HELSINKI - HELSINKI - Außenseiterin Christina Obergföll hat als erste deutsche Speerwerferin die magischen 70 Meter übertroffen und sensationell den silbernen Schlusspunkt bei der 10. Leichtathletik-WM in Helsinki gesetzt. Mit dem Europarekord von 70,03 Meter stellte die Offenburgerin gestern die Olympia-Zweite Steffi Nerius in den Schatten, für die Bronze blieb. „Ich bin völlig sprachlos und fassungslos“, sagte die Sensations-Zweite, „dass es 70 Meter wurden, schockt mich selbst.“

Übertrumpft wurde das deutsche Duo von der überragenden Kubanerin Osleidys Menendez, die das speerwurfbegeisterte finnische Publikum gleich im ersten Versuch mit dem Weltrekord von 71,70 Meter von den Sitzen riss. Mit den Medaillen Nummer vier und fünf sind die deutschen Leichtathleten im Land der tausend Seen nach der Olympia-Pleite von Athen wieder aus der Versenkung aufgetaucht.

Das interessanteste Speerwurf-Finale der WM-Geschichte war nach zehn Minuten entschieden: Der Gold-Speer von Olympiasiegerin Menendez flog 16 Zentimeter weiter als beim Weltrekord der Kubanerin vor vier Jahren. Christina Obergföll ließ sich aber nicht beeindrucken und landete im zweiten Versuch den größten Wurf ihrer Karriere: Gut drei Meter blieb die 23-Jährige über dem deutschen Rekord von Tanja Damaske (66,91), der nach sechs Jahren fiel. Steffi Nerius (Leverkusen) schaffte 65,96 m.

Im Jahr eins nach Athen ist wieder Aufbruchstimmung zu spüren, von einer Wende kann aber noch nicht die Rede sein. „Die WM macht Mut“, sagte Clemens Prokop, der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV). Die Bilanz der WM 2003 in Paris wurde mit einmal Gold, einmal Silber und dreimal Bronze übertroffen.

Das 52-köpfige DLV-Team hatte Diskus-Ass Franka Dietzsch als erste Weltmeisterin seit 2001 gefeiert. Auf Top-Talente wie Sprinter Tobias Unger und Kugelstoßer Ralf Bartels kann der DLV bauen. Stabartist Tim Lobinger verpasste bei den „Wind- und Wetter-Spielen“ als enttäuschter Fünfter die vielleicht größte Chance seiner Karriere. Kugelstoßerin Nadine Kleinert enttäuschte mit Rang fünf. Mit der Supermacht USA, allen voran Doppelweltmeister Justin Gatlin, wird sich der DLV aber auch künftig nicht messen können.

Marathon-Weltrekordlerin Paula Radcliffe holte sich endlich ihr erstes WM-Gold. Jaouad Gharib (Marokko) verteidigte als erster Marathon-Mann seinen Titel.

Bei tagelang anhaltendem Unwetter galt den Zuschauern in Helsinki, die bis zu Abschlussfeier gestern Abend durchhielten, ein besonderer Dank: 338 000 Tickets wurden an den neun Tagen verkauft, Helsinki wurde mit dem „IAAF World City Award“ ausgezeichnet.