BARCELONA - Im Kopf hatte Verena Sailer den EM-Triumph schon lange vor dem Finale von Barcelona gefeiert. „Ich hatte das Bild vor Augen, als Erste über die Ziellinie zu laufen“, erzählte die 24-jährige Sprinterin nach dem 100-Meter-Coup am Donnerstagabend über ihre Vision. „Ich wollte es absolut. Ich wollte es das ganze Jahr. Ich habe mich nie als Außenseiterin gesehen.“ Dieser unbändige Siegeswille war der Treibstoff, mit dem sie in 11,10 Sekunden zu EM-Gold flitzte.

„Alfred Hitchcock hätte kein besseres Drehbuch schreiben können. Das war Spannung pur“, meinte DLV-Cheftrainer Lauf Rüdiger Harksen. Eine Hundertstel war die Athletin der MTG Mannheim eher im Ziel als die Französin Veronique Mang und holte den ersten Sprinttitel für Deutschland seit DDR-Läuferin Katrin Krabbe 1990.

Im Halbfinale wäre die „Goldmission“ aber fast schief gegangen: Nach dem Hochschnellen aus dem Startblock geriet Sailer durch zu großer Vorlage des Oberkörpers leicht ins Straucheln. „Diesen Tritt in den Hintern habe ich gebraucht“, meinte die Sportmanagement-Studentin.

Schon vor einem Jahr in Berlin war Sailer bei der WM die schnellste Europäerin gewesen und hatte der 4x100-Meter-Staffel als Schlussläuferin Gold beschert. „Wir wollen mit der Staffel noch viel erreichen“, spekulierte Sailer schon auf das nächste EM-Gold am Sonntag.

Die ersten deutschen Titelgewinne bei der EM durch Sailer und Speerwerferin Linda Stahl verfolgten 5,11 Millionen Zuschauer (Marktanteil 17,6 Prozent) in der ARD. „Ich habe mich so gefreut, dass der Titel in Leverkusen bleibt“, meinte die 38-jährige Speerwurf-Titelverteidigerin Steffi Nerius, die ihre Karriere im Vorjahr nach WM-Gold beendet hatte. „Danach hatte ich schon das Gefühl, dass mein Rücktritt auf die Mädels irgendwie befreiend wirkt.“

66,81 Meter reichten Stahl für die siebte Goldmedaille einer deutschen Speerwerferin bei einer EM. „Ich habe einen getroffen, von dem ich noch nicht einmal geträumt habe“, staunte selbst die Medizin-Studentin. „Studium und den Sport unter einen Hut zu bringen, ist eine große Herausforderung“, betonte die 24-Jährige. „Nun will ich erst mal alle Scheine machen und mich dann voll auf Olympia 2012 konzentrieren.“

Die geschlagene Offenbacherin Christina Obergföll (28) konnte sich zwar über Silber freuen, gestand aber auch, dass sie „gerne oben gewesen wäre. Ich fühle beides, Freude und Enttäuschung.“