Oldenburg - 2019 war nicht das Jahr von Ruth Spelmeyer. „Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, dass ich mir selber hinterhergelaufen bin“, sagt die Sprinterin aus Oldenburg. Wer als ambitionierter Sportler schon einmal versucht hat, nach einer längeren Pause wieder an frühere Leistungen anzuknüpfen, dürfte das Gefühl kennen. „Das ist ziemlich ernüchternd“, bringt die 29-Jährige es auf den Punkt. Das soll in diesem Jahr endlich wieder anders werden – und dafür ist Spelmeyer auf einem guten Weg.
„Die Form ist ganz gut, ich bin soweit zufrieden“, berichtet die Leichtathletin des VfL Oldenburg, die in Hannover lebt und trainiert, aus ihrem zweiten Trainingslager auf Teneriffa in diesem Jahr – immer noch mit einiger Zurückhaltung. Denn sie kommt gerade erst aus dem Grundlagentraining, „spezifische Tempoläufe“ stehen erst in den kommenden Wochen wieder auf den Trainingsplänen. Deshalb fehle noch der „Gradmesser“. Aber die Voraussetzungen seien „viel besser“ als im Vorjahr – allein, weil sie seit Oktober durchgehend trainieren kann.
Schlechtes Gefühl
In der Saison 2019 war, nachdem sie die Saison 2018 mit einer Stressreaktion im Schambein komplett hatte aussetzen müssen, ein „kontinuierliches und spezifisches“ Training erst ab Januar möglich – viel zu spät für eine Athletin, die zurück in die europäische Spitze möchte. Die Grundlagen, die schon im späten Herbst und über den gesamten Winter gelegt werden, haben gefehlt. „Man hat natürlich trotzdem die Hoffnung, wieder an die alten Leistungen anzuschließen“, meint Spelmeyer. Doch das sei eben nach einer so langen Pause und nach einer so schwerwiegenden Verletzung „sehr sehr schwierig“ oder gar „utopisch“ – auch wenn man das nicht wahrhaben wolle.
Nach vier 400-Meter-Läufen mit Zeiten um die 53,5 Sekunden wurde es schwer, optimistisch zu bleiben. Zum Vergleich: Ihre Bestzeit liegt bei 51,43 Sekunden. „Wenn man so oft Zeiten läuft, die man sonst eigentlich nie läuft, das ist schon blöd“, erzählt Spelmeyer: „Das war schon schwierig, das nach jedem Lauf wieder abzuhaken. Irgendwann hat man schon am Start das Gefühl: Heute kassier’ ich wieder eine. Das sind nicht die besten Voraussetzungen.“
Unfaires System
Doch neues Jahr, neuer Mut – und vor allem der Saisonhöhepunkt beflügelt: die Olympischen Spiele in Tokio, die laut IOC-Präsident Thomas Bach auch trotz des Coronavirus wie geplant ab dem 24. Juli stattfinden sollen. Dafür muss sie sich jedoch erst qualifizieren – und das wird nicht leicht. Denn der Weltverband IAAF hat ein neues System, wonach man sich sowohl über eine deutlich härtere Norm als bislang oder über eine Weltrangliste, für die man bei Wettkämpfen Punkte sammeln muss, qualifizieren kann. Spelmeyer empfindet das als unfair, weil Wettkämpfe unterschiedlich bewertet werden. So bekommen unter Umständen Läuferinnen mehr Punkte, die bei höherklassigen Meetings schlechtere Zeiten laufen als Läuferinnen, die bei schlechter bewerteten Rennen bessere Zeiten erzielen. „Und weil ich 2019 ein schlechtes Jahr hatte, wird es schwerer für mich, in gute Meetings zu kommen“, meint Spelmeyer.
Die frühere Regel, bei dem man einfach eine bestimmte Zeit laufen musste, sei transparenter und nachvollziehbarer gewesen, sagt sie. Das zweite Hauptziel des Jahres ist die EM Ende August in Paris.
Gute Chance für Staffeln
Am liebsten aber will sie nach 2016 noch einmal bei den Olympischen Spielen starten. „Ich hoffe, dieses Jahr wirklich an meine alten Zeiten anknüpfen zu können. Wenn das klappt, und das auch noch ein paar anderen Sprinterinnen gelingt, haben wir gute Chancen, eine Staffel für Tokio zu haben – oder sogar zwei, bei den Frauen und im Mixed.“
Spelmeyers bislang bestes Jahr war das Olympia-Jahr 2016: Sie erreichte als deutsche Meisterin das Olympische Halbfinale und lief Bestzeit. Vielleicht wird 2020 ja auch ein gutes Jahr für die Oldenburgerin.
