Vordersten Thüle - Es war ein schreckliches Bild, dass sich Johannes Roter am Freitagmorgen auf einer Wiese vor seinem Haus bot. Dort, direkt an der Bundesstraße 72 in Vordersten Thüle, hält der 52-jährige Landwirt 30 Heidschnucken. Einige davon lagen mit durchtrennter Kehle, aufgeschlitzten Bäuchen und fehlenden Gliedmaßen blutend im Gras. Sehr wahrscheinlich wurden sie Opfer eines Wolfes.

Gegen 7 Uhr erhielt Roter einen Anruf. Eines seiner Tiere sei ausgebrochen und laufe an der B 72 herum. Sofort schaute er nach dem Rechten und entdeckte die gerissenen Tiere. Eine Heidschnucke war wohl sofort tot. Fünf waren aber am frühen Morgen trotz zum Teil übelster Verletzungen noch am Leben. „Die hat er bei lebendigem Leib gefressen“, sagte Roter, der sich sicher ist, dass hier ein Wolf am Werk war.

Drei Tiere mussten direkt vor Ort von ihrem Leid erlöst werden. Zwei weitere verletzte Schafe haben den Angriff zwar überlebt, doch eines davon hat so schwere Wunden davongetragen, dass es vermutlich auch getötet werden muss. Drei der vier toten Tiere waren zudem tragende Muttertiere, die Ende März ein bis zwei Lämmer zur Welt gebracht hätten.

Für Johannes Roter ist der Anblick nur schwer zu ertragen. Er hält die Tiere als Hobby. Sie dienen auch dazu, eine Weide von ihm direkt an der Soeste, die hinter seinem Haus fließt, zu pflegen. „Dazu sind Schafe optimal geeignet.“

Erst vor drei Tagen hat er die Schafe auf die Weide vor dem Haus geholt, weil es dort trotz Winters noch immer saftiges grünes Gras zu fressen gibt. „Ich hätte nie damit gerechnet, dass sich ein Wolf hierher wagen würde, direkt an die viel befahrene Bundesstraße“, sagte Roter. Aber da habe er sich wohl leider getäuscht.

Ob es sich tatsächlich um einen Wolf gehandelt hat, wird jetzt ein DNA-Test zeigen. Arnold Aumüller, er gehört zu den Wolfsberatern im Landkreis Cloppenburg, hat am Freitag entsprechende Proben an Risswunden der toten Tiere entnommen. Auch er vermutet, dass es sich um einen Wolf gehandelt haben könnte.

Außerhalb der Schafweide habe er Pfotenabdrücke gefunden, die auf einen noch recht jungen Wolf hinweisen würden. Auch die Verletzungen an den Tieren seien wolfstypisch. So auch die Tatsache, dass bei einem toten Schaf versucht wurde, den Pansen aus dem Leib zu reißen. Im Gegensatz zum Hund mögen Wölfe keinen Pansen. Und dann ist es nicht nur ein totes Schaf, dass gerissen wurde, sondern gleich sechs Schafe wurden angegriffen. „Es ist eher unwahrscheinlich, dass es sich um ein anderes Tier gehandelt hat“, sagte Aumüller.

Wie das Tier auf die Weide gekommen ist, ist nicht ganz klar. An fünf Stellen am Zaun entlang der B 72 gibt es tiefe Kratzspuren. Wölfe sind aber auch durchaus in der Lage, einen ein Meter hohen Zaun wie in Vordersten Thüle zu überspringen.

Da es gut sein kann, dass das Tier in den nächsten Tagen nachts wiederkommt, wird Johannes Roter seine Heidschnucken vorerst abends im Stall einschließen. „Das ist sehr schade, da Schafe eigentlich viel lieber draußen sind“, sagte der 52-Jährige. Auch über den Bau eines wolfsicheren Zaunes mit 30 Zentimeter tiefem Untergrabschutz denkt er nach. Aber auch darüber, sein Hobby aufzugeben, sollte sich der Wolf immer weiter ausbreiten. Und er sagte: „Schafe übernehmen hier bei uns eine wichtige Rolle in der Landschaftspflege. In solche Regionen gehört der Wolf einfach nicht hin.“

In den vergangenen Monaten kam es im Landkreis Cloppenburg mehrmals zu Wolfsrissen. So in Löningen, zweimal an der Thülsfelder Talsperre, ein weiteres Mal in Vordersten Thüle und in Neuscharrel.

Carsten Bickschlag
Carsten Bickschlag Redaktion Münsterland (Leitung Cloppenburg/Friesoythe)