Oldenburg - Die Fleischerzeugung in Deutschland gerät zunehmend in die öffentliche Kritik. Dies gilt vor allem für die konventionelle Geflügel- und Schweinefleischproduktion. Schlagwörter wie Massentierhaltung, Ferkel-Kastration oder Qualzucht beherrschen die Schlagzeilen.
Kritik der Kammer
Die Landwirtschaftskammer Niedersachsen kritisiert, dass die Erzeuger, also die Landwirte, in dieser Diskussion nur selten Gehör finden. Und sieht sie in einem großen Dilemma: „Die Gesellschaft erwartet von den Erzeugern, dass sie gesundheitlich unbedenkliche Produkte kostengünstig an den Markt bringen und zugleich alle Aspekte des Tier-, Verbraucher-, Umwelt- und Klimaschutzes berücksichtigen. Damit sind häufig Zielkonflikte verbunden“, meint Dr. Albert Hortmann-Scholten, Leiter der Abteilung Betrieb und Markt der Kammer in Oldenburg.
Zwei weitere Punkte nennt Dr. Ludwig Diekmann, Leiter der Abteilung Tierzucht und Tierhaltung. Fleisch werde von Supermärkten mit Sonderangeboten als Lockmittel benutzt, und der Verbraucher habe „althergebrachte Vorstellungen von Tierhaltung“.
Die Anforderungen an die Nutztiere haltenden Landwirte würden immer größer, sagt Kammerexperte Dr. Heiko Janssen. Er nennt mehr Fläche pro Tier, zunehmende Ansprüche an das Liegen und Bewegen sowie an Sauberkeit und Hygiene und an das Stallklima hinsichtlich Luftqualität oder Temperatur. Aber auch die Ansprüche der Menschen wüchsen: die der Mitarbeiter hinsichtlich verbesserter Arbeitsplatzbedingungen und die der Anwohner hinsichtlich Geruch oder Geräuschpegel sowie der Optik der Stallanlagen. Aus all dem zieht Janssen den Schluss, dass Ställe in Zukunft eher noch größer werden. Und er betont, „dass sich die Tierhaltung in diesen Ställen am Ende mit den entstandenen Kosten und erzielbaren Erlösen auch wirtschaftlich tragen muss“.
Die Landwirtschaftskammer weist daraufhin, dass sich in letzter Zeit schon viel getan habe. Diekmann nennt unter anderem den Tierschutzplan des Landes Niedersachsen, der „beteiligte Akteure aus der gesamten Wertschöpfungskette inklusive Wissenschaft und NGOs an einen Tisch geholt hat“, um mehr Tierschutz und Tiergerechtigkeit zu erreichen. Hortmann-Scholten weist auf die Bemühungen von Lebensmittelhandel und Schlachtbranche hin, ein nationales Tierwohllabel zu kreieren. Landwirte, die hier mitmachen, sollen künftig finanziell belohnt werden, wenn sie über das gesetzliche Maß hinaus Kriterien erfüllen, die dem Tierwohl dienen.
Diekmann sagt, dass in den vergangenen Jahren die Tierhalter ihre Stallungen aus Gründen der Seuchenvorsorge abgeschirmt und die Öffentlichkeit ausgeschlossen haben. Er fordert „mit Hinblick auf Rückgewinnung von Vertrauen Tierhaltung wieder anschaubar zu machen“, zum Beispiel mit Tagen der offenen Tür. Das hält auch Kammer-Präsident Arendt Meyer zu Wehdel für außerordentlich wichtig. Die aktuelle konventionelle Schweinehaltung müsse „der Öffentlichkeit so gezeigt werden wie sie wirklich ist: nicht romantisch, aber auch nicht skandalös“.
Fleisch aus dem Ausland
Hortmann-Scholten sieht vor allem kleinere Schweinehaltungsbetriebe vor dem Aus: „Die im internationalen Vergleich deutlich höheren Umweltstandards und Kosten für Tierschutz belasten die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Schweinehalter und werden mittelfristig dazu führen, dass die Erzeugung weiter sinkt und vor allem kleinere Betriebe aus dem Markt ausscheiden“, ist er sich sicher. Diesen Trend gebe es bereits seit 2011. Im Gegenzug kämen immer größere Mengen Schweinefleisch aus dem Ausland auf den deutschen Markt „und bei diesen Produkten ist nicht sicher, zu welchen Umwelt-, Tierschutz- und Sozialstandards sie erzeugt worden sind.“
