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Besuch Beim Biogas-Bauern In Bookhorn Der Misthaufen als Batterie

Bookhorn - „Die Nährstoffproblematik in der Landwirtschaft muss man im großen Zusammenhang sehen“, sagt Arnd Schwarting, Landwirt und Betreiber der Biogasanlage Welsetal 1. Die Berichterstattung zur neuen Düngeverordnung nahm er zum Anlass, der NWZ seinen Betrieb und seine Perspektive zu erklären. Denn Biogasanlagen haben einen anhaltend schlechten Ruf – zu Unrecht, findet Schwarting.

„Die Grenze von 170 Kilogramm für Stickstoff in der landwirtschaftlichen Düngung greift hier in der Region gar nicht“, erklärt er, „weil Phosphor der limitierende Faktor ist.“ Bei diesem stoße man lange vorher an erlaubte Grenzen. „Schweinegülle und Geflügelmist enthalten sehr viel Phosphor. Wir müssen mineralischen Stickstoffdünger dazukaufen, um diesen Anteil auszugleichen.“

Zu viele Nährstoffe

Tatsächlich werden die Substrate, die durch die Biogasanlage laufen, je nach Anwendungszweck mit anderem Dünger versetzt. „Viele Menschen wissen gar nicht, dass Düngerzugabe ein großer Faktor ist“, sagt Schwarting.

Der Export eines Teils der Gülle und der Substrate sei notwendig, da sie durch die Tierhaltung zu viele Nährstoffe enthalten, die hier nicht sinnvoll gedüngt werden können. „Wenn wir die Veredelung in der Landwirtschaft aufrechterhalten wollen, sind wir auf den Nährstoffexport angewiesen.“ Jede Verschärfung der Düngeverordnungen erhöhe den Druck, Abnehmer für diese Überschüsse zu finden. Schuldzuweisungen, wie sie im Rahmen der Diskussion um die Verschärfung der Düngeverordnung passieren, empfindet Schwarting als „keinen guten Ansatz.“

Die Biogasanlage Welsetal 1 wurde 2005 gebaut und gehörte zu den ersten Anlagen überhaupt in der Region. „Da war es noch relativ einfach“, blickt Schwarting zurück. „Es gab 23 Paragrafen und eine einheitliche Vergütung durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz. Das war eine tolle Zeit.“

Durch den massenhaften Anbau von Mais und die Folgeschäden für die Landwirtschaft gerieten Biogasanlagen in späteren Jahren in die Kritik. Für Arnd Schwarting spielt der Mais jedoch keine dominierende Rolle mehr. „Wir haben mit 80 Prozent Maissilage angefangen, fast ohne Gülle, heute sind es nur noch 30 Prozent Mais.“

Dafür sorgten nicht nur eine Änderung des sogenannten „Güllebonus“ in 2009, die Anlagen mit mindestens 30 Prozent tierischen Exkrementen im Substrat fördert, sondern auch gestiegene Preise für Silomais von ehemals 18 auf über 35 Euro pro Tonne. „Das kann eine Biogasanlage auch nicht bezahlen“, sagt Schwarting. Zumal seine Situation atypisch ist: „Ich bin ein Exot, weil ich fast alle Produkte vor Ort einkaufe. Der Mais kommt hauptsächlich von anderen Feldern.“ Von den 80 Hektar, die Schwarting selber bewirtschaftet, werden zehn Hektar für Silomais genutzt.

Eine Vision des Niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums für die Zukunft von Biogasanlagen ist die Funktion als „Nährstoff-Drehscheibe“, erklärt Schwarting. Nährstoffüberschüsse sollen reduziert und regional passende Substrate erzeugt werden. „Wir verarbeiten aktuell 8000 Tonnen Gärreste pro Jahr. Davon werden 1000 Tonnen als Feststoff separiert und exportiert.“

EEG - Das Erneuerbare-Energien-Gesetz

Das Ziel des EEGs ist es, die Einspeisung von Strom aus erneuerbaren Quellen zu fördern und zu regeln.

Der Anteil erneuerbarer Energien am Bruttoverbrauch der Stromversorgung soll bis 2025 auf 40 bis 45 Prozent gesteigert werden. Der jeweils nächstgelegene Netzbetreiber ist verpflichtet, Strom aus örtlichen EEG-Anlagen vorrangig einzuleiten.

In 2018 hatten „biogene Brennstoffe und Gase“ einen Anteil von 51,3 Terrawattstunden – 12 Prozent – an der Energiebereitstellung aus erneuerbaren Quellen.

Durch die Abtrennung der Flüssigkeit kommt es zu einer Nährstoffverdichtung in den festen Anteilen. „Der Phosphor wird im Flüssigteil weniger stark gebunden“, erklärt Schwarting, „weshalb das hier dann auf die Felder gebracht werden kann.“ Eine Biogasanlage sei aber kein Nährstoffvermehrer, betont er. Zusätzlich verändere sich die Zusammensetzung des Substrats immer wieder. „Es gibt ,die eine Biogasgülle’ gar nicht, die Nährstoffgehalte schwanken zu sehr.“ Dazu werden Proben im laufenden Betrieb entnommen. „Es gibt auch ständig neue Erkenntnisse, etwa bei der Zusammensetzung von Tierfutter“, sagt Schwarting.

Rund 2,3 Millionen Kubikmeter Biogas erzeugt die Anlage Welsetal 1 pro Jahr – 300 Kubikmeter pro Stunde –, was in 4,4 Millionen Kilowatt Strom umgewandelt wird. „Die Effizienz ist fast doppelt so hoch wie bei klassischen Kraftwerken, wenn die Wärme genutzt wird“, berichtet Schwarting nicht ohne Stolz. Rund 70 Prozent des Strombedarfs in der Biogasanlage werde zudem durch eigene Photovoltaik abgedeckt, 1200 Kilowatt insgesamt.

Das Konzept Biogasanlage sieht Arnd Schwarting nach wie vor als alternativlos an. „Biogas ist der einzige regenerative Energieträger, der flexibel bereitgestellt werden kann“, sagt er. Vor allem die sogenannte Dunkelflaute von Wind- und Solarstromeinspeisung könne mit Biogas überbrückt werden, um Strom, Wärme und Gas-Ersatz zu liefern. „Wir haben hier viele Tiere und sehr hohe Energiezahlen, können selber Wärme erzeugen und Abfallstoffe in Energie umwandeln. Das hat mich von Anfang an fasziniert.“

Ein enormer Aufwand

Ein zusätzliches Einkommen sei anfangs auch ein Grund für den Bau der Biogasanlage gewesen, sagt Schwarting, allerdings habe sich der Aufwand im Laufe der Jahre enorm vergrößert. Den Hersteller seiner Anlage gibt es gar nicht mehr, was die Reparaturkosten anwachsen lässt, dazu kommen gestiegene rechtliche Anforderungen. Seine Familie erledige sehr viele der anfallenden Arbeiten selbst, so Schwarting, trotzdem beschäftigt er mittlerweile zwei Halbtagskräfte nur allein für den Betrieb der Biogasanlage. „Der Verwaltungsaufwand ist enorm.“

Insgesamt 20 Jahre lang wird die Anlage Welsetal 1 nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz zu gleich hohen Bedingungen gefördert – neue Anlagen haben diesen Luxus nicht mehr. „Für die gibt es keine feste Vergütung mehr“, erklärt Schwarting. „Das hat auch einen Grund; die Anlagen müssen von selbst tragbar sein.“ Neuanlagen sind jetzt bereits gedeckelt bei 14,5 Cent pro Kilowatt Strom, was eine wesentlich bessere Wärmenutzung erforderlich mache.

Auf die Frage, ob er selber weitermachen will, wenn seine Biogasanlage ab 2025 den freien Marktbedingungen unterworfen wird, schmunzelt Schwarting. „Wenn sich das ergibt, will ich nicht aufhören. Mir macht es zu viel Spaß, in der Praxis Lösungen für das Thema zu entwickeln“, sagt er.

Arne Haschen
Arne Haschen Digitalteam Wesermarsch
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