Westerstede/Wittmund - Dr. Peter Ritter ist ein sehr guter Erklärmeister. Obwohl der Gefäßchirurg so richtig in seinem Element ist, wenn er ausführt, wozu eine Halsschlagader dient und warum es so gefährlich ist, wenn sie dicht sitzt, nimmt er sein Gegenüber gedanklich mit auf die Reise ins Innere des menschlichen Körpers. Dr. Peter Ritter ist Chefarzt der Gefäß- und Thoraxchirurgie sowie Medizinischer Geschäftsführer der Ammerland-Klinik in Westerstede, wo er bereits seit 20 Jahren arbeitet.
Auch Eingriffe in der Lunge
In dieser Folge „Medizin in der Region“ blicken wir über den Tellerrand. In Sachen Gefäßchirurgie und Thoraxchirurgie ist das Westersteder Krankenhaus mit seinen 375 Betten sehr gut aufgestellt. Es bietet sämtliche Verfahren der modernen venösen und arteriellen Gefäß- und der Lungenchirurgie. Mit 63 Betten gehört diese Abteilung bundesweit zu den größten dieser Art.
Adern verästeln sich immer weiter
Der 57-jährige Dr. Ritter kennt sich aus mit den Gefäßen im Körper – von Kopf bis Fuß. „Der Mensch hat zwei Halsschlagadern, sie versorgen jeweils eine Gehirnhälfte mit Sauerstoff“, beschreibt der Chirurg, zu dem auch Patienten aus dem Landkreis Wittmund kommen. Nun ist es leider so, dass diese Adern, die sich Richtung Gehirn verästeln wie ein Baum, an gewissen Stellen verengen können. „Die Ursachen sind dann oft Ausfälle in der Beweglichkeit, mangelnde Kraft in den Armen und Beinen, Sprachstörungen oder kurzzeitige Erblindung“, so Peter Ritter. Es gibt aber tatsächlich auch Menschen, die spüren nicht, dass die Halsschlagader „verstopft“ ist. Manchmal kommt die Diagnose erst beim hausärztlichen Check-up zutage.
Die Folge dieser Verengung, der Stenose, kann ein Schlaganfall sein. „Risikofaktoren sind Bluthochdruck, Rauchen, höheres Lebensalter oder erhöhte Blutfettwerte“, erklärt der Mediziner. Die Diagnose trifft übrigens mehr Männer als Frauen. Die Verengung entsteht durch Kalkablagerungen, die den Blutzufluss zum Gehirn einschränken. An der „Aststelle“, an der sich die Ader teilt, ist sie im Durchmesser zwischen vier und acht Millimetern groß. „Eindrittel der Patienten haben die Ablagerungen an beiden Seiten“, erklärt Dr. Peter Ritter, während er auf dem Papier die Verästelung der lebenswichtigen Adern aufzeichnet.
Ultraschall für die Diagnostik
Ultraschall ist das Standardgerät für die Gefäßchirurgen, um die Diagnose zu stellen. „Damit erkennen wir die Ablagerungen sehr gut“, sagt der Chefarzt. Die Mediziner kontrollieren, wie viel Prozent der Ader noch offen und wie hoch die Fließgeschwindigkeit ist. „Denn das Blut fließt schneller, wenn eine Verengung vorliegt, Das ist wie bei dem Gartenschlauch, den man zusammenkneift“, beschreibt der 57-Jährige anschaulich. Gerade an den Ader-Astgabeln kommt es oft zu Verwirbelungen, wodurch sich der Kalk noch schneller sammeln kann.
Der Stent oder die Operation
Es gibt zwei Methoden, mit denen die Ärzte der Verengung sozusagen zu Leibe rücken. Entweder wird ein Stent gesetzt oder die Ader wird von außen geöffnet. Bei einem Stent dehnen die Ärzte mit einem Katheter die Halsarterie auf und setzen dann eine Gefäßstütze, den Stent, ein. „Diese Punktion nehmen wir von der Leiste her vor“, sagt der Spezialist, der einen Stent zeigt. „Gleicht ein wenig einem Maschendrahtzaun“, sagt Dr. Ritter und lacht. Und in der Tat das Röhren-Geflecht wird über den Kalk gesetzt – es drückt ihn zur Seite und das Blut kann wieder fließen. Damit wird aber nicht verhindert, dass sich neuer Kalk ablagert.
30 Minuten dauert der Eingriff
Rund 30 Minuten dauert der Eingriff, der Patient bleibt eine Nacht zur Überwachung auf der Intensivstation und kann nach weiteren drei Nächten die Klinik verlassen. 40 bis 50 Stents setzen die Ammerländer pro Jahr in Halsschlagadern ein.
Wenngleich sich diese Methode recht einfach anhört, so wird sie von den Gefäßchirurgen nicht bevorzugt. „Beim Stent entfernen wir nicht den Kalk und zudem eignet er sich nur, wenn die Ablagerungen hart genug sind und wir sicher gehen können, dass sie sich beim Einsetzen des Stents nicht lösen und dann doch ins Gehirn gelangen“, erklärt Dr. Peter Ritter. Die Fachärzte wägen natürlich genau ab, mit welcher Methode sie die besten Ergebnisse für den Patienten erreichen.
Schnitt am Hals entlang
150 bis 180 Mal im Jahr öffnen die Chirurgen in der Ammerland-Klinik die Halsschlagader, um die Verengung zu entfernen. Der Schnitt geht längs am Hals entlang und ist etwa zehn bis zwölf Zentimeter groß. Denn auch bei den Gefäßchirurgen ist die Devise – sie wollen sehen, was sie operieren. Nachdem das umliegende Gewebe beiseite geschoben wurde, das funktioniert mit Klammern – öffnen sie die Schlagader, nachdem sie abgeklemmt wurde. Das heißt aber auch, dass sie an dieser Stelle während des Eingriffes kein Blut in das Gehirn transportiert. „Wir erhöhen den Blutdruck künstlich auf 160, dann versorgt die zweite Halsschlagader solange die beiden Gehirnhälften“, sagt Dr. Peter Ritter. 15 bis 30 Minuten kann die Halsschlagader abgeklemmt werden.
Hirnströme permanent überwachen
Der Kalk wird entweder entfernt, indem der Chirurg die Ader nimmt und sie sozusagen auf links krempelt. „Das Innere nach außen und dann können wir den Kalk abschaben“, sagt der Medizinische Geschäftsführer. Danach wird die Ader dann an der abgetrennten Stelle wieder fest vernäht. Die Schlagader längs aufzuschneiden ist die zweite Methode. Auch so können sich die Chirurgen den Ablagerungen nähern. Danach muss die Ader wieder verschlossen werden. Die wird aber nicht einfach längs zusammengenäht. „Man bedient sich dann sozusagen der Flicken“, sagt der Chirurg. Es wird ein Patch eingesetzt. Das kann aus Rinderherzwand bestehen oder aus Goretex – wie bei den wasserabweisenden Schuhen.
Bei der Operation an der offenen Ader werden permanent die Hirnströme des Patienten gemessen. „Zur Not können wir während des Eingriffes vorübergehend mit einem kleinen Röhrchen arbeiten, in dem das Blut umgeleitet wird – eine Umgehungsstraße sozusagen“, erklärt der Chefarzt anschaulich.
Drei Prozent Schlaganfallrisiko
Gleich nach der Operation ist der Patient wieder bei Bewusstsein. Das ist wichtig, um zu kontrollieren, ob alles gut gegangen ist. Es kann während des Eingriffes zu Schlaganfällen kommen. Das Risiko beträgt drei Prozent. „Wenn die Ader verengt ist, steigt auch das Risiko eines Schlaganfalles und das ist höher als bei dem Eingriff“, erklärt der Gefäßchirurg.
Am liebsten wäre es ihm natürlich, dass die Menschen besser auf sich und ihre Gesundheit achten, damit es erst gar nicht zu Stenosen kommt. „An den Halsschlagadern hängt schließlich unser Kopf – ohne den geht nichts“, sagt Dr. Peter Ritter, der in Sachen Gefäßchirurgie nicht nur Köpfchen hat, sondern auch das richtige Händchen.
Im Operationssaal muss nicht nur Dr. Peter Ritter oft stehen. Und langes Stehen fördert die Bildung von Krampfadern. Deren Behandlung widmen wir uns in der nächsten Folge „Medizin in der Region“.
