Varel/Oldenburg - Der Kuhstall wird digital. Mechanisierung war gestern. Jetzt übernehmen die Sensoren den automatisierten Kuhstall. Landwirtschaft 4.0 in der Milchviehhaltung.
Das sagt der Experte
„Melken, Füttern, Stall ausmisten – diese Arbeiten haben Automaten dem Landwirt in einem modernen Milchviehbetrieb schon vor Jahren abgenommen. Mit der Digitalisierung erfassen nun Sensoren an der Kuh diverse Daten, die dann durch einen Prozessrechner zusammengeführt, verglichen und dem Landwirt per App auf dem Handy zur Verfügung gestellt werden“, beschreibt Dirk Albers, Fachreferent für Rinderzucht und Rinderhaltung bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen in Oldenburg, die derzeitige Entwicklung.
Das sagt der Praktiker
Auf dem Hof Kaper in Varel-Jeringhave (Kreis Friesland) kann man erfahren, wie das aussieht – wie kürzlich bei einem Tag des offenen Hofes. „Wir mussten die Zukunftsfähigkeit des Hofes sichern und wollten ein besseres Umfeld für Tier und Mensch schaffen“, begründet Betriebsleiter Lars Kaper eine für den Hof riesige Investition. Eine Halle, so groß wie ein Fußballfeld, 240 Kühe, die sich hierin frei bewegen können, vier Melkroboter als zentrales Element in der Mitte der Halle. Tellergroße Scheiben „schweben“ über den Kühen – das Kuhortungssystem per GPS. „Die Kuh kann im Stall machen, was sie will: laufen, liegen, fressen, zum Melken gehen, wann sie will“, beschreibt Jan Grimm vom Technikausrüster Lely das System.
Die überwachte Kuh
Arbeitserleichterung für den Landwirt und Verbesserung des Tierwohls nennt Experte Albers als Sinn und Zweck der Übung. „Die ganzen Daten ermöglichen dem Landwirt ein frühes Eingreifen bei Auffälligkeiten. Er kann sich gezielter um bestimmte Tiere kümmern. Die Gesundheit seiner Herde, die Qualität seiner Milchviehhaltung und seines Produkts Milch steigen.“ Und Grimm von Lely weiß: „Gesündere Kühe brauchen kaum Antibiotika. Wir haben Landwirte, die fast komplett mit homöopathischen Mitteln auskommen.“
Eines aber ist auch klar: Die Digitalisierung wird den Strukturwandel in der Milchviehwirtschaft weiter treiben. Die Investitionen erfordern eine gewisse Betriebsgröße, vor allem aber eine ausreichende Kapitaldecke, und die Milchpreise müssen auch stimmen. „Vor allem technikaffinen Junglandwirten fehlt oft das Geld“, weiß Albers.
Die Erfahrung
Ein gutes halbes Jahr arbeiten Lars Kaper und seine Mannschaft nun schon in ihrem digitalen Kuhstall. „Für alle hat sich die Work-Life-Balance verbessert“, formuliert er es modern. „Wir können wieder Wochenenddienste und Urlaube planen.
Und die Kühe zeigen uns durch im Schnitt gut drei Liter mehr Milch pro Tag, dass sie sich im neuen Umwelt wohlfühlen.“
