Wittmund - Neben vielen bekannten Weihnachtsliedern gehören auch etliche Martini-Lieder zu dem volkstümlichen Liedgut, das sich ein Leben lang einprägt. So gibt es immer wieder Männer und Frauen in hohem Alter, die hochdeutsche oder plattdeutsche Liedtexte fast fehlerfrei und in mehreren Strophen aufsagen können. Eine bewundernswerte Gedächtnisleistung dieser Menschen, aber zu ihrer Kinderzeit war ja das Martini-Singen einer der Höhepunkte im Brauchtumskreis des Winterhalbjahres.
Zwei Lieder sind in Ostfriesland entstanden
Es überrascht auch nicht, dass zwei der bekanntesten Martini-Lieder in Ostfriesland entstanden sind. Der Lehrer Georg van Jindelt (1836-1901) dichtete das bis heute beliebte Lied „Martinus Luther war ein Christ, ein glaubensstarker Mann, weil heute sein Geburtstag ist, zünd ich mein Lichtlein an…“. Und aus der Feder von Greta Schoon (1909-1991) stammt „Min lüttje Lateern, ick hebb di so gern. Du danzt dör de Straten, du kannst dat nich laten…“, das sich schnell verbreitete.
Die Tradition des Martini-Singens ist bis heute ungebrochen, wenn es auch hier und da regionale Unterschiede gibt, die Zahl der Akteure abnimmt und nicht wenige Haustüren verschlossen bleiben.
Es gibt zu dieser Zeit traditionelle Kindergarten- und Grundschulumzüge, in manchen Innenortsbereichen öffnen die Geschäfte zu einem späten „Martini-Shopping“, um schon mal nach Weihnachtsgeschenken Ausschau zu halten, und hier und da bieten die Schausteller sogar mehrtägige Martini-Märkte an.
In der aufkommenden Dämmerung des 10. November finden sich die Kinder mit ihren hell erleuchteten Laternen zusammen und ziehen allein, paarweise oder in kleinen Gruppen, manchmal auch verkleidet, singend von Haus zu Haus. Natürlich nicht ganz uneigennützig, denn sie werden für ihren Auftritt mit kleinen Gaben belohnt. Wenn früher Äpfel, Moppen, Pfeffernüsse und einige Pfennige gegeben wurden, haben sich nach und nach Vielfalt und Umfang der Geschenke mächtig gewandelt. Deutlicher Trend: Die Lieder werden kürzer – die Geschenke großzügiger. So werden heute in den meisten Fällen am Martini-Abend große Mengen Schokolade und Riegel aller Art, andere Leckereien und dazu so manche Euromünze eingeheimst.
Für Sankt Martin oder Martin Luther?
Immer wieder wird darüber diskutiert, ob das Kindertreiben nun dem Sankt Martin oder Martin Luther gilt. In der christlichen Zeit trat der Bischof Martin von Tours, dessen Begräbnistag der 11. November ist, an die Stelle älterer heidnischer Riten. Er ist der „Sünner Marten“ (Sankt Martin) aus dem 4. Jahrhundert und gilt als Patron der Hirten und Seefahrer. Mehrere Kirchen in Nordwestdeutschland tragen bis heute seinen Namen.
Reformator rückte in den Mittelpunkt
Später wurde Martini zum Martin-Luther-Abend umgedeutet. Der Reformator, der bekanntlich am 10. November Geburtstag hat, rückte in den Mittelpunkt der kindlichen Verehrung in den evangelischen Gemeinden. So wie einst Luther durch die Straßen zog, um sich durch Kurrenden-Singen ein Zubrot zu verdienen, streifen jetzt die Kinder von Haus zu Haus. In Ostfriesland denkt man also an Martin Luther, wenn von Martini die Rede ist. Ein Erinnerungstag an den Reformator der Neuzeit also, der den katholischen Kirchenheiligen abgelöst hat.
Farbenpracht der Laternen
Natürlich unterliegt das Martini-Brauchtum einem ständigen Wandel, denn sonst könnte es ja kaum weiterleben. Während früher von den Kindern oder Eltern die „Kipp-Kapp-Kögels“ in mühevoller Handarbeit hergestellt wurden, haben seit langem industriell gefertigte Laternen mit elektrischer Beleuchtung das Feld erobert. Die Farbenpracht der Laternenumzüge hat dadurch sehr zugenommen.
Aber nicht nur als Kinderfest, sondern auch im Rechtsleben hatte der 10. November früher seine Bedeutung. So standen zu Martini häufig Neuverpachtungen von Ländereien an, waren Zeit- und Erbpachtgelder fällig oder „Martini-Gefälle“ (Abgaben) an die Kirchen- und Schulgemeinden zu leisten.
Erntejahr war abgeschlossen
Hinzu kamen verschiedene Abgaben an den Landesherrn, die zu diesem Zeitpunkt fällig waren. Natürlich hatte es Sinn, den „Martini-Tag“ zu wählen, denn spätestens zu diesem Termin waren die Feldfrüchte unter Dach und Fach, das Vieh aufgestallt, das Erntejahr für die ländliche Bevölkerung abgeschlossen. In guten Jahren war man zu dieser Zeit auch gut bei Kasse; in schlechten Jahren natürlich weniger. „Sankt Martin ist ein harter Mann, für den, der nicht bezahlen kann“ lautet ein altes Sprichwort.
So lagen Freude und Kummer auch an diesem Tag dicht beieinander.
