Westerstede/Wittmund - „Sie müssen zur weiteren Abklärung ins Brustzentrum“. Dieser Satz bereitet Frauen Sorge. Vorausgegangen ist dann oft eine Diagnose beim Gynäkologen oder ein Mammographie-Befund. Viele Frauen auch aus dem Landkreis Wittmund entscheiden sich dann, ins Brustzentrum der Ammerland-Klinik nach Westerstede zu gehen.
290 zertifizierte Brustzentren
Das Krankenhaus verfügt über eines von 290 zertifizierten Brustzentren in Deutschland. Die Ammerland-Klinik ist groß, der Bereich des Brustzentrums eher überschaubar. Zwei Behandlungsräume, ein Wartebereich und ein Empfang. So beklemmend die Diagnose war, die die Frauen hierher führt, an der Anmeldung wird jeder mit Einfühlungsvermögen empfangen. Kleine bunte Schleifen zieren die Schränke und der Blick fällt – den kennen einige unserer Leser bereits – auf den Männerkalender.
Im Wartebereich liegen die üblichen Zeitschriften, die Informationen über die Welt der Prominenz geben. Aber das Team ist durchgetaktet. „Die Frauen, die zu uns kommen haben schon Sorgen genug. Da wollen wir sie nicht unnötig lange warten lassen“, sagt Martin Thoma. Seit 8,5 Jahren ist der Senologe Chefarzt des Brustzentrums in Westerstede.
Jeden TagOperationen
Der 62-Jährige weiß aus seiner langjährigen Erfahrung was für Sorgen seine Patienten umtreibt. Und obwohl er und seine Mitarbeiter nahezu jeden Tag im Operationssaal stehen, nimmt er sich Zeit. Aber Martin Thoma ist auch ein Mensch der geradeheraus ist. „Fragen Sie nicht mich, sondern meine Helferinnen, wie dankbar Patientinnen sind, denen wir hier helfen konnten“, sagt er mit einem Lächeln.
1200 Brustoperationen werden im Jahr in der Ammerland-Klinik vorgenommen. Damit und mit der Zahl der in Westerstede behandelten Brust-Tumore (2021 mehr als 700) rangieren die Ammerländer ganz oben unter den deutschen Brustzentren. 900 der Eingriffe stehen im Zusammenhang mit Brustkrebs. „Aber wir machen alles rund um die Brust“, sagt Martin Thoma.
Fehlbildungen, Wiederherstellung oder auch Brustverkleinerung und -vergrößerung gehören zum Leistungsspektrum in Westerstede. „Wir lassen unsere Fähigkeiten der plastischen Chirurgie allen unserer Brustkrebs-Patientinnen zukommen“, sagt der Chefarzt, der lobende Worte für sein Team mit zwei Oberärzten, zwei Weiterbildungsassisteten sowie den zwei Medizinischen Fachangestellten und seiner Brust-Krankenschwester hat. Damit kommt das Brustzentrum personell an die Grenzen. „Ich würde gerne noch mehr machen, aber wir haben Nachwuchsprobleme in diesem herausfordernden Bereich“, sagt der Chefarzt, der vor Westerstede als leitender Arzt das Brustzentrum im Klinikum Oldenburg aufgebaut hat.
Enge Vernetzung für optimale Behandlung
„Kennzeichnend für unser zertifiziertes Brustzentrum sind unter anderem die regelmäßigen Fallbesprechungen“, sagt Martin Thoma. Sie sind eine feste Institution des Brustzentrums im interdisziplinären Team um den Chefarzt. Daran anknüpfend wird nach aktuellen medizinischen Leitlinien ein Konzept für die weitere Behandlung festgelegt, das für die spezifische Erkrankung die ideale Behandlung bietet.
Neben den ärztlichen Partnern vereint das Brustzentrum auch den Sozialdienst, die psychoonkologische Beratung und speziell ausgebildete Schwestern (Breast-Nurse) unter einem Dach. Kooperationen bestehen zudem zu verschiedenen externen Partnern und Selbsthilfegruppen. In der Regel bleiben die Frauen nach dem Eingriff noch drei Tage auf der Station, weitere Behandlungen sind dann oft ambulant.
Eingriffe so schonend wie möglich
„Die Operationen erfolgen so schonend wie möglich“, sagt Martin Thoma. Die Brusterhaltung ist das Ziel. Und genau da setzt der Chefarzt auch präventiv an. Denn eine hohe Überlebenschance haben die Frauen auch selbst in der Hand. Vor 20 Jahren wurde das Mammographie-Screening ins Leben gerufen. „Aber nur 57 Prozent der Frauen nutzen es“, sagt Martin Thoma, der eng mit dem hiesigen Mammographie-Screening-Programm kooperiert.
Der Wittmunder Radiologe Dr. Gerold Hecht ist Leiter des Referenzzentrums Nord des Mammographie-Screenings und er begleitet das Programm seit seinen Anfängen.
Seit 2002 gibt es das Screening-Programm
2002 fasste der Bundestag den parteiübergreifenden Beschluss, das flächendeckende Mammographie-Screening-Programm einzuführen. Die Brustkrebsfrüherkennung wird dabei durch optimale Geräteversorgung, die Zertifizierung von qualifiziertem Personal und einer institutionalisierten Doppelbefundung durch zwei unabhängige Experten deutlich verbessert. Ein bundesweites Einladungssystem soll sicherstellen, dass das Angebot flächendeckend wahrgenommen wird.
Früherkennung kannLeben retten
Auch rät Martin Thoma dazu, die Brüste selbst abzutasten. „Die Frauen sollten ein Gefühl für den eigenen Körper entwickeln, das ist sehr wichtig“, erklärt der Chefarzt, dessen jüngste Brustkrebspatientin 19 und dessen älteste 97 Jahre alt war. „Die meisten Fälle von Brustkrebs gibt es im Alter zwischen 60 und 65 Jahre“, sagt Martin Thoma. Und übrigens, von allen Brustkrebspatienten sind ein Prozent Männer. Auch sie können an diesem Tumor erkranken.
Wenn der Chefarzt eine Brust operiert, dann zählt für ihn das Gesamtergebnis. Und so zeigt Martin Thoma eine Fotografie, auf der die Brüste einer Patienten mit vielen Strichen markiert wurden. „Das war vor dem Eingriff“, erklärt der Chefarzt und zeigt auf dem Bild, wo sich der Tumor an der rechten Brust gebildet hat. Die Nachher-Aufnahen beeindrucken, denn beide Brüste sind operiert worden, beide gleichen sich symmetrisch an und sehen besser und straffer aus als vor dem Eingriff. „Und die Frau war über 70 Jahre alt“, erklärt Martin Thoma. Die Patientin sagte ihm hinterher, dass sie noch nie so schöne Brüste gehabt habe. Für den Chefarzt der Senologie ist das natürlich ein großes Lob – er möchte, dass die Frauen zufrieden sind, aber vielmehr wünscht er sich, dass sie wieder ganz gesund werden und der Brustkrebs besiegt wird.
In der nächsten Folge „Medizin in der Region“ bleiben wir im Bereich der Brust und widmen uns dem komplexen Thema der Thoraxchirurgie.
