Westerstede/Wittmund - In seinen Jahren als Mediziner hat Dr. Peter Ritter schon vieles gesehen, was der Bürger, der nicht aus dem Metier kommt, gar nicht alles wissen möchte. Aber als ein Patient zu ihm in die Krampfader-Sprechstunde in die Ammerland-Klinik Westerstede kam, seinen Verband vom Bein löste und dem Gefäßchirurgen dann zeigte, erstaunte auch den 57-Jährigen. „Er hatte einen Blutegel an der Wade“, sagt der Medizinische Geschäftsführer der Klinik und muss bei der Erinnerung lachen. Der Blutsauger wurde vom Chirurgen dann fachmännisch entfernt. Es gibt durchaus Therapien, bei denen man Krampfadern mit Blutegeln zu Leibe rücken kann, aber das Grundproblem lösen die kleinen Tiere nicht.
Symptome nicht auf die leichte Schulter nehmen
Krampfadern, so der Mediziner, sind eine Volkskrankheit, die aber nicht auf die leichte Schulter zu nehmen sind. Denn bleiben sie lange unbehandelt, kann es im schlimmsten Fall – natürlich nicht immer – zu einer Thrombose kommen. „Wir reden hier nicht über einen kosmetischen Eingriff“, sagt der Chefarzt der Gefäß- und Thoraxchirurgie, der unzählige Krampfadern bereits behandelt hat.
Um zu verstehen, wie sich die blauen, dicken Fäden an den Beinen bilden, begeben wir uns mit dem Chirurgen wieder ins Innere des menschlichen Körpers und in ihm gibt es viele Venen und Arterien. Letztere bringen das in der Lunge mit Sauerstoff angereicherte Blut zu den Zielorganen. Durch die Venen wiederum fließt das Blut zurück zum Herzen.
Wenn die Klappen defekt sind
„Die Vene hat Klappen, so transportiert sie beispielsweise das Blut von unten aus dem Fuß über die Beine nach oben. Es fließt aufwärts und wird am Rückfluss gehindert“, erklärt Dr. Ritter. Das Blut muss dann gegen die Schwerkraft fließen. Die große äußere Krampfadervene verläuft vom Fuß bis zur Leiste.
Grund für die Bildung der unschönen Auswuchtungen ist, dass diese Vene sich vergrößert, die Klappen dadurch nicht mehr richtig schließen und das Blut, das eigentlich ungehindert zurücktransportiert werden sollte, in die kleinen Aderverästelungen fließt, die dann blau und wulstig sichtbar werden. „Man kennt nicht genau die Ursachen, aber tatsächlich neigen mehr Frauen und übergewichtige Menschen zu Krampfadern und es ist ein Leiden, dass vererbt werden kann“, sagt der Arzt. Beim weiblichen Geschlecht liegt es oft an dem Bindegewebe. Allerdings sieht man im Sommer oft mehr Männer mit Krampfadern. „Das liegt eher daran, dass die sich wenig daraus machen und sich nicht behandeln lassen“, vermutet Dr. Ritter.
Medizin unterscheidet in vier Stadien
Man unterscheidet bei den Krampfadern vier Stadien – gemessen von der Leiste bis nach unten zum Fuß. Wenn die große Vene nicht mehr richtig funktioniert, weil ihre Klappen versagen, übernimmt die innenliegende Beinvene die Funktion. Damit aber hat sie dann sozusagen auch mehr zu tun als normal, was auf Dauer nicht gut ist.
Diagnostik mit Ultraschall
Auch bei den Krampfadern ist für die Diagnostik das Ultraschallgerät wichtig. Damit können die Mediziner sehen, wo und an welchen Stellen die Venenklappen nicht funktionieren. Nicht immer muss sofort zum Skalpell gegriffen werden. „Konservativ helfen auch Kompressionsstrümpfe“, sagt Dr. Peter Ritter. Die gibt es übrigens in mehreren Variationen und sind nicht mehr nur fleischfarben – das nur am Rande für den Modebewussten Patienten. Dennoch wird es zur Herausforderung, diese eng anliegenden Strümpfe jeden Tag anzuziehen. Sie aber pressen die „ausgeleierte“ Vene zusammen und damit auch die Klappen, so dass das Blut wieder nach oben transportiert werden kann.
Besenreiser sind die Vorboten
Die Vorboten der Krampfadern sind übrigens die Besenreiser – kleine rötliche und bläuliche Veränderungen in der Haut. Die zu entfernen, so Dr. Ritter, ist aber eine reine kosmetische Angelegenheit, denn sie bereiten „noch“ keine Probleme.
Für den Patienten sind die Krampfadern nicht nur sichtbar, er wird auch unter „schweren“ Beinen leiden, ein Spannungsgefühl haben oder einen Juckreiz verspüren. Um in die Krampfader-Sprechstunde in die Ammerland-Klinik zu kommen, reicht es übrigens aus, dass ein Hausarzt eine Überweisung schreibt.
Nachdem die Ärzte sich ein Bild von dem Stadium gemacht haben, werden sie die weiteren Schritte einleiten. Und dann geht es manchmal nicht ohne einen Eingriff. „Es gibt zwei Methoden, das sogenannte Stripping, das Ziehen, oder der endovenöse Eingriff“, erklärt der Gefäßchirurg. Letztere Therapie wird in der Regel aber nicht von allen gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Beim Stripping, dem Ziehen, wird der erkrankte Venenteil von der Leiste aus herausoperiert. Er wird durchtrennt und gezogen.
Mit der „Häkelnadel“ jede Ader ziehen
Was dann folgt ist für den Chirurgen Handarbeit, denn er wird jede einzelne blaue Verästelung ebenfalls ziehen. „Das sind ganz kleine Schnitte und dann holen wird die Adern mit einer Art Häkelnadel heraus“, sagt Peter Ritter, der, wie er sagt über handarbeitliches Geschick auch im privaten verfügt und durchaus Häkeln und stricken („das habe ich aber verlernt“) kann.
Je nach Ausprägung der zu entfernenden Verästelungen kann das im Operationssaal schon ein wenig Zeit in Anspruch nehmen. „Bei einigen Patienten benötigen wir wenige, bei anderen bis zu 70 kleine Hautschnitte, um die Krampfadern zu entfernen“, sagt der Mediziner. Und so kann eine solche, meist ambulante Operation, zwischen 20 Minuten und 1,5 Stunden dauern. Danach übrigens kommt auch dieser Patient nicht drumherum, sich für sechs Wochen in die Kompressionsstrümpfe zu zwängen. Die Funktion der gezogenen Adern übernehmen andere. Denn, um eine beeindruckende Zahl zu nennen: Alle Blutgefäße, also Kapillaren, Venen und Arterien eines Menschen sind zusammen 100 000 Kilometer lang.
Endovenös: Verfahren mit Sonde
Beim endovenösen Verfahren wird unter Ultraschall eine Sonde in die Vene eingeführt – diese Mal aber vom Sprunggelenk oder von der Wade aus. Über diese dünne Sonde wird die Krampfader mithilfe von Laserstrahlen von innen erhitzt, so dass sie sich verschließt und schließlich ganz verödet. Für den Patienten, die Eingriffe werden ambulant vorgenommen, ist das ein schonendes Verfahren, aber auch dabei müssen wieder die kleinen blauen Verästelungen per Hand „herausgehäkelt“ werden.
Mit Bewegung und Muskelaufbau
Ein jeder hat es in der Hand, Krampfadern zu verhindern. Bewegung fördert und stärkt die Beinmuskulatur und damit die Funktion der Vene. Der Chirurg kennt eine gute Faustformel: „Die schlechten zwei S und die guten zwei L: Sitzen und stehen sind schlecht, laufen und liegen sind gut für die Venen.“
Und übrigens, auch dem Patienten, der eigentlich auf die Blutegel-Therapie gesetzt hatte, konnte in der Ammerland-Klinik geholfen werden. Und was ist mit dem Blutsauger passiert? „Den haben wir in der Biotonne entsorgt“, sagt Dr. Peter Ritter und lacht.
In der nächsten Folge „Medizin in der Region“ folgen wir dem Blut in der Vene wieder aufwärts und widmen uns der Brust. Die Ammerland-Klinik verfügt über ein zertifiziertes Brustzentrum. Chefarzt Marin Thoma wird über die Behandlungen berichten.
