LONDON - Christina Obergföll plant den ganz großen Wurf. „Nachwuchs wäre mal nett“, sagte die Olympia-Zweite und bog sich vor Lachen: „Das Kind kommt dann mit Speer auf die Welt.“ Ihr Lebensgefährte Boris Henry, Bundestrainer und WM-Dritter von 2003 in der gleichen Wurfdisziplin, habe ihr allerdings noch keinen Antrag gemacht. Die 30-jährige Offenburgerin strahlte und scherzte, und es sprudelte nur so aus ihr heraus. Am späten Donnerstagabend hat Obergföll Frieden mit sich und ihrem Sport geschlossen – und mit Silber.

Auch ohne internationalen Titel sieht Obergföll ihre Karriere nicht mehr als unvollendet an. 2008 in Peking holte sie mit Bronze die einzige Medaille für die deutschen Leichtathleten. Zweimal war sie Vize-Weltmeisterin, zweimal Vize-Europameisterin. Zuletzt im Juni in Helsinki, wo sie sehr litt, als ihr die Ukrainerin Wira Rebryk noch Gold wegschnappte.

Mit eher mäßigen 65,16 Metern musste sich die deutsche Rekordhalterin am Donnerstag nur Barbora Spotakova geschlagen geben: Die Weltrekordlerin aus Tschechien holte Gold wie schon vor vier Jahren und war mit 69,55 Metern unantastbar.

Bevor Spotakovas Speer sich zum letzten Mal auf den Rasen senkte, waren sich Obergföll und Linda Stahl vor immerhin 6,9 Millionen TV-Zuschauern im ZDF mit Freudenschreien in die Arme gefallen. „Alle haben mal Glück gehabt. Ich habe seit 2005 nie Glück gehabt. Heute war es mal auf meiner Seite“, erklärte die Silbermedaillengewinnerin später.

Ex-Europameisterin Stahl (Leverkusen) freute sich riesig über 64,91 Meter und die unerwartete Bronzemedaille. Beide profitierten auch davon, dass Weltmeisterin Maria Abakumowa aus Russland auf Platz zehn abgestürzt war. „Linda kann aus Stahl Bronze machen“ twitterte ein Fan. „Aus Wasser kann ich noch keinen Wein machen. Aber aus meiner Weite konnte ich eine Bronzemedaille machen“, meinte die angehende Ärztin lächelnd.