Moskau - Mit 9,77 Sekunden – seiner schwächsten Zeit in 100-Meter-Endläufen bei Großereignissen – hat der Jamaikaner Usain Bolt im Regen von Moskau bei der Leichtathletik-WM zwar den Titel im Sprint-Klassiker gewonnen. Die Zweifel nach den jüngsten Dopingfällen an der einst schillerndsten Disziplin der Leichtathletik besiegte er aber nicht – wie auch, da jeder Sieg von Bolt inzwischen das Tuscheln nur verstärkt.
Der Erwartungsdruck und der Generalverdacht, unter dem er selbst mitsamt seiner Sportart leidet, setzt Bolt sichtlich zu. „Das lädt mir noch mehr Druck auf. Ich weiß, dass ich mich selbst stark pushen muss“, sagt er: „Ich will der Welt zeigen, dass man auch sauber Titel gewinnen kann.“
Bolt ist zwar erst 26 Jahre alt, aber schon seit fünf Jahren der Heilsbringer der Leichtathletik. 2008 löschte er bei den Olympischen Spielen in Peking durch überragende Leistungen das Feuer, das die amerikanischen Betrüger Marion Jones und Tim Montgomery mit ihrem Dopingskandal gelegt hatten. Immer wieder erstickten seine Rekorde und Triumphe seitdem die auflodernden Diskussionen im Keim. Nach den jüngsten Dopingfällen in der jamaikanischen und der US-amerikanischen Leichtathletik funktioniert dieser Automatismus allerdings nicht mehr.
In Moskau kann Bolt dennoch zum erfolgreichsten Medaillenhamster in der 30-jährigen Geschichte der globalen Titelkämpfe aufsteigen. Am Sonnabend steht der Endlauf über 200 Meter an, am Sonntag greift Bolt mit der 4 x 100-Meter-Staffel erneut nach Gold. Läuft alles nach Plan, stockt er sein Konto auf insgesamt zehn WM-Medaillen (8 Gold, 2 Silber) auf. Damit hätte er den großen US-Star Carl Lewis überholt. Durch den Sieg über 100 Meter am Sonntagabend entschädigte sich Bolt zudem für sein Missgeschick bei der WM 2011 im südkoreanischen Daegu. Dort war er wegen eines Fehlstarts im Finale disqualifiziert worden. Das Rennen gewann damals Yohan Blake (Jamaika), der wegen einer Verletzung nicht in Moskau am Start ist.
