wurde zu Propagandazwecken genutzt.

Werner Jürgens

Langeoog/Aurich - „Langeoog als Insel der Volksgemeinschaft“, lautete der Titel eines Vortrags, den Prof. Dr. Jörg Echterkamp kürzlich im Auricher Landschaftsforum hielt. Der Militärhistoriker und Sozialwissenschaftler hat sich intensiv mit der Zeit des Nationalsozialismus auseinandergesetzt und arbeitet derzeit an einem Buch, das im Verlaufe im nächsten Jahr erscheinen soll. Seine Recherchen bestätigen viele bereits bekannte Erkenntnisse und Erzählungen von damals, jedoch längst nicht alle.

„Spätzünderin“

Mit Blick auf den Tourismus war Langeoog von den Ostfriesischen Inseln, laut Prof. Dr. Echterkamp, eine „Spätzünderin“. Erst ab ungefähr der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stiegen die Gästezahlen allmählich an. Parallel dazu wuchs die Einwohnerzahl von 200 im Jahre 1880 auf 740 um 1925. Ähnlich – wie auf anderen Ostfriesischen Inseln – waren auch auf Langeoog weit vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten antisemitische Tendenzen an der Tagesordnung.

Warnung vor Langeoog

Wie drastisch die gewesen sein müssen, lässt sich daran erkennen, dass jüdische Organisationen nach den Recherchen von Prof. Dr. Echterkamp nicht nur vor bestimmten Hotels warnten, sondern empfahlen, die Insel lieber komplett zu meiden. Die schwarz-weiß-rote Flagge der Nationalisten, die die Weimarer Demokratie ablehnten und sich das alte Kaiserreich wieder herbeisehnten, war hingegen durchaus gern gesehen und nicht von ungefähr als Motiv auf etlichen Postkarten abgebildet. Fast folgerichtig hatte Langeoog ebenfalls bereits vor der Machtergreifung eine Reihe überzeugter NSDAP-Mitglieder, die eng in die örtliche Verwaltung, Schule und Kirche eingebunden waren. Entsprechend reibungslos vollzog sich die Gleichschaltung. Die Hitler Jugend (HJ) hatte keine Probleme, die Strukturen der bis dahin für die Jugendarbeit federführend zuständigen evangelischen Kirche zu übernehmen, zumal auch der Pfarrer dies ausdrücklich begrüßte, weil er sich davon mehr Disziplin unter den Jugendlichen erhoffte.

Ideologie unterwerfen

Aber nicht nur einheimische junge Menschen sollten auf Linie gebracht werden. Darüber hinaus veranstaltete die HJ auf Langeoog regelmäßig Zeltlager mit Hunderten von Teilnehmern. Statt Ferienidylle war hier militärischer Drill angesagt. Im Sinne der „Volksgemeinschaft“ sollten sich die Jugendlichen bedingungslos den ideologischen Zielen der Nationalsozialisten unterwerfen. Wer nicht in deren Schema passte, wurde konsequent ausgegrenzt.

Hinlänglich bekannt in dem Zusammenhang ist das Schicksal der holländischen jüdischen Familie de Heer, die auf Langeoog ein Café besaß und der Insel 1938 den Rücken kehren musste. Weniger geläufig dürfte sein, in welchem Ausmaß die Inselbewohner Opfer von Euthanasie-Maßnahmen wurden, nachdem ihnen Trunksucht oder geistige Handicaps wie zum Beispiel Schwachsinn attestiert worden waren. Prof. Dr. Jörg Echterkamp hat ausgerechnet, dass jede 13. Langeooger Familie davon betroffen war, darunter ein gerade einmal 14 Jahre alter Junge, der auf „Empfehlung“ des Inselarztes und unter Anwendung von Polizeigewalt nach Wilhelmshaven gebracht und dort zwangssterilisiert wurde.

Diskussionsrunde

Last but not least stand in der anschließenden Diskussionsrunde die spannende Frage zur Debatte, ob es auf Langeoog während des Nationalsozialismus ebenfalls Ferienfreizeiten gab, bei denen heimlich jüdische Kinder aus Halberstadt untergebracht waren. Das steht in einer Insel-Chronik nachzulesen und basiert auf den Erzählungen eines Zeitzeugen, der als kleiner Junge selber daran teilgenommen haben will und dessen Mutter das Ganze organisiert haben soll. Belege dafür hat Prof. Dr. Jörg Echterkamp allerdings weder in Ostfriesland noch bei der jüdischen Gemeinde in Halberstadt gefunden. Entweder haben die Beteiligten das mit der Geheimhaltung damals tatsächlich perfekt hinbekommen. Oder die Geschichte stimmt nicht.

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