Oldenburg - Den Begriff „gesunde Ernährung“ mag sie eigentlich gar nicht. „Ich spreche lieber von leichter, vollwertiger Ernährung“, sagt Karin Nichter-Wolgast. „Das trifft die Sache besser, impliziert auch Genuss. Und Genuss ist bei der Ernährung ein ganz wichtiger Faktor.“

Nichter-Wolgast ist bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen – zusammen mit ihrer Kollegin Maria-Theresia Genn und sechs weiteren Mitarbeiterinnen in den Bezirksstellen – zuständig für Fragen rund um die Ernährung, Lebensmittelqualität und -hygiene. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, möglichst viele Menschen über Lebensmittel und Ernährung aufzuklären: Wie kommen Lebensmittel vom Acker auf den Teller? Welche Qualität haben unsere Nahrungsmittel? Wie sieht eine nachhaltige, präventive und vollwertige Ernährung aus? Wie erreichen wir durch unser Ernährungsverhalten mehr Lebensqualität? Was für eine Esskultur wollen wir?

Die Kochkompetenz der Deutschen sei lange Zeit zurückgegangen, bedauert Nichter-Wolgast. Dies habe vor allem mit der stärkeren Berufstätigkeit der Frauen, der zunehmenden Flexibilisierung der Berufswelt und dem vermehrten Technikeinsatz in den Haushalten zu tun. Die Industrie habe hierauf mit immer bequemeren Lebensmittelprodukten – dem „Convenience Food“ – reagiert. „Viele Kinder sind inzwischen auf diesen Geschmack trainiert und wollen nichts anders mehr“, bedauert die studierte Ökotrophologin. Die Menschen müssten wieder ihren eigenen Geschmack finden. Dann würden sie auch wieder die richtigen Essensentscheidungen treffen.

Die acht Damen von der Landwirtschaftskammer – ja, es sind nur Frauen – arbeiten an einem Umdenken in der Bevölkerung. Dazu erstellen sie Informationsmaterial für die Verbraucher, halten Vorträge, erstellen Konzepte für die Beratungs-, Informations- und Bildungsarbeit, halten Seminare ab, bilden Ernährungsfachkräfte aus und weiter, arbeiten in Netzwerken der Region mit und in Projekten mit Bezug zu Themen wie Hauswirtschaft und Schule, Bauernhof und Schule, regionale Produkte oder gesunde Ernährung. Nichter-Wolgast sieht in der Ernährungsbildung ein ganz wichtiges Feld unserer Gesellschaft.

Die 52-Jährige, in Hessen aufgewachsen, seit 1988 bei der Landwirtschaftskammer und selbst Mutter von zwei Kindern, sieht seit einiger Zeit durchaus Anzeichen, dass sich breite Bevölkerungskreise intensiver mit ihrer Ernährung beschäftigen. „Die Wertschätzung für Lebensmittel wächst. Und neben der Qualität spielt dabei auch die Quantität eine Rolle“, hat sie festgestellt. Wer Lebensmittel wegschmeiße, vernichte sie nicht nur ohne Sinn, sondern verursache auch Kosten und schätze die in ihnen steckende Arbeitskraft gering.

Lange Zeit gab es beim Thema Ernährung nur die naturwissenschaftliche Sicht: Hunger stillen, die wichtigsten Ernährungsbausteine zu sich nehmen, erklärt Karin Nichter-Wolgast. Heute habe Ernährung auch eine soziologische, ethische ja sogar philosophische Dimension. Ernährung werde neue Formen entwickeln, zum Beispiel als Kommunikationsmittel oder Event-Ereignis. Und, so die Ernährungsexpertin: „Der Genuss wird uns leiten, die richtige Ernährungsentscheidung zu treffen.“