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Moderne Medizin Mit dem Terminator-Arm ist wieder alles möglich

Wittmund/Jever - „Wow, das gibt es ja gar nicht, ich kann es einfach nicht glauben.“ Maurice Mehlhardt blickt auf seinen linken Arm, der zwar irgendwie aussieht als sei er jetzt ein Teil des Terminators aus dem Film mit Arnold Schwarzenegger, aber das ist dem 21-Jährigen egal. Denn er kann zum ersten Mal in seinem Leben diesen Arm bewegen und sogar noch mehr – er kann mit der Hand, deren Finger sonst taub, kalt und blass sind, etwas greifen. „Ich kann das gar nicht in Worte fassen, ich bin sprachlos“, sagt Maurice Mehlhardt und blickt dankbar zu Elmar Janßen und Jan-Ole Westerbur vom Sanitätshaus Uber in Jever – und zu John Frijters von der Firma myomo. Denn genau diesem Unternehmen ist es zu verdanken, dass eine Orthese, die MyoPro, entwickelt worden ist, mit der gelähmte Arme wieder beweglich werden.

Ein Mann hatte Tränen in den Augen

Ein Tag lang wurden Kunden von Uber nach Jever eingeladen, um ihnen die neuartige technisch ausgefeilte Orthese vorzustellen. „Fünf Patienten waren da“, sagt Orthopädietechnikermeister Elmar Janßen. Und der 49-Jährige durfte teilhaben an der Freude, die die Probanten erfuhren. „Ein Mann hatte Tränen in den Augen“, sagt Janßen, der selbst beeindruckt ist von der Technik dieses Hilfsmittels. Er begleitet Maurice Mehlhardt schon eine ganze Weile. Auch jetzt hat der junge Mann eine Orthese, die ihm bei weitem aber nicht das ermöglicht, was mit der von myomo möglich ist.

Zuerst legt der myomo-Mitarbeiter Maurice Mehlhardt die Elektroden an. Über einen Bildschirm kann er erkennen, welche Signale in den Muskeln von Hand und Arm ankommen. Denn die Orthese arbeitet myoelektrisch, das heißt, sie wird durch Muskelkontraktion in Bewegung gesetzt und über das mit Oberflächenelektroden abgeleitete Elektromyogramm (EMG) gesteuert. Hört sich ziemlich technisch an und ist es auch. Für Maurice Mehlhardt und die vielen anderen Patienten aber zählt am Ende das Ergebnis und das ist so gut, dass der junge Mann der gerade ein Fachpraktikum zum Büromanagement in Bremen absolviert, seine Freude kaum in Worte fassen kann. Zum ersten Mal kann Maurice Mehlhardt eine Flasche mit der linken Hand greifen und halten und das begeistert ihn so, dass er sie gar nicht mehr loslassen möchte. „Nun kann ich endlich Mayonnaise und Ketchup gleichzeitig tragen“, sagt er strahlend. Seine unendliche Freude scheint auf alle Menschen, die ihn beobachten, überzuspringen.

Maurice Mehlhardt ist halbseitig gelähmt. Er kam mit einer besonders schweren Epilepsie auf die Welt, seine Überlebenschance war sehr gering. Schließlich wagte sich ein Neurochirurg an eine außergewöhnliche Operation. Er entfernte Teile der rechten Gehirnhälfte, die für die Anfälle verantwortlich waren. Damals war der heute 21-Jährige 13 Monate alt. Heute kann er fast alles, was andere Menschen auch können – nur die linksseitige Einschränkung bleibt.

Am Bein trägt Maurice Mehlhardt schon eine entsprechende Orthese, mit der ihm das Laufen möglich ist. „Auf die unteren Extremitäten wurde in den letzten Jahren viel Wert gelegt, aber mit den Hilfsmitteln für gelähmte Arme beschäftigte sich kaum jemand“, erklärt John Frijters. Seit 2014 gibt es das Unternehmen myomo – seit drei Jahren sind die Orthesen nun auch auf dem deutschen Markt erhältlich.

Kosten von 50 000 Euro

Zirka 50 000 Euro kostet das Hilfsmittel, mit eingerechnet sind auch die Trainingsstunden, die jeder Patient bekommt. Diese Kosten werden von den Krankenkassen übernommen. „Wir stellen zuerst die Eignung für das Orthesensystem fest. Bei einem individuellen Gespräch nehmen wir bereits eine erste Einschätzung vor. Kommt der Einsatz die MyoPro beim Patienten infrage, unterstützen wir bei der Antragstellung auf Kostenübernahme“, erklärt John Frijters. So wird das nun auch bei Maurice Mehlhardt seinen Lauf nehmen. Zunächst muss er eine Verordnung haben, dann den Bescheid, dass die Kasse die Orthese übernimmt, bevor es erneut ein Treffen geben wird, bei dem der junge Mann dann genau vermessen wird, denn jede Orthese wird individuell angepasst. „Danach dauert es ungefähr vier bis sechs Wochen, bis sie fertig ist“, so der Fachmann. Was folgt sind dann noch 40 Stunden Training, um mit dem 2,5 Kilo schweren Terminator-Arm perfekt umgehen zu können. Natürlich ist Maurice Mehlhardt traurig, als er die Orthese wieder abgeben muss. Aber das gute Gefühl, das wird noch lange bleiben und die Hoffnung, dass er schnell eine Zusage seiner Krankenkasse bekommt.

Maßgefertigt sind auch die Sägeschablonen, die bei einer Knieoperation zum Einsatz kommen können. In der nächsten Folge erklärt der Wittmunder Chefarzt PD Dr. Matthias Lerch wie eine personalisierte Knie-OP verläuft.

Inga Mennen
Inga Mennen Thementeam Soziales
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