Rio De Janeiro - Ihr altes Leben als Speerwurf-Weltmeisterin holt Steffi Nerius manchmal immer noch ein. Erst in dieser Woche wurde ihre langjährige Rivalin Maria Abakumowa aus Russland des Dopings überführt, Nerius rückte nachträglich vom fünften auf den vierten Platz der Olympischen Spiele 2008 vor.
Doch die 44-Jährige, die bei den zurückliegenden Olympischen Spielen in Rio de Janeiro als Kolumnistin für die NWZ tätig war, zuckt darüber nur mit den Schultern. Sie ist aktuell als Trainerin bei den Paralympics in Rio aktiv – und dabei sogar noch erfolgreicher, als die Olympia-Zweite von 2004 es schon in ihrer Karriere als Athletin war.
Nerius’ Schützlinge sind Markus Rehm und Franziska Liebhardt, die beiden Gesichter der deutschen Leichtathletik bei diesen Weltspielen des Behindertensports. Liebhardt gewann bereits Gold im Kugelstoßen und Silber beim Weitsprung.
Und Rehm, der deutsche Paralympics-Star schlechthin, will beim letzten großen Wettkampftag an diesem Sonnabend ebenfalls im Weitsprung seine zweite Goldmedaille in Rio holen. „Mehr kann man nicht erreichen“, sagt Nerius: „Es ist für jeden Trainer toll, wenn man merkt, dass das Training anschlägt.“
Liebhardt leidet an einer unheilbaren Autoimmunkrankheit. Eine Lungen- und eine Nierentransplantation hat sie bereits hinter sich. Nach den Paralympics wird sie ihre Karriere beenden. Bei Rehm dagegen soll es nach Rio erst richtig losgehen. Der 28-Jährige ist längst über den Behindertensport hinausgewachsen. Er kämpft dafür, auch einmal bei großen Meisterschaften der Nicht-Behinderten mitzuspringen.
Unterschiedlicher können zwei Athleten kaum sein. Aber glaubt man Nerius, stehen beide für genau das, was die Paralympics in den vergangenen Jahren immer größer, leistungsstärker und attraktiver gemacht hat. „Beide sind sehr professionell, sehr ehrgeizig, sehr zielstrebig“, sagt sie.
Bei Rehm geht ihre Aufgabe über die der Trainerin hinaus. Er ist der Star des Deutschen Behindertensportverbandes, würde aber auch gern für den Deutschen Leichtathletik-Verband starten. Nerius kennt beide Seiten. Das macht sie zur Mittlerin in einem komplizierten Fall.
Anders als Rehm meint Nerius nicht, dass behinderte Athleten zusammen mit nicht-behinderten Athleten starten sollten. Sie sagt: Man könne beides nicht miteinander vergleichen. Gleichwohl unterstützt sie ihn in seinem Kampf.
„Es wäre gut für ihn, regelmäßig gefordert zu werden“, sagt Nerius: „Denn jeder Leistungssportler weiß doch, dass man nur dann das Letzte aus sich herausholen kann, wenn auch eine gewisse Konkurrenz da ist.“
