Oldenburg/Neusüdende - „Ist das cool!“, ruft Paula. „Guck’ doch mal, wie viele das sind! Geil!“
Paula Willems ist 20 Jahre alt und war noch nie auf einer Demo. Jetzt sitzt sie oben auf ihrem Case Farmall, der 115-PS-Diesel schüttelt die Fahrerkabine. Vor Paula: Trecker. Hinter Paula: Trecker. Am Straßenrand: Menschen, die Trecker filmen mit ihren Smartphones. An manchen Treckern kleben Schilder, „Auch wir haben Respekt verdient!“ steht darauf, „No Farmers, no Food, no Future“, „Ist der Landwirt ruiniert, wird Dein Essen importiert“.
Paula strahlt.
9.15 Uhr, Hof Ahlers, Neusüdende
Paula ist eigentlich ein Stadtkind, sie wohnt in Oldenburg-Eversten. Nach einem Praktikum auf dem Bauernhof verwarf sie den Plan, Abitur zu machen. „Ich war total begeistert“, sagt sie. Sie machte eine Landwirtschaftslehre, jetzt besucht sie die Fachschule, danach will sie ihren Meister machen. „Ich will im Stall arbeiten“, sagt Paula, am liebsten mit Kühen, „ich brauche Tiere auf Augenhöhe“. Bauer, schwärmt Paula, ist der schönste Beruf der Welt.
Viele Leute sehen das anders. Bauern quälen Tiere, sagen sie. Bauern verschmutzen die Umwelt, vergiften das Grundwasser, verschandeln die Landschaft. Paula kann es oft nicht fassen, was den Bauern nachgesagt wird. Sie wundert sich, wie wenig viele Menschen über Bauern und Landwirtschaft wissen. Und sie wundert sich über Politiker, die Landwirtschaftspolitik an den Landwirten vorbei machen. Die Gesetze beschließen, die immer mehr kleinere Betriebe zum Aufgeben zwingen.
Paula Willems Bild: Krogmann
Auf dem Hof von Dieter Ahlers in Neusüdende, Paulas Lehrbetrieb, wirft Paula den Diesel an, vier Trecker nehmen Kurs auf Oldenburg. „Die Leute können dem Thema im Internet und im Supermarkt jeden Tag aus dem Weg gehen“, sagt Paula oben auf ihrem Case. „Heute nicht.“
9.45 Uhr, Hof Klockgether, Wahnbek
Sammelpunkt bei Klockgether in Wahnbek, immer mehr Trecker rollen an. Dieter Ahlers, 100 Hektar Ackerland, 70 Rinder, 400 Schweine, erinnert sich an seine Kindheit. Damals, in den 70ern, sei das doch losgegangen, sagt er: „Die Molkereien holten die Milchkannen nicht mehr ab von den Höfen.“ Beim Milchfahrer im Garten hätten die Bauern aus dem Dorf feierlich die letzte Milchkanne begraben, das war lustig. Nicht so lustig war es, dass plötzlich die ersten Höfe verschwanden. „Wer nur zwei, drei Kühe hatte, musste Schluss machen.“
Ahlers kann viele solche Geschichten erzählen. Zum Beispiel von der Genossenschaft, die sagte: Wegen 20 Ferkel kommen wir nicht mehr zu Dir, das lohnt sich nicht. Damals, in den 80ern, sollten die Bauern neue Ställe bauen und immer mehr Tiere anschaffen. Wieder gaben Betriebe auf.
Ahlers ist Jahrgang 1962. Damals, sagt er, gab es 40 Bauern in Neusüdende. „Heute sind wir sechs.“
Rote Trecker, grüne Trecker, blaue Trecker, bunte Schilder. Weiter geht’s.
11 Uhr, Oldenburg Weser-Ems-Halle
Um 11 Uhr soll die Kundgebung auf dem Gelände neben der Weser-Ems-Halle beginnen, aber das geht nicht: Immer mehr Trecker rollen an, sie hupen, tröten, pfeifen. 2000 sollen es am Ende sein.
Über Handy kommen ständig neue Informationen rein. Bis zu „McDonald’s“ in Osterburg sollen sich die Trecker stauen, sagt einer. Die Peterstraße ist komplett dicht, weiß ein anderer.
Busse halten, Bauern steigen aus. Die Molkerei Rücker verteilt Käse an Polizisten. Auf einen Anhänger hat jemand groß „Esswagon“ geschrieben hat. Aus dem Innern duftet es nach Grill, ein Bauer verteilt Würstchen und Buletten.
Trecker-Schilder: „Ist der Landwirt tot, gibt es kein Brot!“ „Böser Bauer, du, du, du, aber Bio aus Peru!“ „Keine Bauern, kein Bier!“
12.05 Uhr, Oldenburg Weser-Ems-Halle
Es kommen immer noch Trecker an, die Veranstalter beginnen trotzdem mit der Kundgebung. Dörte Oeltjen aus Westerloy tritt als erste ans Mikrofon. Hinter der Demo steckt keiner der großen Verbände, sondern eine Facebook-Gruppe: „Land schafft Verbindung“. Es sollen deshalb auch keine Funktionäre sprechen, sondern „normale“ Landwirte. Dörte Oeltjen, 28 Jahre alt, ist Bäuerin, Mutter – und diejenige, die die Veranstaltung in Oldenburg angemeldet hat.
Bitte, sagt Oeltjen zuerst: Gebt der Presse keinen Grund für Negativschlagzeilen!
Es hat Gerüchte gegeben im Vorfeld, über Gegendemonstrationen, über Bauerngegner, die nur darauf warten würden, „Bauern schlecht zu machen“. Paula hat auf ihrem Trecker die beiden wichtigsten Verhaltensregeln aufgezählt. Erstens: Bloß keinen Gegendemonstranten berühren; er könnte ja versuchen, so zu tun, als sei er von einem Bauern geschlagen worden. Zweitens: Haltet euch an die Verkehrsregeln.
„Wir haben hier was Großes laufen“, sagt Oeltjen. Und: „Wenn wir heute nicht gehört werden, dann kommen wir wieder!“
Auch Keno Veith spricht, der durch „YouTube“ bekannt gewordene „schwatte Ostfreesenjung“ aus Friesland – und zwar ausnahmsweise auf Hochdeutsch. „Es ist Wahnsinn, was hier passiert“, sagt er.
Keno Veith war auch auf der Agrardemo in Oldenburg. Bild: Claus Hock
13 Uhr, Oldenburg Maastrichter Straße
Abfahrt. Ein anderer Schlepper, eine andere Bäuerin: Am Steuer sitzt Saskia Zoll, 22 Jahre alt, ebenfalls ein Stadtkind, „mitten aus der Wohnsiedlung in Oldenburg-Kreyenbrück“. Sie wollte immer was mit Tieren machen, über einen Freund kam sie zur Landwirtschaft.
Auf der Maastrichter Straße stauen sich die Trecker, ach was, im ganzen Stadtgebiet stauen sie sich. Die Polizei wird später melden, dass die Demo friedlich verlaufen sei, es aber „starke Verkehrsbeeinträchtigungen“ gegeben habe. Die Trecker-Konvois seien bis zu 20 Kilometer lang gewesen sei.
Am Straßenrand verteilen Junglandwirte Butterkuchen. Erst gegen 16.30 Uhr wird der letzte Trecker das Gelände verlassen haben.
Im Schritttempo fährt Saskia an wartenden Kollegen vorbei. „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“ steht auf einem Trecker-Schild. „Fährt der Bauer keinen Mist, bleibt der Boden grau und trist!“ heißt es auf einem anderen. „40-Stunden- Woche? Dann ist doch erst Mittwoch!“ lautet der Spruch auf einem dritten Schild.
„Ich finde es überwältigend“, sagt Saskia. „Die Bauern haben alle so viel Arbeit. Die müssen noch so viel Getreide fahren, und jeder Milchviehhalter hier musste heute jemanden finden, der für ihn melken geht. Und trotzdem sind sie alle heute hier!“
Saskia Zoll Bild: Krogmann
Saskia sagt, sie hoffe, dass jeder Politiker, jeder Verbraucher heute verstanden habe, dass es ohne Bauern nicht geht, „und dass wir da sind“.
Und wenn nicht?
„Dann müssen wir das eben jeden Monat machen“, sagt Saskia. Sie blickt sich um. Vor ihr: Trecker. Hinter ihr: Trecker. Auf dem Seitenstreifen: Trecker. Ein Zuschauer reckt den Daumen. Saskia strahlt: „Wahnsinn!“
