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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Landwirtschaft

Die neue Lust auf heimische Erzeugnisse

20.09.2018

Erzeugnisse aus der Region erfreuen sich immer größerer Beliebtheit, denn die Deutschen interessieren sich vermehrt dafür, woher ihr Obst, Gemüse und Fleisch kommt und wie es erzeugt wurde. Die Gründe dafür sind vielfältig. Ursula Hudson, Vorsitzende von Slow Food Deutschland, erläutert sie im Interview.

Frage: Warum sind regionale Erzeugnisse derzeit so gefragt?

Ursula Hudson: Da spielt sicherlich verschiedenes mit rein. Menschen bekommen inzwischen mit, dass man sich als Verbraucher auf Verpackung, Beschreibung und auch Etikettenangaben nur bedingt verlassen kann, wenn man – wie es Slow Food seit seinen Anfängen in den 80er Jahren fordert – wissen will, wo sein Essen herkommt, wer es wie erzeugt hat. Hinzu kommt, dass inzwischen auch die Medien deutlich differenzierter über unsere Lebensmittel, ihre Herkunft und Erzeugungsweise berichten. Die gravierenden Spuren, die unser aktuelles Lebensmittelsystem auf dem Planeten hinterlässt, verschweigen viele Journalisten nicht mehr und tragen zur Aufklärung was die Auswirkungen und Folgen unserer Ernährungsweise angeht, bei. Die Auseinandersetzung mit dem Thema Ernährung freut uns bei Slow Food grundsätzlich. Trotzdem muss ich leider sagen, dass die Aufmerksamkeitsspanne weiterhin relativ kurz ist und dementsprechend auch das Handeln nicht unbedingt geändert wird.

Frage: Was bedeutet das konkret?

Ursula Hudson: Viele Verbraucher wünschen sich – verständlicherweise – weniger Komplexität, und suchen nach einfachen Lösungen. Da ist Regionalität für viele ein „gefundenes Fressen“. Regionalität ist zu einem echten Trend und Verkaufsschlager geworden, mit dem auf Warenetiketten inflationär geworben wird. Doch handelt es sich zumeist um vermeintliche Regionalität. Außerdem sagen wir bei Slow Food: Regionalität, als Distanz und Raum gefasst, macht noch lange keine Lebensmittelqualität. Siegel wie „Aus der Region“ und „Von lokalen Erzeugern“ sind weder geschützt noch geografisch einheitlich definiert. Einigen ist das nicht bekannt, andere wollen es gar nicht wissen. Wenn ich als Verbraucher Regionalität leben und erfahren möchte, dann muss ich diese zumeist außerhalb konventioneller Supermärkte suchen. Dort, wo nicht die Masse, der Preis, die Lagerfähigkeit und die einwandfreie Optik über das Sortiment entscheiden. Diejenigen, die aber einmal auf den Geschmack frischer, zukunftsfähig erzeugter und nahrhafter Lebensmittel aus ihrer Region gekommen sind, wollen meistens mehr davon. Das ist das Schöne!

Frage: Welche Argumente sprechen für den Einkauf beim lokalen Lebensmittelerzeuger?

Ursula Hudson: Sehr viele. Genau das erfüllt die Grundforderung von Slow Food: wissen, woher das Essen kommt, wie es erzeugt und gemacht wird und von wem. Essen ist der Beziehungsstifter schlechthin und das schließt den Lebensmitteleinkauf mit ein. Hier geht es um die Beziehung zwischen Erzeuger und Verbraucher, die idealerweise auf Vertrauen, Kenntnis und Transparenz fußt. Wenn wir klein- und mittelständische Betriebe, die ökologisch wirtschaften, mit unseren Einkäufen unterstützen, fördern wir eine Landwirtschaft, die auf die jeweiligen Begebenheiten ihrer Region angepasst produziert und in Zukunft Bestand hat. Das spart Transportwege und schont das Klima. Wir befreien Erzeuger außerdem von dem teils enormen Preisdruck großer Handelsketten, verstehen die Arbeit und die Freude, die hinter Lebensmittelerzeugung stecken. Wir verstehen dann hoffentlich immer mehr, warum diese ihren Preis haben, welcher natürlicherweise auch mal schwankt. Die Qualität des Konsums und die Wertschätzung für das einzelne Produkt kann so insgesamt wieder wachsen. Lokale und regionale Vernetzung übt außerdem politischen Druck aus. Die Entscheidungsträger verstehen, dass Ernährung wieder Aufgabe der Regionen als fester Bestandteil von Regional- und Lokalpolitik sowie von Stadtentwickelung sein muss.

Frage: Viele glauben, dass Bioprodukte grundsätzlich besser sind. Was sagen Sie dazu?

Ursula Hudson: Ich sage, dass ökologisch erzeugte Ware definitiv besser ist. Diese bezieht sich aber nicht notwendig auf solche mit einer Biozertifizierung. Letztere ist zwar eine äußerst wichtige Ausweisung über die Anbau- oder Erzeugungsweise für alle, die keine andere Möglichkeit haben, als sich daran zu orientieren. Es gibt aber auch noch mehr Nuancen zwischen schwarz und weiß – beispielsweise Bauern, die im Nebenerwerb wunderbare ökologisch erzeugte Kartoffeln anbauen, die großartig schmecken, aber kein Biolabel tragen. Doch die zu kennen, ist nicht jedermann möglich, auch nicht, deren Erzeugungsweise zu bewerten. Und schon wären wir wieder bei unserem Credo, zu wissen, wer in meiner Region was wie anbaut und erzeugt.

Frage: Im Biobereich gibt es mittlerweile viele Siegel. Welche sind verlässlich?

Ursula Hudson: Grundsätzlich sind Biosiegel ein hilfreiches und gesetzlich geregeltes Orientierungsinstrument für den Einkauf. Darin liegt deren Verlässlichkeit. Doch haben wir in Deutschland verschiedene Siegel, denen verschiedene Kriterien und Anforderungen zugrunde liegen, was es für viele Verbraucher unübersichtlich macht. Darunter gibt es solche, deren Standards in Anbau und Weiterverarbeitung weitaus höher sind, als bei anderen. Geht es aber um eine lückenlose Rückverfolgbarkeit von Liefer- und Verarbeitungsketten, dann wird es auch bei Biosiegeln schnell eng. Für mich besteht die Problematik eines jeden Siegels grundsätzlich darin, dass wir Gefahr laufen, Verbraucher unmündig zu machen und sie von ihrer Verantwortung zu befreien, dem Lebensmittel und der Nahrungszubereitung mit ausreichend Zeit und Kopf und kritischem Vermögen zu begegnen. Wirklich auflösen lässt sich die Komplexität unseres Lebensmittelsystems durch diese ganze Labeldiskussion nicht.

Frage: Worauf sollten Verbraucher bei der Auswahl von Fleisch, Milch, Gemüse und Obst generell achten?

Ursula Hudson: Aus Slow-Food-Sicht natürlich, dass die Erzeugnisse „gut, sauber und fair“ sind. Sie sind gut, wenn sie unsere fünf Sinne ansprechen und beim Essen schlicht Freude bereiten. Sie sind sauber, wenn sie naturbelassen sind oder auf traditionell handwerkliche Art und Weise weiterverarbeitet wurden. Das Grundnahrungsmittel als solches müssen wir herausschmecken können. Fair bedeutet einerseits, dass das Produkt sowohl für den Erzeuger als auch für den Käufer einen angemessenen Preis hat. Andererseits erfordert es, dass die Erzeugung und Weiterverarbeitung des Produkts Mensch, Tier und Umwelt nicht schaden. Am meisten Verlass ist hier auf die ökologische Landwirtschaft, die auf Chemie und Monokulturen verzichtet sowie auf traditionelles Lebensmittelhandwerk, welches ohne industrielle Helferlein auskommt. Bei Gemüse und Obst sollten die Verbraucher natürlich darauf achten, dass ihre Lebensmittel ökologisch und saisonal erzeugt wurden und aus der Region kommen. Sie sollten wieder Freude daran entwickeln, mit frischen und nahrhaften Lebensmitteln selber zu kochen, anstatt verarbeitete Lebensmittel zu essen. Was tierische Produkte angeht, sind die Haltungs- und Weiterverarbeitungsprozesse relevant sowie ein reduzierter Konsum.

Slow Food bietet bundesweite Bildungsangebote und Aktionstage und führt Verbraucher an Ursprung, Weiterverarbeitung sowie Genuss von Grundnahrungsmitteln herant. Ziel ist es, das Lebensmittelhandwerk, die Arten- und Sortenvielfalt sowie die kleinbäuerliche Landwirtschaft zu erhalten und wertzuschätzen.


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